Mit einem Wasserwerfer drängen Polizisten am 09.01.2016 in Köln bei einer Demonstration der islamfeindlichen "Pegida"-Bewegung NRW und rechtsextremen Partei Pro Köln Kundgebungsteilnehmer zurück. | Bildquelle: dpa

Rechtsextreme Reaktionen nach Köln "Rache für unsere Frauen"

Stand: 12.01.2016 08:19 Uhr

Durch die Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof sehen sich Rechtsradikale in ihren Vorurteilen gegen Flüchtlinge bestätigt. Nun schwören viele Rache: Die Jagd sei eröffnet. Es droht eine neue Welle der Gewalt.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

"Auch hier nehmen Bürger die Sache in die eigene Hand" - so kommentieren die Macher einer Facebook-Seite mit täglich Hunderten Lesern einen Brandanschlag auf eine Asylbewerberunterkunft nahe Münster. Vielen Facebook-Nutzern gefällt das, nicht nur auf dieser Seite. Auch die Angriffe auf Ausländer in Köln wurden auf Facebook gefeiert: "Geil, der Widerstand läuft an", schreibt ein Udo W. "Jetzt geht es los", jubelt ein anderer Nutzer über die Angriffe mit mehreren Verletzten.

Auf Hunderten rassistischen Facebook-Seiten und in entsprechenden Gruppen werden zudem rund um die Uhr Artikel über Kritik am Kölner Polizeieinsatz sowie über mutmaßliche Straftaten von Flüchtlingen geteilt und kommentiert. Daraus wird der pauschale Schluss gezogen, der Staat wolle und könne die Menschen nicht vor den angeblich durchweg kriminellen Flüchtlingen schützen. Daher müsse dieser Schutz endlich selbst organisiert werden.

Screenshot
galerie

Bei Facebook träumen einige Rechte schon davon, Merkel werde wegen "Hochverrats" vor Gericht gestellt. (Screenshot)

"Bürgerwehren" bilden sich

Die Silvester-Übergriffe von Köln lieferten den Hasstiraden im Netz und auf den Straßen neue Munition. Es droht offenkundig eine neue Welle der rassistischen Gewalt. In mehreren Städten organisieren sich virtuelle "Bürgerwehren", ob diese auch real auftauchen, lässt sich bislang nicht seriös abschätzen; zumindest auf Facebook schließen sich Tausende Nutzer den Initiativen an. Allein die geschlossene Gruppe "Freikorps Bürgerwehr Selbstschutz der Patrioten und unserer Familien" hat mehr als 1500 Mitglieder - darunter viele, die sich als Anhänger oder Mitglieder der AfD darstellen.

Es ist eine Mischung, wie sie von "Pegida" bekannt ist: Rechte Wutbürger, Hooligans, neurechte Intellektuelle und offen Rechtsextreme haben eine Art "Volksfront von rechts" gebildet, die auch für verschiedene Subkulturen anschlussfähig ist. In Köln sollen es Personen aus dem Hooligan-, Rocker- und Türsteher-Milieu gewesen sein, die am Wochenende Menschen angriffen, die sie für Ausländer hielten.

Die Vermutung liegt nahe, dass die Zahl der Übergriffe gegen Flüchtlinge und deren Unterkünfte angesichts der massiven Hetze im Netz weiter wächst. Im vergangenen Jahr hatte sich die Zahl bereits vervielfacht. Seit Silvester fühlen sich rechte Gewalttäter endgültig legitimiert, loszuschlagen. "Rache für unsere Frauen" und "Die Jagd auf die Täter von Köln ist eröffnet!" - nur zwei von Hunderten Aufrufen zur Gewalt und Selbstjustiz in Facebook-Gruppen. Die letzten Hemmungen scheinen zu fallen.

Screenshot
galerie

Der Beitrag "Die Jagd hat begonnen" wurde mehr als 900 Mal geteilt bei Facebook. (Screenshot)

Hass und Gewaltaufrufe gegen politische Gegner

Der Hass und die Gewaltaufrufe richten sich dabei nicht ausschließlich gegen Flüchtlinge, sondern auch gegen Menschen mit Migrationshintergrund sowie politische Gegner. In Leipzig randalierten gestern Abend mehrere Hundert mutmaßliche Hooligans und Neonazis im linken Stadtteil Connewitz, rund 250 Personen aus dem rechten Spektrum seien festgesetzt worden, teilte die Polizei mit. Lokale Medien und Beobachter sprachen von dem schwersten Neonazi-Angriff auf Connewitz seit den 1990er-Jahren.

Der Zentralrat der Muslime sowie Initiativen, die sich für Flüchtlinge oder gegen Rechtsextremismus engagieren, berichten von einer neuen Dimension des Hasses: Per Telefon würden Dutzende Beleidigungen und Bedrohungen eingehen. Beim Zentralrat der Muslime habe man zwischenzeitlich sogar die Telefonanlage ausschalten müssen.

Drohungen und Gewalt gegen Frauen

Dass viele Rechtsradikale sexualisierte Gewalt gegen Frauen allerdings nicht prinzipiell ablehnen, sondern lediglich meinen, es habe in Köln die falschen getroffen, wird ebenfalls in zahlreichen Kommentaren deutlich. "MasterOfChaos" wünschte auf Twitter, dass Politikerinnen der Grünen Ziel von sexualisierter Gewalt würden: "Schade das Fr. #Roth und #Göring-Eckhard nicht die Spießruten von #Köln durchlaufen mußten. Denen hätte ich es gegönnt!"

Und der Vorsitzende der "Jungen Alternative", der Jugendorganisation der AfD, veröffentlichte auf Facebook ein Bild, auf dem eine schlecht gelaunte Claudia Roth von den Grünen abgebildet war; daneben stand der Satz: "Ach, wäre ich doch Silvester auch nach Köln gefahren."

"Pegida" vor Feldherrnhalle

In München zogen gestern "Pegida"-Anhänger vor die Feldherrnhalle, das Symbol für den gescheiterten Hitler-Putsch in der "Weimarer-Republik". Die Rechtsradikalen traten dort unter dem Motto: "Merkel muss weg!" an. In rechten Facebook-Gruppen verbreiteten sich derweil Gerüchte, die Kanzlerin würde bald zurücktreten, was die ohnehin schrille Stimmung noch verstärkt. Einige träumen schon davon, Merkel werde wegen "Hochverrats" vor Gericht gestellt.

Auch bei "Legida" in Leipzig wurde gestern Abend ein gewalttätiger Aufstand propagiert. Eine Rednerin sagte: "Wenn die Mehrheit der Bürger noch klar bei Verstand wäre, dann würden sie zu Mistgabeln greifen und diese volksverratenden, volksverhetzenden Eliten aus den Parlamenten, aus den Gerichten, aus den Kirchen und aus den Pressehäusern prügeln." Die Demonstranten skandierten "Widerstand, Widerstand!" Die nationalistische Bewegung in Deutschland bläst zum Angriff - auf Andersdenkende, Flüchtlinge und Demokratie.

Darstellung: