Lebensmittel im Müll | Bildquelle: dpa

Kehrseite des Wohlstands Deutsche werfen zu viel Essen weg

Stand: 13.03.2012 12:19 Uhr

In deutschen Privathaushalten landen jedes Jahr rund 6,7 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Mit 65 Prozent wäre weit mehr als die Hälfte davon zumindest teilweise noch zu gebrauchen, heißt es in einer Studie für das Verbraucherschutzministerium. Hochgerechnet werfen deutsche Privathaushalte jährlich demnach größtenteils noch genießbare Speisen im Wert von bis zu 21,6 Milliarden Euro weg. Pro Kopf der Bevölkerung entspricht das einer Summe von 235 Euro pro Jahr.

Die Privathaushalte sind der Untersuchung der Universität Stuttgart zufolge damit zugleich für den mit Abstand größten Teil der insgesamt elf Millionen Tonnen Lebensmittel verantwortlich, die in Deutschland jedes Jahr als Abfall entsorgt werden. Auf sie entfallen 61 Prozent der Gesamtmenge. Der Rest wird in der Industrie und bei Großverbrauchern wie Restaurants und Kantinen aussortiert (je 17 Prozent) oder fällt im Groß- und Einzelhandel an (etwa fünf Prozent).

Die Studie ist den Angaben des Verbraucherministeriums zufolge die erste genaue Untersuchung des Problems. Bisher gab es nur Schätzungen, wie groß die Lebensmittelverschwendung in Deutschland ist.

Vermeidbar, teilweise vermeidbar und unvermeidbar

Insgesamt unterscheiden die Verfasser der Analyse zwischen vermeidbaren, teilweise vermeidbaren und unvermeidbaren Lebensmittelabfällen:

Unvermeidbar sind ungenießbare Reste, etwa Bananenschalen oder Knochen. Teilweise vermeidbar sind Reste, die wegen unterschiedlicher Ernährungsgewohnheiten anfallen - etwa wenn ein Restaurantbesucher sein Gericht nicht ganz aufisst. Als vermeidbare Abfälle gelten Lebensmittel, die uneingeschränkt genießbar wären. Der Studie nach sind das in Privathaushalten vor allem Obst und Gemüse. Sie machen fast die Hälfte (44 Prozent) der dort anfallenden vermeidbaren Speiseabfälle aus. Lebensmittel werden in den Haushalten vor allem zu Müll, wenn beim Einkaufen falsch kalkuliert wird, der Überblick über die Vorräte fehlt, Nahrungsmittel falsch aufbewahrt werden oder das Mindeshaltbarkeitsdatum abgelaufen ist.

Ministerin Aigner bei der Vorstellung der Studie über weggeworfene Lebensmittel in Deutschland | Bildquelle: REUTERS
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Ministerin Aigner bei der Vorstellung der Studie in Berlin

Hintergrund


  • Jeder Bundesbürger wirft pro Jahr 81,6 Kilogramm Lebensmittel weg.
  • Pro Tag und pro Person wandern damit im Schnitt 225 Gramm Lebensmittel in den Müll - das entspricht etwa der Menge des täglichen Frühstücks.
  • Insgesamt kommen in Deutschland knapp elf Millionen Tonnen Lebensmittel auf den Müll.
  • 47 Prozent der Lebensmittelabfälle wären vermeidbar.
  • Eine Person entsorgt jährlich vermeidbare Abfälle im Wert von 235 Euro, auf Deutschland gerechnet sind das 21,6 Milliarden Euro.
  • Zumeist landen Gemüse (26 Prozent), Obst (18 Prozent) und Backwaren (15 Prozent) auf dem Müll.

Quelle: Studie Uni Stuttgart im Auftrag des Bundesverbraucherministeriums

Mindesthaltbarkeitsdatum mit irritierender Wirkung

"Wir leben in einer Überfluss- und Wegwerfgesellschaft. In Deutschland und Europa wird viel zu viel weggeworfen, wertlos gemacht, vernichtet", erklärte Aigner. "Jeder von uns kann seinen Beitrag leisten, die Verschwendung wertvoller Ressourcen zu stoppen." Es sei Zeit für einen Bewusstseinswandel und für mehr Wertschätzung für Lebensmittel, betonte die CSU-Politikerin.

In diesem Zusammenhang plant Aigner eine Aufklärungsaktion zum Mindesthaltbarkeitsdatum mit dem Einzelhandel. Dies soll vermeiden, dass Lebensmittel in die Abfalltonne kommen, obwohl sie nach diesem Datum noch genießbar wären. Sie verwies darauf, dass auch die EU-Kommission und das Europaparlament bereits an konkreten Vorschlägen zur europaweiten Reduzierung der Wegwerfraten arbeiteten. Aigner bekräftigte, sie wolle sich in der EU für die Abschaffung aller Vermarktungsnormen einsetzen. "Irgendwelche Normen dürfen kein Vorwand sein, Agrarprodukte unterzupflügen oder einfach wegzuwerfen", sagte sie.

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