Bill Clinton während seiner Trauerrede für Helmut Kohl | Bildquelle: dpa

Trauerakt in Straßburg "Mit Kohl verlässt uns ein Nachkriegsgigant"

Stand: 01.07.2017 13:22 Uhr

Internationale Staats- und Regierungschefs haben Helmut Kohls im Europaparlament in Straßburg gedacht. Kommissionspräsident Juncker nannte ihn ein "kontinentales Monument". Ex-US-Präsident Clinton sagte, mit Kohl habe das 21. Jahrhundert in Europa begonnen. Kanzlerin Merkel dankte Kohl für sein Eintreten für die Wiedervereinigung.

Im EU-Parlament in Straßburg haben zahlreiche Staats- und Regierungschefs sowie Weggefährten Abschied von dem verstorbenen Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl genommen. EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker würdigte tief bewegt und mit sehr persönlichen Worten das Wirken Kohls. Kohl habe ihn als "treuer Freund" lange begleitet, sagte er. "Mit Helmut Kohl verlässt uns ein Nachkriegsgigant." Juncker erinnerte an Kohls Rolle als Kanzler der deutschen Wiedervereinigung und beim Zusammenwachsen Europas.

"Lieber Helmut, Du bist jetzt im Himmel. Versprich mir, dass Du dort nicht als erstes einen CDU-Ortsverband gründest." Jean-Claude Juncker

Ähnlich persönlich sprach der frühere US-Präsident Bill Clinton über den Verstorbenen. Im Mittelpunkt seines politischen Lebens habe die Frage nach der Identität gestanden. Er habe es dabei geschafft, zugleich Patriot und Europäer zu sein und bei den Nachbarstaaten in Vertrauen in die Verlässlichkeit seiner Person, aber mehr noch eines vereinigten Deutschlands zu stiften. "Mit Kohl begann das 21. Jahrhundert in Europa", sagte Clinton.

"Ich habe ihn geliebt. Ich habe ihn sehr gemocht", bekannte Clinton weiter. Kohl habe eine Welt gewollt, in der Zusammenarbeit als besser gilt als der Konflikt. "Er wollte eine Welt schaffen, in der niemand niemanden dominiert." Zum Schluss sagte Clinton: "Du hast das gut gemacht in Deinem Leben. Und wir, die wir dabei sein durften, lieben Dich dafür."

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker würdigt Kohl als deutsch-europäischen Patrioten. | Bildquelle: dpa
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EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker würdigt Kohl als deutsch-europäischen Patrioten.

Ex-US-Präsident Clinton während seiner Rede bei der Trauerfeier für Alt-Bundeskanzler Kohl. | Bildquelle: dpa
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"Er hat mich dazu bewogen, Dinge zu essen, die ich nicht essen wollte" - auch diese Erinnerung an Kohl teilte Clinton mit den Gästen des Trauerakts.

Macrons Blick nach vorn

Der französische Präsident Emmanuel Macron beschrieb Kohl als großen Freund Frankreichs. "Helmut Kohl reichte uns die Hand", sagte Macron. Er erinnerte an die Annäherung beider Länder in den 1980er-Jahren und die Nähe Kohls zum damaligen französischen Präsidenten François Mitterrand.

Macron bekräftigte auch erneut seinen Willen zur Zusammenarbeit mit Deutschland und mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Macron, der seine Rede auf Französisch hielt, sprach am Ende auch Deutsch: "Wir haben heute überhaupt keinen Anlass zur Resignation. Wir haben vielmehr Grund zu realistischem Optimismus."

Merkel hebt die Wiedervereinigung hervor

Bundeskanzlerin Angela Merkel ging in ihrer Rede ausführlich auf die Verdienste Kohl bei der Überwindung der deutschen Teilung ein. Sie erinnerte daran, wie Kohl den Menschen in der DDR "Kraft gegeben und Mut gemacht" habe.

Merkel betonte, Kohl habe die Einheit Deutschlands gewollt, als andere gezaudert oder sich schon abgewendet hätten. Insbesondere hob die Kanzlerin den Anteil Kohls an ihrem Lebensweg hervor.

"Dass ich hier stehe, daran haben Sie entscheidenden Anteil. Danke für die Chancen, die Sie mir gegeben haben." Angela Merkel

Kanzlerin Merkel verneigt sich vor dem Sarg von Alt-Bundeskanzler Kohl. | Bildquelle: AFP
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Wie andere Redner auch verneigte sich Merkel vor dem Sarg Kohls.

Lange Rednerliste

Insgesamt blickten acht Redner auf Kohls Vita zurück, darunter auch der russische Ministerpräsident Dimitri Medwedjew und Spaniens früherer Regierungschef Felipe Gonzsales.

Der Trauerakt endete mit der deutschen Nationalhymne sowie Beethovens "Ode an die Freude", der inoffiziellen Hymne der EU. Anschließend trugen Soldaten des Wachbataillons den mit einer Europaflagge bedeckten Sarg des Altkanzlers aus dem Plenarsaal. Es ist das erste Mal, dass die Europäische Union einen Politiker mit einem offiziellen Trauerakt ehrt.

Reden von Merkel, Clinton und Macron

Vor dem Trauerakt hatten die geladenen Gäste die Möglichkeit, sich persönlich vom "Kanzler der Einheit" zu verabschieden. Sein Sarg wurde dafür am Morgen in einem Protokollraum aufgebahrt. Vor dem Saal konnten sich die Trauernden in ein Kondolenzbuch eintragen.

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Trauerfeiern für Helmut Kohl

Die Reihen des europäischen Parlaments sind vollbesetzt.

Helmut Kohl ist der erste Politiker, der mit einem europäischen Trauerakt geehrt wird. Damit sollen die Verdienste des langjährigen Bundeskanzlers (1982 bis 1998) um den Aufbau Europas gewürdigt werden. Der am 16. Juni verstorbene Altkanzler ist einer von nur drei Ehrenbürgern Europas. | Bildquelle: REUTERS

Totenmesse im Dom zu Speyer

Nach dem Akt in Straßburg bringt ein Hubschrauber den Sarg zurück in Kohls Geburtsstadt Ludwigshafen. Dort wird der Sarg durch die Innenstadt gefahren. Die letzten Kilometer bis ins nahe Speyer bringt dann ein Schiff den Leichnam Kohls. Im dortigen Dom findet die Totenmesse statt, zu der rund 1500 geladene Gäste erwartet werden.

Kaiserdom von Speyer | Bildquelle: dpa
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Der Kaiserdom zu Speyer gehört zum Weltkulturerbe und gilt als eines der bedeutendsten Zeugnisse mittelalterlicher Architektur in Europa.

Militärische Zeremonie

Nach einem militärischen Ehrenzeremoniell der Bundeswehr soll Kohl dann auf einem nahen Friedhof in Speyer im Freundes- und Familienkreis beigesetzt werden.

Kohl war am 16. Juni im Alter von 87 Jahren in Ludwigshafen gestorben. Zwischen 1982 und 1998 war er Bundeskanzler und damit der bislang am längsten amtierende Regierungschef der Bundesrepublik.

Bei uns können Sie die Trauerfeierlichkeiten in Speyer im Livestream verfolgen sowie ab 17:10 Uhr in einer Sondersendung im Ersten.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. Juli 2017 um 14:40 Uhr.

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