Krautreporter erreichen Funding-Ziel

"Krautreporter"-Crowdfunding erfolgreich Hoffnungsprojekt für den Journalismus

Stand: 13.06.2014 18:51 Uhr

Die größte Crowdfunding-Kampagne im deutschen Onlinejournalismus ist gelungen: Einen halben Tag vor Ende der gesetzten Frist erreichte  "Krautreporter" das Ziel von 15.000 Unterstützern. Die Idee könnte den Journalismus insgesamt voranbringen.

Von Caroline Ebner, tagesschau.de

Ihr Ziel hatte sich die 28-köpfige Redaktion der "Krautreporter" hoch gesteckt, nun haben sie es erreicht: Mehr als 900.000 Euro sind zusammengekommen, mit denen die Gründer zunächst für ein Jahr ein neues Onlinemagazin auf die Beine stellen wollen. Mehr als 15.000 Abonnements à 60 Euro konnten sie im Voraus verkaufen. Eine Großspende der "Rudolf Augstein Stiftung" gab der Kampagne auf den letzten Metern noch einmal Schwung. Mit dieser neuen Form der Finanzierung, dem Crowdfunding, verbindet Herausgeber Sebastian Esser auch eine Hoffnung: "Wenn man das Geschäftsmodell ändert, dann ändert man auch den Journalismus", hatte er zu Beginn der Kampagne angekündigt.  Denn "Krautreporter" wollen weg vom werbefinanzierten Onlinejournalismus, den sie für "kaputt" erklärten - hin zu langen Reportagen, von den Lesern finanzierten Geschichten.

Tweet der Krautreporter
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Mit diesem Tweet gaben die Krautreporter ihren Erfolg bekannt.

Crowdfunding bislang: kleine Summen, Nischenprojekte

Dabei ist weniger die Idee, sondern die Finanzierung einmalig: Noch nie kam dabei  in Deutschland soviel Geld für ein journalistisches Crowdfunding-Projekt zusammen. Stefan Heijnk, Journalistik-Professor an der Hochschule Hannover, sieht darin auch eine "Strahlkraft", die bisherigen Projekten nicht innewohnte. Denn bislang war das Crowdfunding im deutschen Journalismus vor allem bei deutlich kleineren Projekten erfolgreich: Zeitungsreporter Johannes Ehrmann finanzierte sich zum Beispiel eine Recherchereise in das Kosovo, Videoblogger Tilo Jung die Europareise für sein Format "Jung & Naiv", jetzt sind sie beide Teil des neuen Teams. 47 Projekte fanden über das Vorgängerportal des Magazins "Krautreporter" auf diese Art eine Finanzierung durch ihre künftigen Leser und Zuschauer. Um 4000 Euro ging es dabei im Schnitt.

Selbst die zuvor größte erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne im deutschen Journalismus hatte in diesem Frühjahr nur ein Dreißigstel des "Krautreporter"-Ziels angepeilt: Mit den 30.000 Euro, die die Macher von "Substanz" von ihren Unterstützern erhielten, wollen sie ihr neues digitales Wissenschaftsmagazins zwar "aus der Garage fahren", wie "Substanz"-Gründer Georg Dahm sagt. Die Crowdfunding-Summe war dabei - anders als bei "Krautreporter" - aber lediglich ein Bestandteil ihrer Finanzierung, hinzu kamen eigenes Kapital und Investoren. Diese Mischfinanzierung ist aus Sicht von Journalistik-Professor Heijnk bei Crowdfunding-Projekten durchaus sinnvoll, das Eigenkapital untermauere zusätzlich die Ernsthaftigkeit eines Projektes.

Der Vorteil der "Substanz"-Gründer zudem: "Sie haben sich auf eine ganz bestimmte Nische konzentriert", sagt die Geschäftsführerin von "Startnext", Anna Theil, über deren Portal "Substanz" das Geld einwarb. "Dabei gelang es ihnen, ihre künftigen Nutzer davon zu überzeugen, dass sie eine Lücke schließen", sagt Theil, was eine wichtige Voraussetzung für ein erfolgreiches Crowdfunding darstelle. Das gelang nun auch "Krautreporter".

Das Vorbild: "De Correspondent" in den Niederlanden

International ist "Krautreporter"aber nicht allein: In den USA ist die Finanzierung über Mäzene und Crowdfunding seit längerem verbreitet, zudem gibt es mit "De Correspondent" ein großes Vorbild in den Niederlanden. In nur acht Tagen bekamen die Macher dort vergangenes Jahr eine Million Euro von ihren Unterstützern. Mehr als 30.000 Abonnenten hat das zahlungspflichtige Onlinemagazin inzwischen.

Und schon 2008 startete in Frankreich "Mediapart" - zwar ohne Crowdfunding, aber der Idee von "Krautreporter"nicht unähnlich. Denn das Onlinemagazin verzichtet auf Werbung und finanziert sich rein über Abos. 80.000 Abonnenten brachten das Unternehmen inzwischen in die schwarzen Zahlen und finanzieren so die investigative Recherche. Zahlreiche politische Skandale deckte "Mediapart" bereits auf. 

Die Hoffnung: Neue Finanzierungsmöglichkeiten für alle

Vom zunehmenden Erfolg von Crowdfunding-Projekten im Journalismus könnte die gesamte Medienbranche profitieren, erwartet Karsten Wenzlaff vom Institut für Kommunikation in sozialen Medien. Schließlich suchen vor allem die Verlage angesichts einbrechender Werbeerlöse seit geraumer Zeit nach Finanzierungsmöglichkeiten im Internet, bemängeln immer wieder die Gratiskultur im Netz. Für das Lesen der Artikel aber grundsätzlich Geld zu verlangen, davor schrecken die meisten Verlage noch zurück. Wenzlaff zufolge kann "Krautreporter" daher "als Vorbild für leserfinanzierte Online-Medienhäuser dienen". Er erwartet deshalb, dass dem "Krautreporter"-Projekt weitere in Europa folgen werden.  

Nicht umsonst hatten sich Branchengrößen wie FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher ebenso stark gemacht für das Projekt wie Verlegersohn Konstantin Neven DuMont und "Der Freitag"-Verleger Jakob Augstein. Neue Plattformen zu entwickeln sei wichtig, sagt Journalistik-Professor Heijnk. Die Printbranche stecke in einem tiefgreifenden Strukturwandel und jedes journalistische Start-Up sei deshalb zu begrüßen. "Für werbefrei finanzierten Journalismus gibt es aktuell noch kein Patentrezept", mit "Krautreporter" gehe nun aber ein spannendes Projekt an den Start. Die Diskussion im Vorfeld habe gezeigt, dass es für derartige Projekte eine interessierte und zahlungsbereite Öffentlichkeit gebe.

Die Zukunft: Club-Journalismus?

Krautreporter-Gründer Sebastian Esser | Bildquelle: dpa
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"Krautreporter"-Gründer Sebastian Esser hofft, die Erwartungen der Branche auch erfüllen zu können.

Das Prinzip, das die Verlage aufhorchen lässt, ähnelt dabei bekannten Strukturen wie Sportvereinen oder Genossenschaften, sagt Crowdfunding-Experte Wenzlaff. Denn anstatt die einzelnen Artikel kostenpflichtig zu machen und hinter einer Paywall zu "verstecken", lässt sich "Krautreporter" die Teilnahme an der Community  bezahlen. Auch nach der Crowdfunding-Kampagen sollen Leser die 5 Euro im Monat und 60 Euro im Jahr nicht für den Zugang zu den Texten ausgeben, sondern um beispielsweise Artikel kommentieren zu können und auf Veranstaltungen eingeladen zu werden. "Wir werden auch klassische Medien erleben, die ihren Club-Bereich ausbauen und eine Paywall davor setzen werden", erwartet Wenzlaff deshalb. Dies bedeute aber auch, dass klassische Medien mehr Interaktion mit den Lesern und Nutzern zulassen müssten. Hier müssten bei allen Medien neue Wege eingeschlagen werden, fordert er. Denn der Erfolg kleiner und großer journalistischer Projekte, sich direkt vom Leser finanzieren zu lassen, zeige schließlich auch, dass "Mut und Experimentierformen vom Publikum geschätzt werden".

So sieht es auch "Krautreporter"-Gründer Esser: "15.000 Menschen wollten, dass es klappt", jubelte er kurz nach Erreichen der Zielmarke. Auf ihn und seine Mitstreiter kommt nun aber die eigentliche Arbeit zu: Die ganze Branche werde das Projekt mitverfolgen, erwartet Journalistik-Professor Heijnk. "Jetzt müssen sie beweisen, dass sie wirklich den besseren Onlinejournalismus anbieten können." Esser ist sich der Herausforderung bewusst: "Ich hoffe, dass wir den Erwartungen gerecht werden können, aber das wird schwer." Doch wenn es ihnen gelingen sollte, gewinnt der gesamte Onlinejournalismus in Deutschland. Sollte bereits in einem Jahr Schluss sein, ist die Branche zumindest um eine wertvolle Erfahrung reicher.

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