Kernspin

Kritik am "Nationalen Krebsplan" "Die Früherkennung wird überschätzt"

Stand: 22.08.2012 09:58 Uhr

Die Zahlen sind alarmierend: Jeder Vierte stirbt in Deutschland an Krebs. Mit dem "Nationalen Krebsplan", den das Bundeskabinett heute beschlossen hat, sollen Vorsorge und Therapien verbessert werden. Dieser Vorstoß stößt jedoch auf Kritik. Gehen die Maßnahmen in die richtige Richtung?

Von Simone von Stosch, tagesschau.de

Annette B. hat der regelmäßige Gang zur Krebsvorsorge-Untersuchung das Leben gerettet. Ihr Frauenarzt ertastete vor zwei Jahren in der linken Brust einen großen Knoten. Eine Gewebeentnahme ergab, dass es sich um ein Mammakarzinom handelt. Dann ging alles sehr schnell: Die Einweisung in die Klinik, eine Brustamputation, Chemotherapie und Nachsorge. Annette B. hat den Krebs besiegt.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr
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Will mit Vorsorgeuntersuchungen die Krebsrate senken: Gesundheitsminister Bahr

Die meisten Frauen gehen wie Annette B. regelmäßig zur Brustkrebs-Vorsorgeuntersuchung. Nicht bei allen Krebsarten ist diese Bereitschaft so groß. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr will deshalb die Bürger weit umfangreicher als bisher zu Vorsorge drängen. So soll die Zahl der Krebsopfer sinken. Denn derzeit fallen jährlich noch über 200.000 Menschen in Deutschland der Krankheit zum Opfer.

Vor allem bei Gebärmutterhalskrebs und Darmkrebs setzt der Bundesgesundheitsminister auf die Früherkennung. Er will, dass "jeder rechtzeitig zu der für ihn sinnvollen kostenlosen Früherkennung eingeladen wird". Dazu sollen die Krankenkassen ihre Mitglieder regelmäßig zu Voruntersuchungen auffordern. Geschätzte Kosten dafür: bis zu 60 Millionen Euro.

Ab welchem Alter und in welchen Intervallen die für den Patienten kostenlosen Vorsorgeuntersuchungen angeboten werden sollen, ist noch offen. Das wird der Gemeinsame Bundesausschuss GBA - die Selbstverwaltung der Ärzte, Kliniken und Krankenkassen - auf Grundlage von EU-Empfehlungen ausarbeiten. Die sehen vor, dass die Vorsorge gegen Darmkrebs ab dem 50. Lebensjahr beginnen soll, bei Gebärmutterhalskrebs empfiehlt die EU eine regelmäßige Untersuchung zwischen frühestens 20 und spätestens 60 Jahren.

Krankenkassen bezweifeln den Nutzen der Initiative

Die Krankenkassen sehen dem Gesetz mit gemischten Gefühlen entgegen. Die Vorstandsvorsitzende des VDEK, Ulrike Elsner, befürchtet einen enormen "bürokratischen Zusatzaufwand". Die Kassen seien bei der Krebsvorsorge schon jetzt sehr aktiv und würden ihre Mitglieder gut informieren, so Elsner gegenüber tagesschau.de. Auch der geschäftsführende Vorstand der AOK stellt den Nutzen der organisierten Einladungsverfahren infrage. "Bei Gebärmutterhalskrebs lassen sich - auf einen Drei-Jahres-Zeitraum bezogen - heute weit über 80 Prozent der Frauen zwischen 20 und 30 Jahren durchchecken. Das ist auch durch Einladungen kaum noch zu toppen."

Wie nützlich ist die Krebsvorsorge tatsächlich?

Wie sehr die Vorsorge bei der Krebsbekämpfung hilft, ist umstritten. "Die Früherkennung wird total überschätzt", so der Gesundheitsexperte der SPD, Karl Lauterbach, gegenüber tagesschau.de. 

Viel wichtiger als die Vorsorge sei die Vorbeugung wie Sport, gesundes Essen und die Aufklärung über Krebsrisiken. All das werde im "Nationalen Krebsplan" ausgeklammert. "Das Gesetz bleibt weit hinter dem zurück, was möglich wäre", meint Lauterbach.

Ähnlich sieht es die Grünen-Politikerin Birgitt Bender. Es herrsche "zu viel Euphorie" in Sachen Früherkennung. "Die Voruntersuchungen bergen ja auch Risiken." Bei einer Darmspiegelung bestehe zwar die Chance der Früherkennung. Die Untersuchung sei aber auch belastend und berge das Risiko von Verletzungen. Außerdem bestehe die Gefahr der Über-Diagnosen. "Es kommt dann zu Operationen oder Therapien auch in Fällen, wo dies gar nicht nötig ist", so Bender. Sie fordert eine bessere Aufklärung der Bürger über die Risiken von Vorsorgeuntersuchungen. Und diese Aufklärung könnten gut geschulte Hausärzten leisten.

Die klinischen Krebsregister - ein Schritt in die richtige Richtung

Forschungsarbeiten im Labor (Bildquelle: picture-alliance/ ZB)
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Daten über Krebstherapie und Krankheitsverlauf sollen künftig in klinischen Krebsregistern zusammengefasst werden.

Neben Vorsorgeuntersuchungen setzt der Gesundheitsminister mit dem neuen Gesetz auf einen besseren Austausch von Daten für Therapie und Nachsorge. Dazu sollen flächendeckend sogenannte klinische Krebsregister eingerichtet werden, in denen alle relevanten Daten von der Diagnose über die Behandlungsschritte bis zu Nachsorge und Rückfällen systematisch erfasst werden. Das Ziel: die Behandlungen zu verbessern und die Therapien zu überprüfen. So sollen auch die einzelnen Krankenhäuser besser kontrolliert werden. Denn nicht jede Klinik behandelt Krebs gleichermaßen erfolgreich. Während in Krankenhäusern mit nur wenig Krebserfahrung bis zu 15 von 100 Lungenkrebspatienten sterben, liegt die Quote in spezialisierten Kliniken bei nur einem Toten auf 100 Erkrankungen.

SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach begrüßt die neuen Krebsregister. Er moniert aber, dass diese dezentral in den Ländern eingerichtet würden. "Krebsdaten sind sehr wichtige Daten. Sie müssten an einer zentralen Stelle erfasst werden, um allen den Zugriff zu erleichtern", so Lauterbach.

"Die Bürger werden dumm gehalten"

Karl Lauterbach (Bildquelle: picture alliance / Eventpress Mu)
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Karl Lauterbach will die Daten aus den künftigen Krebsregistern auch den Bürgern zur Verfügung stellen. Sie würden sonst "dumm gehalten".

Der SPD-Politiker sieht in dem Gesetz auch aus noch einem anderen Grund eine "verpasste Gelegenheit". Die Daten aus den Krebsregistern würden der Öffentlichkeit nicht zur Verfügung gestellt. Der Bürger erfahre gar nicht, welche Therapieformen besonders erfolgsversprechend sind und durch welche Umstände die Risiken einer Krebserkrankung steigen. So hat sich zum Beispiel herausgestellt, dass die Entnahme der Lymphknoten unter den Achseln bei Brustoperationen nicht nötig ist und sogar Folgekrankheiten auslösen kann. Solche Erkenntnisse müssten den Bürgerinnen und Bürgern direkt zugänglich gemacht werden, meint der Gesundheitsexperte. "Die Datenerhebung wird von den Bürgern durch ihre Beiträge bezahlt, die Register können aber nur von Ärzten und Experten genutzt werden. Das ist nicht akzeptabel", so Lauterbach. Die Bürger würden dadurch "dumm gehalten".

Ähnlich argumentieren die Krankenkassen. AOK-Vorstandsmitglied Uwe Deh meint: "Auch Patienten und deren Angehörige müssen gesicherte und verständliche Informationen darüber erhalten, welche Therapie für eine konkrete Krebsbehandlung die beste ist und wo es die beste Behandlung dazu gibt. Mit dem vorliegenden Gesetzentwurf wird das noch nicht erreicht." Auch Deh fordert ein bundesweit einheitliches Krebsregister mit "aussagefähigen, übergreifenden und transparenten Daten".

Einig sind sich alle Beteiligten in einem: die Möglichkeiten der Krebstherapie und der Prävention sind noch lange nicht ausgeschöpft. Noch längst nicht haben genug Menschen die Chance, so wie Annette B., die tückische Krankheit zu besiegen.

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