Zollfahnder haben im Hamburger Hafen Pakete mit  717 Kilo Kokain sichergestellt. | Bildquelle: dpa

BKA-Bericht Kokainschwemme in Deutschland

Stand: 07.03.2017 01:00 Uhr

Der Kokainschmuggel aus Südamerika nach Deutschland nimmt drastisch zu. Das geht aus BKA-Zahlen hervor, die dem NDR vorliegen. Gewerkschaften fordern mehr Personal für Polizei und Zoll.

Von Lena Gürtler, Christoph Heinzle, Benedikt Strunz, NDR

Der 3. Februar 2017 in Hamburg, eine Lagerhalle im Hamburger Hafen. Stolz präsentiert der Präsident des Zollkriminalamts, Norbert Drude, eine "Rekordmenge Kokain", die seine Beamten aus einem Schiffscontainer aus Curaçao gefischt haben: 717 Kilogramm hochreiner Stoff mit einem Marktwert von mehr als 140 Millionen Euro. Der Stoff war unter einer Ladung Schrott versteckt und extra in Bleimäntel eingeschlagen. Zusätzlich hatten die Täter das Kokain in Benzin getränkt, um Spürhunde zu täuschen. In der Containerröntgenanlage fielen die Kokainbarren den Hamburger Zöllnern dennoch auf. Er sei jetzt seit fünf Jahren Chef des Zollkriminalamtes, sagt Drude, "aber eine solche Menge Kokain auf einem Haufen habe ich noch nicht gesehen".

Hamburger Zoll findet 717 Kilogramm hochreines Kokain in einem Container aus Curacao
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Der Hamburger Zoll fand kürzlich 717 Kilogramm hochreines Kokain in einem Container aus Curaçao.

"Dramatische Entwicklung"

Glaubt man der Einschätzung des Bundeskriminalamtes (BKA) wird es wohl nicht der letzte Rekordfund sein, den Drude zu Gesicht bekommt. Zu den Aufgaben des BKA-Referats Schwere und Organisierte Kriminalität gehört es, den weltweiten Kokainmarkt im Blick zu behalten. Was die Kriminalisten dort sehen, gefällt ihnen derzeit ganz und gar nicht. "Ich spreche von einer dramatischen Entwicklung, die uns tatsächlich Sorgen bereitet", sagt Referatsleiterin Bettina Fehlings.

In einer internen Statistik erfasst das BKA alle weltweiten Kokain-Sicherstellungen über 50 Kilogramm. Die Zahlen, die dem NDR vorliegen, sind in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Im Jahr 2016 haben Zoll, Polizei und Militärs demnach auf der ganzen Welt 576 Tonnen Kokain gefunden, das sind etwa 40 Prozent mehr als im Vorjahr und etwa 72 Prozent mehr als noch 2014.

Dies sei die größte jemals sichergestellte Menge Kokain, so das BKA. Die jüngsten Zahlen passen zur Einschätzung der Vereinten Nationen. Die hatten unlängst erklärt, dass sich die Anbaufläche von Koka-Sträuchern, dem Grundstoff für Kokain, in Kolumbien nahezu verdoppelt hat. Kolumbien ist eines der Hauptanbaugebiete für Kokain.

Kokain drängt auf deutschen Markt

Ein Zollbeamte durchsucht Container nach Drogen
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Die Menge des sichergestellten Kokain ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen.

Selbstverständlich gelange dieser Stoff auch nach Westeuropa und damit nach Deutschland, so Fehlings. Große Mengen Kokain werden dabei insbesondere auf Containerschiffen geschmuggelt. Insofern verwundert es nicht, dass in den drei größten europäischen Containerhäfen Hamburg, Rotterdam und Antwerpen immer neue Rekordmengen Kokain beschlagnahmt werden. In Rotterdam waren es im zurückliegenden Jahr 14 Tonnen (2015: 4,6 Tonnen) und in Antwerpen 27 Tonnen (2015: 16 Tonnen).

Nach Angaben von BKA und Zoll gelangt über beide Häfen Kokain auch auf den deutschen Markt. Auf Anfrage von NDR Info und Panorama 3 teilte das Zollkriminalamt mit, dass auch die Kokainfunde in Bremerhaven und in Hamburg seit Jahren ansteigen, 2016 auf 1,1 Tonnen (2015: 0,7 Tonnen). Bereits jetzt deutet sich an, dass auch in diesem Jahr ein neuer Rekord aufgestellt wird.

Besonders problematisch sei die Tatsache, dass der Straßenpreis von Kokain trotz regelmäßiger Großsicherstellungen in Deutschland stabil bleibe, so der Sprecher der Zollfahndung Wolfgang Schmitz. "Für uns ist das ein eindeutiges Indiz dafür, dass die Organisationen ausgefallene Lieferungen mühelos ersetzen können."

Häfen im Visier von Kokainbanden

Nach Angaben von Polizei und Zoll geraten europäische und deutsche Häfen zunehmend in den Fokus internationaler Rauschgiftbanden. Die Täter stammen aus allen möglichen Ländern, etwa aus der Türkei, aus Südamerika, aus Osteuropa und nicht zuletzt aus Deutschland. Immer wieder sehe man in Europa auch "Statthalter der Kokainkartelle" am Werk, die Bestellungen aus Europa mit dem Angebot in Südamerika koordinieren, heißt es vom Zollkriminalamt. Bisweilen würden diese sogar eigens von Kokainkartellen eingesetzt.

Am häufigsten wird Kokain derzeit als "Beipack" in Schiffscontainern geschmuggelt, ohne dass davon die Schiffsbesatzung oder der Spediteur etwas wissen. Bei dieser sogenannten "Rip-Off"-Methode werben die Täter gezielt Hafenarbeiter an "die wissen, wann das Schiff ankommt, wo der Container genau liegt und wie sie vom Hafengelände runterbekommen", sagt der Hamburger Staatsanwalt Ronald Giesch-Rahlf. Hierfür versprechen die Kriminellen ein Schmiergeld zwischen mehreren zehn- und einigen hunderttausend Euro.

Kokainschmuggler haben in den vergangenen Jahren auch wiederholt versucht, Zöllner zu bestechen, um besser an die Drogenlieferungen zu kommen. Mehrere deutsche Zöllner haben sich dabei ihren Vorgesetzten offenbart und damit erfolgreiche Ermittlungsverfahren angestoßen, sagt Wolfgang Schmitz im NDR-Interview. "Letzten Endes hoffen wir natürlich, dass die Quote der Zollbeamten, die sich dann auch tatsächlich bestechen lassen und damit für die Täter handeln, möglichst niedrig ist."

Gewerkschaften fordern besser Ausstattung

Verpackte Kokain-Barren
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Das Rauschgift wird von den Kokainkartellen mit Zeichen versehen.

Der Kokainschmuggel ist ein klassisches Kontrolldelikt. Das bedeutet, je intensiver nach der Droge gesucht wird, desto mehr wird auch gefunden. Um mehr Kokain vom Markt abzuschöpfen, sei deshalb mehr Personal bei Polizei und Zoll nötig, sagte Frank Buckenhofer von der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Allein der Zoll brauche 2000 zusätzliche Einsatzkräfte für Kontroll- und Streifendienste und noch einmal 1000 für die Zollfahndung, um seine Vollzugsaufgaben unter anderem in der Rauschgiftbekämpfung wahrnehmen zu können.

GdP und der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) weisen darauf hin, dass sich die Prioritäten der Sicherheitsbehörden verschoben hätten, hin zu Themen wie Terrorismus, Migration und Wohnungseinbrüchen. "Das Tischtuch ist zu klein und es wird von allen Seiten daran gezogen", sagte Oliver Huth vom BDK.

Kokain als Volksdroge

Galt Kokain in den 1980er-Jahren noch als Droge der Reichen, hat sich dieses Image längst gewandelt. In Großstädten wie Berlin, Hamburg oder Dortmund kann Kokain mühelos auf der Straße gekauft werden. Nach Erkenntnissen der Polizei sind in mehreren deutschen Städten auch so genannte "Kokain-Taxis" unterwegs. Abhängige können hier per Telefon ihre Order aufgeben und bekommen den Stoff dann geliefert.

Wie viel Kokain tatsächlich auf den deutschen Markt gelangt, ist unklar. In ganz Deutschland wurden im vergangenen Jahr 3,1 Tonnen des Pulvers beschlagnahmt. BKA-Ermittler gehen davon aus, dass man etwa fünf bis zehn Prozent der tatsächlich verfügbaren Menge konfisziere.

Viele Konsumenten unterschätzen die Gefährlichkeit der Droge. Immer noch gelte Kokain im Vergleich zum Heroin als "saubere" Droge. "Vielleicht wegen des weißen Pulvers", mutmaßt Zollfahnder Schmitz. Tatsächlich warnen Suchtberater eindringlich vor den erheblichen psychischen und körperlichen Folgen von regelmäßigem Kokainkonsum.

Zudem sollten sich Kokain-Konsumenten sehr genau überlegen, wen sie mit ihrer Sucht eigentlich unterstützen, sagt Schmitz. Viele Täter seien bewaffnet und dazu bereit, ihre Gewinne zu verteidigen. "Diejenigen, die sich in Deutschland mit Kokainschmuggel verdingen, sind handfeste Kriminelle, die sich kein bisschen um beispielsweise soziale Fragen kümmern und denen es nur um ihren Gewinn geht."

BKA registriert dramatische Zunahme des Kokainhandels
C. Heinzle, NDR
07.03.2017 18:10 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 07. März 2017 um 04:43 Uhr.

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