Dürre im Westen Afrikas | Bildquelle: WFP/Phil Behan

"Bericht aus Berlin" zum Klimagipfel Klima als Fluchtursache?

Stand: 28.11.2015 19:33 Uhr

Auf der Klimakonferenz in Paris geht es auch um die Flüchtlingskrise - zumindest indirekt. Denn die Veränderung des Klimas raubt bereits heute Menschen die Lebensgrundlage und treibt sie somit mittelbar in die Flucht oder in die Arme von Extremisten.

Von Karin Dohr, ARD-Hauptstadtstudio

Die Flüchtlingskrise beschäftigt europäische Politiker so stark, dass das Ringen um ein internationales Klimaziel-Abkommen dabei ins Hintertreffen zu geraten droht. Dabei haben die beiden Themen miteinander zu tun: Schon jetzt flüchten Menschen, weil ihre Heimat durch Klimawandel-Folgen unbewohnbar geworden ist, oder weil Ernten etwa durch Überschwemmungen oder Dürren ausfallen. Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung hat verschiedene Studien zusammengefasst: "Ende des Jahrhunderts", so Schellnhuber, "könnten es etwa 500 Millionen Menschen sein, die sich wegen des Klimawandels auf den Weg nach Europa machen. Das entspricht etwa der heutigen europäischen Bevölkerung - das sind andere Dimensionen als ein, zwei Millionen, die derzeit aus Syrien nach Europa flüchten."

Dürren und Verwüstung von Landwirtschaftsflächen, so einige Experten, hätten zu Gewalt und Konflikt geführt. Doch das ist umstritten - und zeigt das Problem des Begriffs "Klimaflüchtling": Konflikte haben meist mehrere Ursachen, und Klima als Fluchtursache ist kaum zweifelsfrei nachzuweisen. Die UN-Flüchtlingsschutzkonvention erkennt den "Klimaflüchtling" nicht an, er hat daher keinen rechtsstaatlichen Schutz. Bisher gibt es auch kein internationales Forum, das sich konkret für die Belange von Klimaflüchtlingen einsetzt.

Verdorrtes Reisfeld in Indien | Bildquelle: picture-alliance/ dpa
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Verdorrtes Reisfeld in Indien: Dürren und Verwüstung von Landwirtschaftsflächen, so einige Experten, hätten zu Gewalt und Konflikt geführt.

Industrienationen wären in der Verantwortung

Für Sabine Minninger von "Brot für die Welt" liegen die Gründe dafür auf der Hand: "Bei klimabedingter Vertreibung stellt sich direkt die Frage der Verursacher. Das sind die Industriestaaten und Schwellenländer mit hohem CO2-Ausstoß. Die fürchten natürlich jede weitere Verantwortung. Jede Zusage von Unterstützung könnte eine Art Schuldeingeständnis sein - und davor drücken sie sich."

Doch genau diese Verantwortung und die Frage von "Loss and Damage" - also der Entschädigung für klimabedingte Schäden und Verluste - könnte auf dem Klimagipfel in Paris ein Hindernis auf dem Weg zur Einigung zu werden. Während die ärmsten Staaten der Erde finanzielle Zusagen fordern, um Klimaschäden zu bewältigen, möchten die reichen Industriestaaten vor allem ihre Ziele zur Emissionsminderung durchsetzen - ein grundsätzliches Ringen, das in den letzten und entscheidenden Verhandlungstagen zur Blockade zu werden droht.

Hilfsorganisationen weisen auch darauf hin, dass Klimawandel radikale politische Bewegungen und Terrorgruppen stärkt. Der Tschad-See in Zentralafrika etwa trocknet rasant aus - so verlieren Bauern ihre Lebensgrundlage und können ihre Familien nicht mehr ernähren. Die Terrororganisation "Boko Haram" hat deshalb leichtes Spiel: Sie locken rund um den Tschad-See junge Männer damit an, dass es Geld und Perspektiven gibt wenn sie sich ihnen anschließen.

Klimaschutz = Bekämpfung von Fluchtursachen

Eine Möglichkeit, den ärmsten Ländern auf dem Klimagipfel entgegen zu kommen, könnte die Initiative der Klimarisiko-Versicherungen sein. "Solche Versicherungen gibt es schon jetzt für afrikanische Bauern", erklärt Gernot Klepper vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. "Wenn sie durch Dürre ihr Saatgut verlieren, kann eine Versicherung rasch mit Geld oder Lebensmitteln reagieren. Das kann Extremereignisse abfedern - auch wenn der Klimawandel insgesamt natürlich nicht versicherbar ist." Auf dem G7-Gipfel wurde eine solche Initiative angestoßen, in Paris könnte sie Realität werden. Entwicklungsländer fordern, dass reiche Klimaschaden-Verursacher die Versicherungsbeiträge übernehmen.

Fabriken pumpten Abgase in die Luft - bis 2100 soll die deutsche Wirtschaft komplett ohe CO2-Emissionen auskommen. | Bildquelle: dpa
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Die reichen Klimaschaden-Verursacher - also die Länder der so genannten 1. Welt - sollen die Klimaversicherung zahlen, fordern Entwicklungsländer.

Immerhin - so argumentiert etwa Klimaforscher Schellnhuber - würden damit genau die Forderungen vieler konservativer Kräfte in reichen Industriestaaten erfüllt: Nicht Grenzöffnung sei die Lösung, heißt es da ja häufig, sondern Bekämpfung der Fluchtursachen an ihrem Ursprung. Genau das könnte ein ehrgeiziges Klimaschutz-Abkommen in Paris schaffen.

Über dieses Thema berichtete die tagesthemen am 27. November 2015 um 22:00 Uhr.

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