Kohl Einheit | Bildquelle: picture alliance / dpa

Porträt Helmut Kohl Der Schwarze Riese

Stand: 16.06.2017 17:49 Uhr

Strickjackendiplomat, Einheitskanzler, Baumeister des Hauses Europa: Helmut Kohl hat sich seinen Platz in den Geschichtsbüchern gesichert. Doch der Pfälzer bleibt auch durch die Parteispendenaffäre in Erinnerung.

Von Vera Schmidberger, SWR Mainz

Helmut Kohl und Michail Gorbatschow in Deidesheim | Bildquelle: picture alliance / KUNZ / Augenk
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Auch Michail Gorbatschow kam nach Deidesheim.

Das Ambiente ist rustikal im Deidesheimer Hof in der Pfalz: dunkle Holzdecken, getäfelte Wände, massives Mobiliar. Doch genau hier, in diesem Gasthaus im Winzerstädtchen Deidesheim, saß Helmut Kohl immer wieder mit den Großen der Weltpolitik. Saumagen oder Blutwurststrudel der Sterneküche garnierte Kohl gerne mit seinen persönlichen Botschaften an Maggie Thatcher, Michail Gorbatschow oder Boris Jelzin. Diese Treffen - sie standen beispielhaft für Kohls Bestreben, Politik auf ein Vertrauensverhältnis zwischen Regierenden zu stützen. Heimatliebe als politisches Instrument.

So war der Deidesheimer Hof über Jahre hinweg eine Art kulinarische Außenstelle des Kanzleramtes. Danach noch Kaffee und Kuchen  im Oggersheimer Kanzlerbungalow - für Helmut Kohl ein perfekter Staatsbesuch. Die Öffentlichkeit verfolgte, wie Kohl mit pfälzer Gemütlichkeit Weltpolitik machte. Von Kritikern wurde das gerne als peinlicher Provinzialismus verspottet, und doch war dieser Stil am Ende zu Kohls persönlichem Markenzeichen geworden.

Senkrechtstarter aus der Provinz

Es war ein rückständiges Rheinland-Pfalz, in dem Helmut Kohls politische Karriere begann. Schon mit 17 Jahren gehörte er zu den Gründern der Jungen Union in Ludwigshafen. Ehrgeizig und ungeduldig strebte Kohl nach vorne. 1959 wurde er Abgeordneter im rheinland-pfälzischen Landtag. Sein Aufstieg war Teil eines innerparteilichen Generationenwechsels, bei dem der junge Kohl einen liberalen und pragmatischen Parteiflügel repräsentierte. Seinen rasanten Weg zur Spitze machte der Pfälzer zunächst als energischer Modernisierer: Als er 1969 in die Mainzer Staatskanzlei einzog, war er der jüngste Ministerpräsident Deutschlands. Sieben Jahre später wechselte er als Oppositionsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion nach Bonn.

Helmut Kohl - Kanzler der Wiedervereinigung
16.06.2017, Stephan Ebmeyer, SWR

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Das "System Kohl"

Als "Schwarzer Riese" wurde Kohl häufig und gerne tituliert. Seine wichtigsten Machtinstrumente: Telefon und Terminkalender. Er war ein meisterhafter Netzwerker mit ausgeprägtem Gespür für seine Gefolgsleute, die er förderte, auf Linie brachte, wenn nötig unter Druck setzte. "Für mich ist Macht nichts Schlechtes, sondern etwas Notwendiges, um Dinge gestalten, um Dinge bewegen, um Dinge verändern zu können", sagte er schon früh in seiner Karriere. Doch wo sein eigener Machtwille mit dem anderer zusammenstieß, agierte Kohl kompromisslos. Berüchtigt waren sein sprichwörtliches Elefantengedächtnis für Illoyalität und seine Verachtung für Verräter.

Machtkampf der Unions-Schwergewichte

Kohl mit Helmut Schmidt | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Kohl mit Helmut Schmidt

Bei der Bundestagswahl 1976 legte Kohl das Fundament für seine spätere Wahl zum Kanzler. Er verlor zwar als Kanzlerkandidat gegen Helmut Schmidt, doch holte er ein so gutes Ergebnis für die CDU, dass seine Position in Partei und Fraktion gestärkt war. Vier Jahre später musste Kohl zunächst seinem Intimfeind Franz-Josef Strauß die Kanzlerkandidatur überlassen. Der hatte Kohl als "total unfähig" bezeichnet und prophezeit, der Pfälzer werde "nie Kanzler werden." Als dann jedoch Strauß selbst das schlechteste Wahlergebnis seit 1949 einfuhr, war der Weg für Kohl frei. Sein moderater Kurs war unangefochten und eröffnete zugleich der FDP eine Alternative zur sozialliberalen Koalition.  

"Total unfähig" - aber am Ziel

Lange zögerte Kohl, ob er einen Machtwechsel durch konstruktives Misstrauensvotum wagen sollte. Doch am 1. Oktober 1982 war es so weit: Im Bonner Plenarsaal stimmten 256 Abgeordnete von Union und FDP für Kohl und stürzten damit Helmut Schmidt.

Trotz verfassungspolitischer Bedenken machte Kohl dann durch eine Vertrauensabstimmung den Weg zu Neuwahlen frei und wurde bei der Bundestagswahl 1983 klar bestätigt. Doch trotz seiner angekündigten Politik der "Wende" machte sich schnell Ernüchterung bemerkbar, nicht zuletzt wegen anhaltend hoher Arbeitslosigkeit. Eine besondere Belastung war die Flick-Parteispendenaffäre. Zugleich waren Kohls Leistungen in der Außenpolitik unbestritten. Er stärkte mit der Durchsetzung des NATO-Doppelbeschlusses das Verhältnis zu den USA; er pflegte die deutsch-französische Freundschaft. Und so hatte Kohl entscheidenden Anteil an den Weichenstellungen für Deutschland und Europa.  

Ausschnitt aus dem Guardian
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Der "Guardian" kommentierte den Machtwechsel süffisant am Folgetag.

"Ein Zipfel vom Mantel der Geschichte"

Es war 1989, als Tausende DDR-Bürger in Ungarn ihre Ausreise forderten und Ungarn die Grenze öffnete. Nur zwei Monate später fiel die Mauer. Die Forderung nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurde laut. "Mein Ziel bleibt, wenn die geschichtliche Stunde es zulässt, die Einheit unserer Nation", erklärte der Kanzler. In diesen Wochen ergriff Kohl, wie er sagte, "einen Zipfel vom Mantel der Geschichte".  Zuvor oft als Aussitzer gescholten, errang Kohl 1990 die Zustimmung des sowjetischen Präsidenten Gorbatschow, dass ein vereinigtes Deutschland Mitglied der NATO bleiben könne.

Am 3. Oktober 1990 blickte Helmut Kohl über die Menschenmenge vor dem Berliner Reichstag. Deutschland hatte mit der Wiedervereinigung in doppelter Hinsicht zu neuer Größe gefunden. Das Gelingen der nationalen Einheit - für Kohl untrennbar verbunden mit der europäischen Einigung. Deshalb betrieb er die Einbindung der Bundesrepublik in die EU mit so großer Intensität. Auch die Einführung des Euro - ohne Helmut Kohl schwer vorstellbar.

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Stationen im politischen Leben von Helmut Kohl

Stationen seines politischen Lebens

Helmut Kohl

Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl ist im Alter von 87 Jahren gestorben. | Bildquelle: REUTERS

Kanzlerdämmerung

Doch den Verdiensten um die Einheit Deutschlands standen innenpolitisch Routine und Reformstau entgegen. "Keep Kohl" plakatierte die CDU im Bundestagswahlkampf 1998 - und verlor. Nach 16 Jahren und 26 Tagen endet Helmut Kohls Kanzlerschaft - und dauert damit länger als jede andere.

Bitterer Abgang: Die CDU und der "Bimbes"

Kohl, Schäuble und Merkel | Bildquelle: picture-alliance / dpa
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Die Parteispendenaffäre war das dunkelste Kapitel in Kohls politischer Vita.

Die Parteispendenaffäre - das dunkelste Kapitel in Helmut Kohls politischer Vita. Nicht nur die Union hatte über lange Zeit hinweg Parteispenden auf geheime Sonderkonten transferiert. Kohl musste im Dezember 1999 einräumen, er selbst habe Spenden in Höhe von 1,5 bis zwei Millionen D-Mark entgegengenommen, die nicht angegeben wurden. Über die Spender sagte er: "Ich habe nicht die Absicht, deren Namen zu nennen, weil ich mein Wort gegeben habe." Die Parteispitze sagte sich von ihm los, und Kohl musste den CDU-Ehrenvorsitz abgeben.   

Dem politischen Debakel folgten privat Tragödie und Neuanfang. Kohls langjährige Ehefrau Hannelore nahm sich 2001 das Leben. Sieben Jahre später heiratete der Altkanzler die deutlich  jüngere Maike Richter. Ein radikaler Bruch: Kohls Söhne erfuhren von der Hochzeit aus der BILD-Zeitung.

2010 - Kohl selbst wurde 80 und die Bundesrepublik feierte den 20. Jahrestag der Wiedervereinigung - wurde er als Kanzler der Einheit wieder gefeiert. Zur Frage, wie die Geschichte ihn beurteilen werde, sagte Kohl: "Ich habe einen Fehler gemacht, ich habe aber eine tolle Zeit gehabt, konnte etwas tun, und darüber freue ich mich."

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 16. Juni 2017 um 19:00 Uhr.

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