Rolf-Dieter Krause 2004 in Brüssel | Bildquelle: Bernd-Michael Maurer

Rolf-Dieter Krause geht in den Ruhestand "Ich war einfach jung und neugierig"

Stand: 24.07.2016 05:02 Uhr

Insgesamt 20 Jahre lang berichtete Rolf-Dieter Krause über die Europäische Union. Jetzt verabschiedet er sich in den Ruhestand. Ein Blick zurück auf das europäische Projekt, das Raumschiff Brüssel und Freundschaften mit Politikern.

Von Julian Heißler, tagesschau.de

Vor zwei Jahren verliebte sich Rolf-Dieter Krause noch einmal neu. Er war beruflich unterwegs, bei einem EU-Treffen in Mailand, als sein Blick auf eine Schönheit am Straßenrand fiel. Sie war groß, kräftig und sanft grün. "Eine BMW 800 GS", erinnert sich Krause. Heute fährt er mit dem gleichen Motorrad durch die Straßen von Brüssel. Den notwendigen Führerschein machte er erst im vergangenen Jahr - und erfüllte sich damit einen Lebenstraum. "Ich wollte so einen Hobel haben, seit ich in den Sechzigern 'Easy Rider' im Kino gesehen habe", so Krause im Gespräch mit tagesschau.de. Irgendetwas kam jedoch immer dazwischen.

Doch damit ist es jetzt vorbei. In der kommenden Woche geht Krause, langjähriger Leiter des ARD-Studios in Brüssel, in den Ruhestand.

Rund 20 Jahre lang berichtete Krause aus der belgischen Hauptstadt - von 1990 bis 1995 und von 2001 bis heute. Seien es die Verhandlungen über den Vertrag von Maastricht, das Scheitern der EU-Verfassung, die Ost-Erweiterung oder die Euro-Krise: Wann immer die Europäische Union die Nachrichtensendungen drängte, erklärte Krause seinen Zuschauern die Zusammenhänge, ordnete ein und kommentierte. Für viele wurde der Mann mit Halstuch so zu einer Institution. "Kompetent in der Sache, kritisch in der Analyse, klar im Wort", beschrieb etwa das "Medium Magazin" Krause, als es ihn 2012 zum "Journalisten des Jahres" kürte.

Rolf-Dieter Krause | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Am 13. Januar 2013 wird Rolf-Dieter Krause vom "Medium Magazin" zum "Journalisten des Jahres" ausgezeichnet.

Aus der Trollfabrik

Doch Krause machte sich mit seiner Arbeit nicht nur Freunde. Als er etwa im Zuge der Griechenland-Krise in Kommentaren und Talkshows immer wieder Kritik an der Regierung in Athen übte, begeisterte das nicht alle. Er vermittle "verpackt im Rollenprofil vermeintlicher Neutralität eine ganz bestimmte Botschaft", stichelte etwa die Wochenzeitung "der Freitag". Ein Kolumnist von "Spiegel Online" unterstellte Krause wiederum, nach seinen langen Jahren in Brüssel "an einer Art Stockholm-Syndrom" zu leiden und nur noch in der "Rationalität der Macht" zu denken. Eine Online-Petition, die nach einem russlandkritischen Kommentar Krauses dessen Entlassung forderte, erhielt ein Jahr zuvor rund 6000 Unterschriften.

"Als ich davon erfahren habe, habe ich ehrlich gesagt gegrinst", erinnert sich Krause. So richtig überrascht war er von der Petition nicht: "Wenn man sich kritisch mit Putin auseinandersetzt, hat man gleich die ganze Trollfabrik an der Backe." Auch die Kritik an seinen Talkshow-Auftritten will er nicht so stehen lassen. "Alle Journalisten lernen, nach der Form zu unterscheiden", sagt er. Ein Talkshow-Auftritt sei etwas anderes als ein tagesschau-Beitrag. "In einem Bericht hat meine Meinung nichts zu suchen. In einer Talkshow sieht das anders aus. Da soll ich sie ja gerade vortragen - und zwar saftig, kräftig und klar."

Rolf-Dieter Krause | Bildquelle: NDR/Wolfgang Borrs
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Krause nahm auch häufig an Talkshows teil - und machte sich mit seinen Auftritten nicht nur Freunde.

Von Lüneburg nach Brüssel

Wenn Krause in der kommenden Woche in den Ruhestand geht, kann er auf eine 45-jährige Laufbahn als Journalist zurückblicken. Im Alter von 20 Jahren volontierte er bei der "Landeszeitung für die Lüneburger Heide" in seinem Geburtsort Lüneburg, wechselte jedoch bald zur "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". Dort tourte er durch die verschiedenen Lokalredaktionen, bis er schließlich 1982 beim WDR landete. Nach Stationen als landespolitischer Korrespondent in Düsseldorf und im Bonner Hauptstadtstudio kam er 1990 schließlich das erste Mal nach Brüssel. "Damals hatte ich noch keine besondere Sicht auf die Europäische Gemeinschaft", erinnert sich Krause. "Ich war einfach jung und neugierig."

Vieles war damals noch anders in der europäischen Hauptstadt. "Als ich das erste Mal nach Brüssel kam, hat etwa die Kommission noch viel widerstandsloser hingenommen, wenn sie aus den Mitgliedsstaaten für alles Mögliche verantwortlich gemacht wurde. Damals hat man hier vielleicht kurz gezuckt und dann die andere Wange hingehalten, wenn auf sie eingeprügelt wurde. Und das Europäische Parlament hat in den Neunzigern eigentlich nur Parlament gespielt. Es hatte nichts zu sagen", so Krause. Heute gebe es ein anderes Selbstbewusstsein. Die Kommission lasse sich nicht mehr so leicht ins Bockshorn jagen und das Parlament übe heute genauso Macht aus wie der Bundestag, manchmal sogar mehr.  

Abschied von Rolf-Dieter Krause
ARD-Morgenmagazin, 11.07.2016, Christian Feld, WDR Brüssel

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Fremd und undurchsichtig

1995 kehrte Krause ins Bonner Studio zurück, doch die Brüsseler Themen ließen ihn nicht los. "Europa ist der Versuch ganz unterschiedlicher Staaten, ihre Souveränität gemeinsam auszuüben und damit effizient zu sein. Es ist ein einmaliges Projekt in der Geschichte der Menschheit", sagt er. "Das fand ich unglaublich spannend." Wie viele andere Brüssel-Korrespondenten war er angefixt. 2001 kehrte er schließlich als Studioleiter in die belgische Hauptstadt zurück. "Es ist der einzige Job in meinem Leben, der mir nie langweilig geworden ist", sagt er.

Ausgerechnet Brüssel? Die Stadt belegt im Ranking der lebenswertesten Orte der Welt Platz 22 - hinter Stuttgart. Für Außenstehende wirkt die belgische Hauptstadt vor allem fremd und undurchsichtig. Bonn nannte man früher das "Treibhaus", über Berlin liegt heute eine sprichwörtliche "Blase" oder "Käseglocke". Brüssel wird hingegen als "Raumschiff" bezeichnet - viel mehr Distanz geht nicht.

Rolf-Dieter Krause im Jahr 2001 | Bildquelle: Klaus Görgen
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Rolf-Dieter Krause im Jahr 2001, als er nach Brüssel zurückkehrt.

Abstand und Nähe

An diesen Bildern sei durchaus etwas dran, sagt Krause. Umso wichtiger sei für ihn der Kontakt mit Zuschauern gewesen. "Wenn Reisegruppen nach Brüssel kamen und das ARD-Studio besichtigen wollten, habe ich immer versucht, mir eine Stunde Zeit für Gespräche zu nehmen", sagt er. So habe er erfahren, was sein Publikum über die Themen dachte und welche Fragen noch offen seien. "Das hat mich immer wieder aus dem Raumschiff herausgeholt", so Krause.

Trotzdem ist man in Brüssel in gewisser Weise unter sich. Nach 20 Jahren brutto kennt Krause längst alle wichtigen Entscheider und Strippenzieher in den EU-Institutionen. Als der WDR kürzlich einen Abschiedsfilm über seinen Brüssel-Korrespondenten zeigte, fanden sich darin zahlreiche Grußworte von führenden europäischen Politikern - von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker bis zu Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Auch EU-Parlamentspräsident Martin Schulz lobte seinen "Freund" Krause und berichtete, beide seien bereits zusammen im Urlaub gewesen.

"Viele verwechseln Freundschaft mit Kungelei"

Ist so viel Nähe zwischen Journalisten und Politikern nicht problematisch? "Ich habe zwei Freunde in der Politik, Martin Schulz ist einer von ihnen", sagt Krause. Dies funktioniere jedoch nur, weil beide bestimmte Regeln einhielten. "Ich habe ihn nie nach Informationen gefragt, die er nicht auch anderen Journalisten gegeben hätte, und er hat nie erwartet, dass ich mich mit Kritik an ihm zurückhalte", so Krause.

Gemeinsam Urlaub gemacht hätten sie allerdings nie. "Da spielt ihm sein Gedächtnis einen Streich", sagt Krause. Er habe Schulz in den Neunzigern einmal zufällig im Urlaub in der Bretagne getroffen, man hätte dann einen gemeinsamen Tagesausflug mit den Kindern gemacht, erklärt Krause. Er halte dies für unbedenklich. "Viele verwechseln Freundschaft mit Kungelei", sagt er. "Aber Kungelei mache ich nicht."

Nie zum Jubel-Europäer geworden

Trotz seiner langen Jahre im Brüsseler Raumschiff ist Krause nie zum Jubel-Europäer geworden. Bereits 1992 schrieb er ein Buch mit dem Titel "Europa auf der Kippe: Vierzehn Argumente gegen den Vertrag von Maastricht". In der Euro-Krise sah er seine Befürchtungen bestätigt. Im Gespräch mit tagesschau.de kommt er auch immer wieder auf die "Zwangsbeglückungen" durch die EU zu sprechen.

Trotzdem bewundert er das europäische Projekt. "Die Ursachen, die früher zu Kriegen zwischen den europäischen Staaten geführt haben, sind auch heute alle noch da. Da ist es doch besser, dass die Konflikte jetzt am Verhandlungstisch gelöst werden", sagt er. Mit der starren Einteilung in EU-Befürworter und EU-Gegner kann er dennoch nichts anfangen. "Als ich in Bonn kritisch berichtet habe, hat auch niemand gefragt, ob ich für oder gegen Deutschland bin."

Abschied von der EU - ausgerechnet jetzt

Es scheint Krause schon ein bisschen zu wurmen, dass er Brüssel ausgerechnet jetzt verlässt. Schließlich steht die EU durch die Brexit-Entscheidung, die Euro-Krise und die Frage des Umgangs mit den hohen Flüchtlingszahlen derzeit vor riesigen Herausforderungen. Trotzdem will er zunächst einmal kürzer treten. Seine Wohnung in Brüssel, in der er 15 Jahre lebte, muss aufgelöst werden, der Umzug zurück nach Deutschland organisiert werden.

Das Thema Europa wird ihn zwar weiter beschäftigen, doch Krause hat auch noch andere Pläne: "Sich an einem Sommertag einfach auf den Bock schwingen und in den Spreewald rausfahren - was kann es schöneres geben?"

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Julian Heißler Logo tagesschau.de

Julian Heißler, tagesschau.de

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