Schüler sitzen  im Unterricht in einer Grundschule in Niedersachsen. | Bildquelle: picture alliance / Peter Steffen

Massive Kritik an Bildungspolitik Lehrer dringend gesucht

Stand: 09.08.2018 16:49 Uhr

Note ungenügend für die Bildungspolitik: Eltern, Schüler und Pädagogen sind sauer, dass bisher keine Lösung für den massiven Lehrermangel in Deutschland gefunden wurde. Immer mehr Seiteneinsteiger stehen an der Tafel.

Angesichts eines teils massiven Lehrermangels schlagen Schüler, Eltern und Pädagogen Alarm. Sie werfen Bildungspolitikern schwere Versäumnissse vor und befürchten Nachteile für die Kinder durch Lücken im Unterrichtsstoff.

Lehrer fehlen demnach vor allem an Grundschulen, Förderschulen und ehemaligen Hauptschulen. Die Folgen sind weitreichend: Unterrichtsausfall, größere Klassen, im schlimmsten Fall fehlen sogar Noten auf Zeugnissen. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, rechnet damit, dass sich die Situation zuspitzt. Betroffen seien vor allem die neuen Bundesländer und die Stadtstaaten.

Berlin muss die größte Lücke schließen

In Berlin ist die Lage besonders dramatisch: Im Juni fehlten laut Bildungssenatorin Sandra Scheeres noch 1250 Lehrer - so viele wie noch nie. "Aber auch in Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen ist die Unterrichtsversorgung auf Kante genäht," so Meidinger. Bei Krankheitsausfällen werde es auch dort große Versorgungsengpässe geben.

Tatsächlich seien die Zeiten vorbei, in denen sich die Schüler über Unterrichtsausfall vor allem freuten, sagte der Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz (BSK), Hannes Leiteritz. Sie befürchteten vielmehr Nachteile für die nähere Zukunft - zum Beispiel bei Bewerbungen: "Weniger Unterricht heißt weniger Stoffvermittlung. Und der Stoff, der nicht vermittelt wird, kann auch in späteren Jahren nicht aufgeholt werden."

Prognose: Mehr als elf Millionen Schüler im Jahr 2030

Zu wenige Lehrer - und immer mehr Schüler: Nach einer offiziellen Prognose wird die Zahl der Schüler bis 2030 bundesweit um 278.000 auf 11,2 Millionen steigen. Das seien über zwei Prozent mehr als 2016, hatte die Kultusministerkonferenz (KMK) im Mai mitgeteilt. Als Gründe nannte sie gestiegene Geburtenzahlen und viele Zuwanderer.

Die Länder tun inzwischen einiges, um das Ruder herumzureißen: Bayern will mit einem Ausbau des Studienangebots auf die steigenden Schülerzahlen reagieren: Ab Oktober soll es dort unter anderem 700 neue Studienplätze fürs Grundschullehramt geben. Sachsen will mit einer Geldprämie versuchen, den Lehrermangel auf dem Land einzudämmen: Referendare sollen von Januar 2019 an bis zu 1000 Euro Zulage bekommen, wenn sie ihren Anwärterdienst im ländlichen Raum absolvieren. In Brandenburg können bald Lehrer nach der Pensionierung weiter arbeiten, bei einem besonderen dienstlichen Interesse.

Holter: Durchlässigkeit zwischen Schulen erhöhen

Helmut Holter
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KMK-Chef Holter will flexibleren Einsatz der Lehrer erreichen.

Thürigens Bildungsminister und KMK-Chef Helmut Holter schlägt vor, Lehrer nicht mehr strikt getrennt nach Schularten auszubilden. "Wenn wir erreichen wollen, dass wir den Unterricht an den Schulen absichern wollen, müssen wir die Durchlässigkeit zwischen den Schulen erhöhen", sagte Politiker der Linkspartei. Die Lehrerausbildung dürfe nicht mehr etwa nach Gymnasium, Grund- und Realschule erfolgen, sondern nach Altersstufen der zu unterrichtenden Kinder. Dadurch könnten Lehrer flexibler an unterschiedlichen Schulen eingesetzt werden.

Politiker fordern Sofortmaßnahmen

Linkspartei-Chef Bernd Riexinger kritisierte "jahrzehntelange, schwere Versäumnisse" in der Bildungspolitik und forderte die Soforteinstellung von 10.000 Grundschullehrern sowie ein Anheben der Besoldung angestellter Lehrer auf Beamtenniveau.

Die FDP-Politikerin Nicola Beer sprach sich für "ein Sofortprogramm für weltbeste Bildung" aus. Dabei sei es wichtig, "dass der Lehrerberuf vor allem auch im Grundschulbereich finanziell attraktiver wird. Für Seiteneinsteiger muss es einfacher möglich sein, an Schulen unterrichten zu können".

Seiteneinsteiger als "Notlösungen"

Länder versuchen mit Seiteneinsteigern, Lücken zu stopfen. In Nordrhein-Westfalen hatte 2017 laut Schulministerium jeder neunte neu eingestellte Lehrer keine grundständige Ausbildung. Meidinger sieht diesen Trend kritisch und spricht von einer "Notlösung": "Geschieht das in großem Umfang, verschlechtert das die Unterrichtsqualität."

In Thüringen fangen zum Schulstart ab Montag 28 Neulehrer ohne pädagogische Ausbildung an zu unterrichten. In Sachsen werden 329 Seiteneinsteiger gezählt, unbesetzt bleiben 230 Lehrerstellen. Landeskultusminister Christian Piwarz erklärte, dies sei unbefriedigend, angesichts der Bewerberlage aber zu erwarten gewesen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 09. August 2018 um 16:08 Uhr.

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