Kommentar

Bundespräsident Steinmeier Mit Abenteuerlust und Sprachgewalt

Stand: 22.03.2017 19:59 Uhr

Selbstbewusst, leidenschaftlich und ansteckend gut gelaunt - Steinmeier hat den Rollenwechsel vom Diplomaten zum neuen Staatsoberhaupt auf Anhieb geschafft. Der frisch vereidigte Bundespräsident fand die richtigen Worte - nicht nur beim Thema Erdogan.

Ein Kommentar von Katrin Brand, ARD-Hauptstadtstudio

Das ging ja flott. Der neue Bundespräsident hatte seine erste Rede noch gar nicht recht begonnen, da flammten schon die Eilmeldungen auf. "Steinmeier fordert Erdogan zu Mäßigung auf." Und auf der Regierungsbank guckten die Minister verblüfft: War das ihr stets diplomatischer Ex-Kollege, der da gerade gesagt hatte: "Respektieren Sie den Rechtsstaat! Geben Sie Deniz Yücel frei!"

Ja, es war Steinmeier - und er hat den Rollenwechsel auf Anhieb geschafft: Vom Chefdiplomaten zum Präsidenten, vom Außenminister zum Deutschlandversteher, vom SPD-Politiker zum überparteilichen Staatsoberhaupt.

Überparteilich ja, aber parteiisch und nicht neutral: ein wichtiger Unterschied, den der neue Steinmeier heute selbstbewusst, leidenschaftlich und ansteckend gut gelaunt im Bundestag ausbreitete.

Keine Ewigkeitsgarantie für Demokratie

Parteiisch will er sein für die Sache der liberalen Demokratie, deshalb der Appell an Erdogan. Die Demokratie habe keine Ewigkeitsgarantie, sagt Steinmeier, sie müsse verteidigt werden - gegen Gleichgültigkeit genauso wie gegen die Anfechtungen derer, die glauben, sie nicht mehr zu brauchen. Gebraucht wird sie aber, weil sie die einzige Staatsform ist, die Selbstkritik und Selbstverbesserung mit eingebaut hat.

Steinmeier spricht von der Staatsform der Mutigen, die sich trauen und zutrauen, das Schicksal ihrer Gesellschaft selbst zu gestalten - in unkartiertem Gelände.

Abenteuerlust und Sprachgewalt bringt er also mit, der neue Präsident, der - wie seine Vorgänger auch - nichts als die Macht des Wortes in seinem Instrumentenkasten hat und damit für den Zusammenhalt im Land sorgen muss. Die richtigen Fragen dazu hat er auch schon angerissen: zum Beispiel nach dem Gelingen von Integration, dem Versprechen von Aufstieg durch Bildung, nach dem Oben und Unten in der Gesellschaft. Das will er diskutieren, unterwegs im Land, denn vom Streiten lebt die Demokratie.

Überholte Rollenvorstellung

In diesem guten Sinn gestritten werden sollte dann auch mal über die Rolle der sogenannten First Lady. Nach dem Prinzip "Mitgefangen, mitgehangen!" werden eigenständige, erfolgreiche Frauen zu Gratisdienstleisterinnen der Gesellschaft verpflichtet, als wären wir noch in den Fünfziger-Jahren. Hätten wir schon mal eine Bundespräsidentin mit einem aufmüpfigen Gatten gehabt, wäre das Problem längst irgendwie gelöst. So aber gibt nun wieder eine kluge Frau ihre Karriere auf und beißt sich lächelnd durchs Ehrenamt.

Aber, wer weiß, die Amtszeit hat gerade erst angefangen. Dem Herrn Bundespräsidenten und Frau Büdenbender, wie es nun offiziell heißen wird, ist zuzutrauen, dass sie einen eigenen, neuen Weg finden. Einen starken Einstieg in unvorhersehbare Jahre haben wir auf jeden Fall schon erlebt.

Kommentar: Mit Steinmeier ins unkartierte Gelände
K. Brand, ARD Berlin
22.03.2017 17:42 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Redaktioneller Hinweis

Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors und nicht die der Redaktion wieder.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 22. März 2017 um 21:35 Uhr.

Darstellung: