Interview

Rolf Pfeifer forscht über künstliche Intelligenz und Robotorik. (Foto: Ethan Oelman)

Interview zur künstlichen Intelligenz "Wir sind schon längst versklavt"

Stand: 29.01.2014 11:33 Uhr

Künstliche Intelligenz verändert das Leben der Menschen. Nicht umsonst hat Google erst neulich die Firma DeepMind gekauft. Wissenschaftler Rolf Pfeifer erwartet den baldigen Siegeszug von Autos ohne Fahrer und hilfreichen Robotern. Im Interview mit tagesschau.de erklärt er, warum wir längst abhängig von Geräten sind und wie Roboter denken.

tagesschau.de: Herr Pfeifer, wie denken Roboter?

Pfeifer: Es kommt ganz darauf an, was man unter denken verstehen mag. Es ist bestimmt eines der Ziele, Roboter zu kreieren, die eigenständig denken können, kreativ und somit intelligent sind. Aber das ist nur eine Fragestellung unseres Forschungsgebietes. Weitere Ziele betreffen alles rund um nützliche Anwendungsmöglichkeiten. Ein Beispiel, welches jedem bekannt ist, sind die Automatisierungsroboter in Fabriken.

tagesschau.de: Wo endet die Intelligenz eines Roboters - bei der seines menschlichen "Vaters"?

Pfeifer: Das stimmt bis zu einem gewissen Grad. Ein Gebiet der Forschung befasst sich mit der Lernfähigkeit von Systemen. Was können Systeme in der Interaktion mit der Umwelt selbstständig lernen? Denn von da an hat der Kreator nicht mehr die Kontrolle darüber. Der Roboter kann also Dinge lernen, an die sein Entwickler vorher gar nicht gedacht hat.

alt Rolf Pfeifer ist Direktor des Labors für künstlische Intelligenz der Universität Zürich.

Zur Person

Rolf Pfeifer ist Direktor des Labors für Künstliche Intelligenz an der Uni Zürich. Er erforscht die Rolle des Körpers bei intelligentem Verhalten in Bezug auf den Lebensraum, den Roboter mit uns teilen.

In Zukunft steuern Autos eigenständig durch den Stadtverkehr

tagesschau.de: Wo befindet sich die Forschung heute?

Pfeifer: Was sicher in den kommenden Jahren auf uns zukommen wird, ist das Fahren ohne menschlichen Fahrer. Sprich das Auto, das sich selber lenkt. Und das ist von technischer Seite aus bereits gelöst. Viele Autofirmen befinden sich in Testphasen. Im Moment bleibt aber noch die juristische Frage: Wer hat Schuld bei einem Unfall? Fahrer, Autohersteller oder Programmierer?

tagesschau.de: Würden Sie denn in einen solchen Wagen einsteigen?

Pfeifer: Absolut. Sofort. Man darf davon ausgehen, dass der Autoverkehr um einiges sicherer wird, wenn solche Wagen im großen Stil produziert werden.

tagesschau.de: Trotzdem kann ein solcher Wagen doch mal versagen. Wo liegen im Allgemeinen die Gefahren?

Pfeifer: Gefahren gibt es immer, sind aber einschränkbar. Und natürlich kann ein Wagen einen Fehler in der Sensorik haben und rast in eine Menschenmenge. Um diese Fehler zu beheben, forschen wir weiter - doch die meisten Bugs sind ausgemerzt.

Mit Hilfe der Technologie möglichst viel Autonomie schaffen

Ein Roboter wird auf der Messe "Ideen Park" | Bildquelle: AFP
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Oftmals sehen Roboter aus wie wir Menschen.

tagesschau.de: Nun gibt es neben solchen Wagen auch Pflegeroboter. Was dürfen wir uns von solchen Robotern versprechen?

Pfeifer: Wichtig ist erst einmal, dass es nicht das Ziel ist, den Menschen zu ersetzen, sondern der alternden Bevölkerung möglichst lange, möglichst viel Autonomie zu geben. Ich glaube, man muss das pragmatisch sehen. Wenn Sie zum Beispiel ein kaputtes Knie haben, dann würden Sie auch lieber den Lift nehmen, als sich die Treppe von jemandem hochtragen zu lassen. Sie benutzen also Technologie, um ihrem momentanen physischen Problem zu begegnen.

tagesschau.de: Autonomie ist also das Schlüsselwort?

Pfeifer: Ich nutze Technologie, um Autonomie zu erlangen. Und auch die bereits angesprochenen Autos gehören dazu. Wenn ich alt bin und nicht mehr gut sehen kann, kann ich ein solches Auto nutzen, um mich fortzubewegen. Je mehr Prozesse automatisiert werden können, so dass wir alle selbstständig für uns sorgen können, umso besser.

tagesschau.de: Sie haben bisher von funktionalen Entwicklungen gesprochen. Wird es denn auch Realität werden, dass wir irgendwann Roboter zum Freund haben, mit ihnen ins Kino gehen oder lange Telefonate führen können?

Der Sprachcomputer Watson gewinnt 2011 gegen seine Kontrahenten im US-amerikanischen Fernsehen. | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Der Sprachcomputer Watson gewinnt 2011 gegen seine Kontrahenten im US-amerikanischen Fernsehen.

Pfeifer: Im Moment ist das Fiktion. Als Forscher schließe ich aber nichts aus. Zum Beispiel "Watson" ...

tagesschau.de: ... ein Sprach-Computer, der 2011 bei der amerikanischen "Jeopardy"-Ausgabe gegen die besten Kandidaten gewinnen konnte ...

Pfeifer: ...mit genau dem kann man eigentlich auch nett plaudern. Er ist zwar eine Kiste. Doch dass man sich mit ihm unterhalten kann, hat menschliche Züge. Ob in Zukunft nun Roboter entwickelt werden, die menschlich aussehen, rumlaufen oder stationäre Kisten bleiben, die mit uns sprechen, kann man noch nicht sagen.

Hörimplantate lassen Gehörlose wieder hören

tagesschau.de: Gibt es denn irgendwelche Grenzen?

Pfeifer: So richtige Grenzen, gibt es nicht, da oftmals mehr möglich ist, als man vorher dachte. Wo sicherlich aber Forschungsbedarf herrscht, ist bei der Sensorik von Maschinen. Wenn wir also vom Fühlen sprechen. Hierbei handelt es sich oftmals einfach nur um einen faden Abklatsch unserer menschlicher Haut.

tagesschau.de: Nun kennen sie bestimmt auch einige Science-Fiction-Filme, in denen Cyborgs vorkommen. Wesen als Kombination aus Mensch und Maschine ...

Eine externe Einheit des Cochlea Implantats wird am Hinterkopf befestigt. | Bildquelle: picture-alliance/ dpa
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Eine externe Einheit des Cochlea Implantats wird am Hinterkopf befestigt.

Pfeifer: Was wir ja bereits haben, das sind Cochlea Implantate. Also Hörprothesen für Gehörlose. Diese Prothesen sind direkt an das Nervensystem angekoppelt und bieten den Betroffenen Rehabilitation. Für diese Menschen hat ein neues Leben begonnen. Wir reden hier von einem Grenzgebiet der Medizin mit der Künstlichen Intelligenz.

tagesschau.de: Wir profitieren also von Ihrer Forschung.

Pfeifer: Genau, und von einzelnen Geräten sind wir jetzt schon total abhängig. Wir können nicht mehr entscheiden, ob wir unsere Computer bedienen wollen oder nicht. Wir werden von der Technik gezwungen, sie zu benutzen. Wir sind quasi schon längst versklavt. Es ist einfach so. Denn unser Benefit ist subjektiv gesehen höher als der Schaden, den wir hätten. Denn so können wir die Aufgaben, die für uns mühsam sind, den Maschinen überlassen und uns auf die Dinge konzentrieren, die uns Spaß machen.

Das Interview führte Jan Koch für tagesschau.de

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