COP23 | Bildquelle: Birand Bingül

Südsee-Journalisten beim Klimagipfel In doppelter Mission

Stand: 11.11.2017 05:42 Uhr

Wirbelstürme und Unwetter haben ihre Inseln im Pazifik verwüstet: Zehn Journalisten aus der Südsee nehmen auf Einladung der Deutschen Welle Akademie am Klimagipfel in Bonn teil. Nun berichten sie für - aber auch über ihre Heimat.

Von Birand Bingül, WDR

An Ileasa Tora fallen einem zuerst die blutunterlaufenen Augen auf, die sich immer mal wieder zu einem heiteren Lachen verengen können, meist aber müde und rastlos über den Klimagipfel schwirren. Augen, die mehr gesehen haben als es gewöhnliche Journalisten tun.

Ob wütende Wirbelstürme oder der bedrohlich steigende Meeresspiegel - in der Südsee, seinem Berichtsgebiet, gibt es mehr Zerstörung durch und Schutzlosigkeit vor den Naturgewalten zu beobachten als an den meisten anderen Orten auf der Welt.

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Ileasa Tora hofft, dass am Ende der Konferenz ein Ja zum Pariser Klimaabkommen steht.

Nur mit Kleidern am Leib überlebt

Tora stammt von den Fidschi-Inseln. Seit 1988 arbeitet er als Journalist, anfangs für die Fiji Times, später für die Fiji Sun. Inzwischen betreibt er die Webseite Nuku’alofa Times. Während seines Deutschlandaufenthalts - ermöglicht von der Akademie der Deutschen Welle und vom Auswärtigen Amt - will er einige Artikel schreiben.

Wenn es um Klimawandel geht, gibt es für Tora keine journalistische Distanz und Objektivität, wie sie hierzulande in den Lehrbüchern steht. Der tropische Wirbelsturm Winston traf 2016 nicht nur Toras Heimatinsel mit ungekannter Härte, sondern auch seine Familie.

"Meine Familie und Verwandte haben in unserem Dorf fünf Häuser verloren", sagt er. "Zum Glück ist niemand aus meinem näheren Umkreis gestorben. Aber meine Familie hat nur mit der Kleidung am Körper überlebt. Alles andere haben sie verloren."

Sorge um die Kinder

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Georgina Kekea hat Angst vor neuen verherenden Stürmen in der Südsee.

Winston - für die Menschen im Pazifik ist dieser Wirbelsturm die Mutter aller Naturkatastrophen. Er bedeutet einen tiefen Einschnitt in der Geschichte Ozeaniens, der alles verändert hat. Mit bis zu 325 Kilometern pro Stunde jagte der Wirbelsturm auch über die Salomonen.

Der Journalistin Georgina Kekea blieben schlimmste Erfahrungen erspart. Aber die Angst, dass wieder etwas passieren könnte, hat sie auf der Reise nach Deutschland mit im Gepäck. "Ich habe acht Kinder. Zuhause hat die Saison der Wirbelstürme begonnen. Da bin ich froh, wenn ich sie über WhatsApp-Video jeden Tag sehen kann."

Für Politiker zählt nicht die nächste Generation

Kekea ist Radiojournalistin. Inzwischen arbeitet sie für den Journalistenverband ihrer Heimat. In Bonn Kontakte zu knüpfen, ist ihre Hauptaufgabe, trotzdem weist sie alte Kolleginnen und Kollegen in der Heimat auf Themen hin, die sie wichtig findet.

Zum Beispiel, dass die Salomonen mit Taiwan in Bonn eine Kooperation verkünden. Ziele: ein besserer Katastrophenschutz, und wie der gemanagt werden kann. Dennoch überwiegt bei ihr die Skepsis, wie sie aus Bonn twittert. "Politiker sorgen sich nicht um die nächste Generation, sie sorgen sich nur um die nächste Wahl."

Zerstörungen nach Zyklon über den Fidschi-Inseln
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Der Wirbelsturm Winston wütete 2016 mit brachialer Gewalt auf den Fidschi-Inseln.

Wer hilft den gebeutelten Südsee-Inseln?

Toras Familie auf den Fidschis, die von Landwirtschaft und Fischerei lebt, musste bei Null anfangen, nachdem sie ins Landesinnere umgesiedelt wurde. Kein Wunder, dass der Journalist sich auf dem Klimagipfel in Bonn vor allem für den Bereich "loss and damage" interessiert, also die Frage, wie reichere Länder gebeutelten Staaten wie Fidschi unter die Arme greifen können.

Im Pariser Abkommen wurde verabredet, von 2020 an jährlich 100 Milliarden Dollar bereitzustellen. Schön und gut, meint Tora, seine Augen werden wieder rastlos: Aber erstens sei das erst in drei Jahren, zweitens fehlten noch konkrete Zusagen und drittens sorge Trumps Ankündigung, aus dem Pariser Abkommen auszusteigen, für Verunsicherung.

"Wir schauen nach vorne", sagt er tapfer, "die meisten Länder aus unserer Region kommen in der Hoffnung, dass hier in Bonn etwas passiert. Dass wir mehr Hilfe bekommen gegen unser Leid." Welche Schlagzeile er denn am Ende des Klimagipfels am liebsten schreiben würde? Das sei mal eine gute Frage, ruft er und lacht noch einmal herzlich. Die Augen dürfen einen Moment lang strahlen. Schließlich textet er: "It’s a Yes!" Es ist ein Ja. Ja zum Pariser Abkommen. Ja zur konkreten, finanziellen Hilfe. Ja zur Solidarität der starken Länder mit den schwächeren, die auf Hilfe angewiesen sind.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. November 2017 um 23:45 Uhr und radioeins rbb am 11. November 2017 um 09:40 Uhr.

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