Der Bundespräsident im Porträt

Horst Köhler (Bildquelle: dpa)

Der Bundespräsident im Porträt

Dünnhäutiger als gedacht

Horst Köhlers zweite Amtszeit blieb wortkarg und glücklos - an seinem Amt gezweifelt hatte er schon lange. Jetzt geht er beleidigt und vermisst Respekt. Hat die jüngste heftige Kritik an seinen Afghanistan-Äußerungen nur seine eigenen Zweifel bestätigt? tagesschau.de porträtiert den scheidenden Bundespräsidenten.

Von Corinna Emundts, tagesschau.de

Wer Horst Köhler im Amt nahe kam, merkte stets, wie dünnhäutig dieser Mensch war. Aus der Nähe wirkte er nervös, fast zerbrechlich - mehr als es Kameras bei seinen Redeauftritten transportierten. Einer, der gelegentlich sogar erschrak, wenn er unvermittelt angesprochen wurde. Doch zu seiner ersten Amtszeit trat er mit harten, gar nicht zimperlichen Worten an: "Offen will ich sein - und notfalls unbequem", prangte auf dem Titel des Interviewbandes, mit dem er sich um das Amt quasi bewarb. Darauf ein strahlender Köhler in Siegerpose - seine Ellbogen entschlossen umgreifend. So sicher sah man ihn - wenn man ihn überhaupt in seiner zweiten Amtszeit zu Gesicht bekam - schon lange nicht mehr.

Dieser Satz wird ihm nun zu seinem völlig überraschenden Rücktritt um die Ohren fliegen. Denn einer, der unbequem sein will, muss stark sein. Dickfellig geradezu, wenn er es im höchsten Staatsamt sein will. Denn Häme, Kritik von vielen Seiten und Distanz zur Politik sind da programmiert. Wer beides will - Bundespräsident sein und unbequem, der weiß, was das bedeutet. Nun wurde für ihn angeblich die jüngste Kritik an einer Äußerung zum Rücktrittsgrund, glaubt man seinen Worten. Weil sie ihm unterstelle, er befürwortete Einsätze der Bundeswehr, die vom Grundgesetz nicht gedeckt wären.

Er geht beleidigt

Köhler spricht vor Soldaten (Bildquelle: dpa)
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Köhler sprach in Masar-i-Scharif vor und mit den deutschen Soldaten, danach kam es zu missverständlichen Äußerungen seinerseits.

Er geht beleidigt, vermisst Respekt. Wäre es nur diese eine Äußerung gewesen, die ihm in letzter Zeit Kritik eingebracht hätte - er hätte vermutlich nicht hingeworfen. Weil es einfach nicht zu seinem Anspruch passt, mit dem er angetreten war. Es muss mehr zusammengekommen sein. Manches Zermürbende war in den vergangenen Monaten offenkundig.

Im Personaltableau des Bundespräsidialamtes ging es drunter und drüber: Referatsleiter, Planungschefs und sein Pressesprecher verließen ihn. Das an sich waren schon ungewöhnliche Vorgänge, denn Schloss Bellevue (der Sitz des Bundespräsidenten samt Stab) war eigentlich immer ein ruhiger Ort der gepflegten Worte und Loyalität im politischen Berlin.

Personalchaos in Bellevue

Schon länger war Bellevue nun ein Indiz dafür, dass es beim Bundespräsidenten kriselte. Noch im vergangenen Jahr hatte Köhler zum zweiten Mal gegen eine kämpferisch-engagierte Herausforderin Gesine Schwan in der Bundesversammlung gewonnen. Und selbst bei SPD und Grünen Befürworter gefunden. Doch seine zweite Amtszeit blieb von Anfang an farblos - und Köhler, der doch offen und unbequem sein wollte, seltsam still.

Und das, obwohl ihm die Finanzkrise, eine hitzige FDP-Sozialstaatsdebatte um angebliche "spätrömische Dekadenz" und der nach der Bundestagswahl ohnehin holperige Start der CDU/CSU-FDP-Koalition als Staatsoberhaupt Anlass gegeben hätten, eine höhere Qualität von Politik einzufordern. Hatte sich die Koalition doch selbst offen kritisiert. Es kam, wie es kommen musste, Opposition und Medien riefen: "Wo ist der Bundespräsident?" Das hat ihn getroffen.

Der schwierige Präsident - Ein Rückblick auf Köhlers politische Laufbahn
nachtmagazin 00:10 Uhr, 01.06.2010, Markus Spieker, ARD Berlin

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Seit langem gespanntes Verhältnis zu Merkel

Es war Köhlers aus heutiger Sicht wohl letzter Dienst für Merkel, sein Missfallen an der Politik nicht öffentlich zu machen. Aber gerade dadurch machte sich der Präsident, der laut Amtsauftrag alle Deutschen vertreten soll, angreifbar - wohl auch vor sich selbst. Die Kanzlerin, die Köhler einst gemeinsam mit FDP-Chef Guido Westerwelle für das Amt vorgeschlagen hatte, nahm ihn vor wenigen Wochen im Bundestag öffentlich in Schutz.

Spätestens da war klar, wie angeschlagen der Bundespräsident war - wenn die Kanzlerin meinte, ihm einen solchen Dienst erweisen zu müssen. Weiß man doch, wie gespannt das Verhältnis Merkel-Köhler schon länger ist.

Er wollte vor allem eines sein: rechtschaffen

Bundespräsident Köhler während seines Afghanistan-Besuchs (Bildquelle: dpa)
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Köhler hatte schon lange an seiner Eignung für speziell dieses Amt gezweifelt.

In seiner Selbstwahrnehmung ist Horst Köhler immer ein zutiefst rechtschaffener Mensch gewesen. Noch auf seiner jüngsten Auslandsreise, die ihn planmäßig nach China führte - mit der anschließenden Stippvisite bei Bundeswehrsoldaten in Afghanistan - wirkte er nach Beobachtung von mitreisenden ARD-Korrespondenten engagiert im Amt und keinesfalls amtsmüde. Er hatte diffizile diplomatische Stunden hinter sich gebracht und war unter anderem sichtlich stolz darüber, in China auf diskretem Wege mit Menschenrechtlern gesprochen zu haben.

Zutiefst bewegt von seiner Begegnung mit den Bundeswehrsoldaten in Afghanistan hatte er den Journalisten anschließend im Flugzeug berichtet - mit Staub am Schuh und zerrauftem Haar. Dann gab er das Radiointerview mit seinen umstrittenen und missverständlichen Äußerungen, das jene Kritik hervorrief, die ihn nun gehen ließ.

Gehadert und gezweifelt hatte er schon lange, ob er der Richtige für dieses Amt sei. Dass er eher ein Mann der Taten als der Worte ist, das wusste er selbst.

Köhlers Aussage zu Bundeswehreinsätzen

"In meiner Einschätzung sind wir insgesamt auf dem Wege, in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe, mit dieser Außenhandelsabhängigkeit, auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren - zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch negativ auf unsere Chancen zurückschlagen, bei uns durch Handel Arbeitsplätze und Einkommen zu sichern. Alles das soll diskutiert werden - und ich glaube, wir sind auf einem nicht so schlechten Weg."

Bundespräsident Köhler auf dem Rückflug von Afghanistan nach Berlin gegenüber Deutschlandradio Kultur, 22.05.2010

alt Horst Köhler in Afrika

Zur Person

Horst Köhler, geboren 1943 als Bauernsohn im polnischen Skierbieszów. Nach der Flucht 1944 mit seinen deutschstämmigen Eltern wuchs er zunächst bei Leipzig auf, nach erneuter Flucht aus der DDR dann ab 1953 in Baden-Württemberg. Er studierte Wirtschaftswissenschaften in Tübingen. Zunächst dort als wissenschafttlicher Referent tätig, wechselte Köhler 1976 in die Grundsatzabteilung des Bundeswirtschaftsministeriums. Ab 1981 gehörte er der Staatskanzlei der Landesregierung von Schleswig-Holstein an. 1981 CDU-Eintritt. 1982 ging er für die Regierung Kohl ins Bundesfinanzministerium, zunächst als Redenschreiber, dann als Leiter des Ministerbüros. Später leitete Köhler dort die Grundsatzabteilung sowie anschließend die Abteilung Geld und Kredit. 1990 wurde er Staatssekretär. 1992 ging er als Präsident zum Deutschen Sparkassen- und Giroverband, 1998 wurde er Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Im Jahr 2000 wurde er nach einer Nominierung durch Kanzler Schröder als Geschäftsführender Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) gewählt. Seit 2004 ist der von Union und FDP nominierte Köhler im Amt des Bundespräsidenten. Er ist seit 1969 mit der ehemaligen Grundschullehrerin und SPD-Kommunalpolitikerin Eva Köhler verheiratet.

Stand: 01.06.2010 12:21 Uhr

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