Kohlekraftwerk | Bildquelle: dpa

Nach neuer Klimastudie "Es passiert nichts, nichts, nichts"

Stand: 08.08.2018 19:30 Uhr

Unter dem Eindruck des Extremsommers fordern Klimaschützer von der Bundesregierung mehr Tempo beim Kampf gegen die Erderwärmung - und einen raschen Kohleausstieg. Doch der scheint in weiter Ferne.

Von Maiken Nielsen, tagesschau.de

Die Diagnose kam im Urlaub. Der Mann, der sich in einem Gesundheitsforum Willi78 nennt, klagte über Atemnot und Husten. "Lungenkrebs", diagnostizierte der Arzt auf Mallorca. Der Bergmann im Rheinischen Braunkohlerevier war zu diesem Zeitpunkt 47 Jahre alt.

Schwefeldioxid, Feinstaub, Quecksilber, Stickoxide, Arsen - aus den Schornsteinen von Kohlekraftwerken strömen die Gifte. Zusammen mit anderen Feinpartikeln führen die Emissionen aus Kohlekraftwerken zu einer erhöhten Sterblichkeit.

Neben den gesundheitlichen Risiken gibt es die ökologischen. Eine Analyse mehrerer Studien kommt zu dem Schluss, dass der Klimawandel unumkehrbar ist, sollte der Kohlendioxid-Ausstoß nicht deutlich gesenkt werden. Emissionen aus Kohlekraftwerken sind nicht nur verantwortlich für schwere Lungenkrankenheiten. Kohlekraftwerke gelten auch als Klimakiller Nummer eins.

Mais mit braunen Blättern auf einem Feld bei Köln | Bildquelle: dpa
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Hitze und Dürre - Klimaschützer machen für das Extremwetter dieses Sommers auch CO2-Emissionen aus Kohlekraftwerken verantwortlich.

Vorwürfe von Umweltschützern

Nach den neuen Erkenntnissen zum Klimawandel hagelt es Vorwürfe. Umweltschützer attestieren der Bundesregierung schwere Versäumnisse in der Klimapolitik. Um die Erdüberhitzung zu stoppen, forderten Verbände seit Jahren eine zügige Neuausrichtung in der Klimapolitik, erklärt der Präsident des Naturschutzbundes Deutschland (NABU), Olaf Tschimpke. Passiert sei aber "nichts, nichts, nichts".

Auch der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger nutzt scharfe Worte: Wer im Kampf gegen die Klimakrise jetzt nicht handle, versündige sich an der Zukunft. Die Bundesrepublik sei einst Vorreiter in Sachen Klimaschutz gewesen, aber alle ambitionierten Ziele für die Jahre 2020, 2030 und 2050 würden verfehlt.

Kommission soll Ausstieg klären

Diesen Vorwurf will das Wirtschaftsministerium sich nicht gefallen lassen. Eine am 6. Juni 2018 eingesetzte Kommission klärt derzeit den Fahrplan für den Kohleausstieg. Ergebnisse dafür sollen bis zum Jahresende vorliegen. Ziel sei es unter anderem, Emissionen aus der Energiewirtschaft um 61 bis 62 Prozent im Jahr 2030 gegenüber dem Jahr 1990 zu verringern, erklärt eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums in einer schriftlichen Stellungnahme an tagesschau.de.

Annalena Baerbock | Bildquelle: CLEMENS BILAN/EPA-EFE/REX/Shutte
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Annalena Baerbock, Parteivorsitzende der Grünen

"Die Ziele der Bundesregierung sind viel zu unambitioniert", kritisiert Annalena Baerbock, Parteivorsitzende der Grünen, dieses Ziel im Gespräch mit tagesschau.de. "Wenn Union und SPD ihre selbstgesteckten Klimaschutzziele und das Pariser Klimaabkommen wirklich ernst nehmen, müssen wir die CO2-Emissionen in den kommenden Jahren viel stärker reduzieren."

Kohlekraftwerke zählten zu den Hauptverursachern für die Klimakrise. Daher sei es notwendig, den Kohleausstieg bis 2030 komplett zu vollziehen. "Wie dringend es ist, macht dieser extreme Sommer klar", so Baerbock. "Aber auch die Beschäftigten in der Braunkohle hängen im Augenblick völlig in der Luft. Genauso wie die Menschen, die nicht wissen, ob ihre Dörfer und Häuser abgebaggert werden. Für all das brauchen wir rasch Planungssicherheit."

Und die Beschäftigten?

Derzeit arbeiten die Kohlereviere mit Hochdruck an Ideen, um die Regionen fit zu machen für die Zeit nach einem möglichen Ausstieg - immerhin geht es um 20.000 Beschäftigte in der Industrie.

Auch Arbeitsminister Hubertus Heil will den Strukturwandel in den Revieren unterstützen - und stellt dafür sogar Geld in Aussicht. "Angesichts der Tatsache, dass es sich beim Strukturwandel in den Braunkohleregionen um einen politisch gewollten handelt, der auch europäischer Klimaschutzziele dient, sind mit der EU besondere Förderbedingungen für die Regionen zu verabreden", schreibt Heil in einem Gastbeitrag für die "Wirtschaftswoche".

Aktivisten entrollen ein Banner auf der Zugspitze. | Bildquelle: dpa
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Auf der Zugspitze, dem höchsten deutschen Berg, demonstrierten Greenpeace-Aktivisten für einen schnellstmöglichen Kohleausstieg. Auf dem Gletscher entrollten sie ein großes Banner mit der Aufschrift "Sommer 2018: Hitze, Dürre, Gletscherschmelze – Kohleausstieg jetzt starten!"

Rückversicherer von Kohle steigt aus

Klar ist, dass die Zeichen auf Veränderung stehen. Am Montag stieg auch der weltgrößte Rückversicherer aus dem Kohlegeschäft aus. Munich Re kündigte zudem an, nicht mehr in Aktien und Anleihen von Unternehmen zu investieren, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes mit Kohle verdienen.

"Was uns hauptsächtlich zu diesem Schritt bewogen hat, ist das Zwei-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens und die Erkenntnis, dass das nur zu erreichen ist, wenn der größte Teil der Kohlereserven im Boden bleibt", erklärt Jörg Allgäuer, Sprecher von Munich Re, im Gespräch mit tagesschau.de. "Kohle ist unter den fossilen Energieträgern definitiv der Klimaschädling Nummer eins."

Ohne Versicherungsschutz könnte es für Investoren zu riskant werden, Kohlekraftwerke zu finanzieren. Und damit bekommt die Kohleindustrie ein echtes Problem.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. August 2018 um 08:35 Uhr.

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