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Das heute gestartete "Nationale Bildungspanel" könnte eine große Chance für ältere Arbeitnehmer werden, meint Lernforscher Stamov Roßnagel im tagesschau.de-Interview: Viele von ihnen seien der Ansicht, dass sie unfähig sind, Neues zu lernen. Das sei aber kompletter Unsinn.
tagesschau.de: Herr Professor Stamov Roßnagel, ist das "Nationale Bildungspanel" eine sinnvolle Maßnahme?
Christian Stamov Roßnagel: Es ist insofern sinnvoll, als dass es die bisher bruchstückhaften und aus verschiedenen Quellen stammenden Informationen zum Bildungsverhalten der Deutschen in einer guten Weise bündelt und über die gesamte Lebensspanne hinweg verfügbar macht. Wir haben sehr viele Informationen über bestimmte Abschnitte des Lebens, wie Kindheit und Schulzeit, und dafür sehr wenige Informationen über andere, zum Beispiel ältere Beschäftigte.

tagesschau.de: Lebenslanges Lernen ist ein Schlagwort unserer Zeit. Woran liegt das?
Stamov Roßnagel: Wir erleben einen Wandel der Arbeitswelt durch Globalisierung und einen dadurch bedingten Wandel der Arbeitsformen, eine stärkere Betonung von Wissensarbeit und höheren Wettbewerbsdruck. Die Anforderungen an Flexibilität, an das Sich-Einstellen-Können auf neue Arbeitsbedingungen und neue Arbeitsanforderungen sind enorm gewachsen. Das Wichtigste, was man da als persönliche Ressource in die Waagschale werfen kann, ist die eigene Lern- und Anpassungsfähigkeit. Die wird durch Weiterbildung ganz entscheidend gefördert.
tagesschau.de: Acht unterschiedliche Lebensphasen sollen im Panel untersucht werden. Wie unterscheiden sich die Altersgruppen voneinander, was das Lernen angeht?
Stamov Roßnagel: Unser Lernvermögen entwickelt sich in Kindheit und Jugend noch und erreicht seine volle Leistungsfähigkeit erst im jungen Erwachsenenalter. Ab da bis zu dem Alter, in dem wir von "älteren" Beschäftigten sprechen, verändert sich qualitativ nicht mehr viel - anders als oft behauptet. Die Zweifel an der Lernfähigkeit ab einem bestimmten Alter kann ich aus lernpsychologischer Sicht nicht bestätigen.
tagesschau.de: Heißt das, ein 60-jähriger Mann kann genauso gut und viel lernen wie eine 25-jährige Studentin?
Stamov Roßnagel: Im Prinzip ja. Der 60-Jährige traut sich nur was anderes zu - in der Regel weniger. Er verfolgt mit dem Lernen zwar andere Zwecke als die Studentin, nämlich konkrete und auf seinen Beruf bezogene. Aber wie das Gehirn lernt, das funktioniert bei ihm nicht anders als bei der Studentin. Wir finden zwar immer wieder leichte Leistungsunterschiede in puncto Geschwindigkeit und Aufmerksamkeitsspanne. Die lässt ab einem gewissen Alter nach. Aber das sind Lernformen, die im Labor sehr gut untersucht sind, auf das Lernen im Alltag aber nur mit Einschränkungen übertragen werden können. Und deswegen spielen diese Unterschiede im Alltag kaum eine Rolle - sofern das Vertrauen in das eigene Lernvermögen vorhanden ist.
tagesschau.de: Warum fehlt dieses Vertrauen?
Stamov Roßnagel: Unsere Studien zeigen: Wenn man immer wieder gesagt bekommt, dass bestimmte Dinge im Alter nicht mehr funktionieren, dann glaubt man das irgendwann selbst. Dann fährt man seine Anstrengungen zurück, weil man denkt, ohnehin nicht mehr viel erreichen zu können.
tagesschau.de: Dann ist der ältere Arbeitnehmer also selbst schuld?
Stamov Roßnagel: Nein, dazu gehören immer zwei: Der Einzelne, der meint, es ohnehin nicht zu schaffen und sich deshalb weniger engagiert. Und auf der anderen Seite Außenstehende, in der Regel Vorgesetzte, die fehlende Motivation als Grund dahinter vermuten. Eine Folge kann dann sein, dass in "ältere" Arbeitnehmer nicht mehr investiert wird.
tagesschau.de: Deshalb werden Weiterbildungsmaßnahmen so wenig besucht?
Stamov Roßnagel: Deshalb und wegen unserer Perfektionismus-Kultur. Wir interpretieren die Teilnahme an einer Fortbildung als Zeichen der Schwäche: Wer in einem gewissen Alter noch eine Weiterbildung besuchen muss, muss Defizite haben, heißt es. Und auch hier geht diese Einstellung von beiden Seiten aus: Wenn man sich selbst als alten Hasen und als Profi erlebt, hat man ein Problem damit, sich einzugestehen, dass man sich auf dem einen oder anderen Gebiet noch weiterbilden muss.
tagesschau.de: Für wen ist das Risiko am größten, abgehängt zu werden?
Stamov Roßnagel: Das hängt von Hierarchiestufen ab. Als Führungskraft gilt man mit Mitte 40 zum Beispiel noch nicht als alt, da ist man auf dem Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit. Im mittleren Management oder auf der Nicht-Führungs-Ebene gilt man mit Mitte 40 allerdings durchaus schon als älter. Jenseits der 40 wird es kritisch; ab 45 ist es schon eher ungewöhnlich, und spätestens mit 50 ist die Teilnahme an Weiterbildungen sehr ungewöhnlich.
tagesschau.de: In welcher Branche ist die Gefahr am höchsten?
Stamov Roßnagel: In den sogenannten wissensnahen Branchen wie der Medizin oder auch dem IT-Bereich: Dort werden ständig neue Technologien eingeführt, und wenn es sich dabei nur um Software handelt. In anderen Branchen arbeitet man noch oft nach Abläufen, die es auch vor ein paar Jahren schon gab, wie zum Beispiel im klassischen Job am Fließband.
Das Gespräch führte Nicole Diekmann, tagesschau.de.
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