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Gestoppte Aufarbeitung der Missbrauchsfälle
Zensurvorwurf bringt Kirche in Erklärungsnot
Nachdem die wissenschaftliche Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche vorerst gescheitert ist, zeigte sich der Missbrauchsbeauftragte der Deutsche Bischofskonferenz, Stephan Ackermann, enttäuscht. Das Vertrauensverhältnis zwischen den Wissenschaftlern des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen und der Kirche sei zerrüttet, sagte Ackermann in den Tagesthemen. Gleichzeitig wies er Zensurvorwürfe zurück.
Er kündigte zugleich an, das Aufklärungsprojekt mit anderen Partnern fortsetzen zu wollen. Kritik, dass das Verhalten der Kirche eher Täter als Opfer schütze, wies Ackermann zurück.
Bischof Ackermann (Deutsche Bischofskonferenz) verteidigt das Vorgehen
tagesthemen 22:15 Uhr, 09.01.2013
Wissenschaftler fühlten sich zensiert
Der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, Christian Pfeiffer, hatte der Kirche zuvor Zensur vorgeworfen. Der Streit zwischen Kirche und Wissenschaftlern hatte sich an der Veröffentlichung kircheninterner Dokumente entzündet. Die Kirche habe die Veröffentlichung nach Widerstand aus einzelnen Diözesen nachträglich reglementieren wollen, obwohl alle Bistümer dem Projekt beim Start zugestimmt hätten, sagte Pfeiffer.
Die ersten Monate der Zusammenarbeit seien "vorzüglich" gelaufen, sagte der Kriminologe in der Tagesschau. Die Forscher seien von Bischof Ackermann engagiert unterstützt worden. Doch dann sei plötzlich deutlich geworden, dass Ackermann sich den "Wünschen nach mehr Kontrolle" aus München und Regensburg anschließen musste.
Kritiker in der Kirche hätten auf der Möglichkeit bestanden, Veröffentlichungen aus wichtigen Gründen zu verbieten. Die Deutsche Bischofskonferenz hatte das Institut des Kriminologen 2011 mit der wissenschaftlichen Untersuchung des Missbrauchsskandals beauftragt.
Missbrauch in Katholischer Kirche: C. Pfeiffer (KFN) zur Aufarbeitung
tagesschau 12:00 Uhr, 09.01.2013
"Katastrophales Zeichen"
Die Reformbewegung "Wir sind Kirche" sprach von einem "katastrophalen Zeichen". Die Amtskirche wolle sich "nicht mehr in die Karten gucken lassen", sagte "Wir sind Kirche"-Chef Christian Weisner. Das zeige, dass trotz begrüßenswerter Einzelmaßnahmen der Bischöfe zur Prävention sehr zu zweifeln sei "am grundlegenden Willen zur Aufarbeitung der Ursachen, die zur sexualisierten Gewalt innerhalb der katholischen Kirche führen".
Weisner prognostizierte, dass das Vorgehen der Kirche zu einem "neuen Eklat" und einer "neuen Austrittswelle" führen werde. Eine grundsätzliche wissenschaftliche Aufarbeitung müsse "ohne Zensur seitens der Bischöfe" veröffentlicht werden. Angesichts der vielen Fehlleistungen gerade innerhalb der kirchlichen Hierarchie müssten die Bischöfe jeden Anschein vermeiden, dass sie nur ein Gefälligkeitsgutachten haben wollten.
Leutheusser-Schnarrenberger verlangt Aufklärung
Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger verlangte Aufklärung vom Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Robert Zollitsch. "Der Vorwurf, Zensur und Kontrollwünsche behinderten eine unabhängige Aufarbeitung, sollte durch den Vorsitzenden der Bischofskonferenz schnell aus der Welt geschafft werden", sagte Leutheusser-Schnarrenberger der "Süddeutschen Zeitung".
Zugleich forderte die Ministerin die Kirche zur fundierten Aufarbeitung des Missbrauchsskandals auf: "Es ist ein notwendiger und überfälliger Schritt, dass sich die katholische Kirche öffnet und erstmals kirchenfremden Fachleuten Zugang zu den Kirchenarchiven ermöglicht", betonte sie und fügte hinzu: "Die dramatischen Erschütterungen des Jahres 2010 dürfen nicht in einer halbherzigen Aufarbeitung versickern."
Stand: 09.01.2013 19:24 Uhr
