Interview

Abgefilmte Startseite von Kino.to am 8.6.2011, nachdem die Internetseite wegen Urheberrechtsverletzungen vom Netz genommen wurde. | Bildquelle: dpa

Gratiskultur im Internet "Das Publikum wird Teil der Produktion"

Stand: 11.04.2012 14:28 Uhr

Verlage, Musikindustrie und Künstler wehren sich verstärkt gegen eine "Kostenloskultur" im Internet. Sie setzen aber auf falsche Ideen, meint Kulturwissenschaftler Felix Stalder im Interview mit tagesschau.de. Denn die alten Bezahlmodelle seien am Ende - die Zukunft der Kultur liege im Schwarm.

tagesschau.de: Die Erfindung des modernen Buchdrucks gilt als wichtigster Meilenstein auf dem Weg in die Wissensgesellschaft. Als was wird die digitale Vervielfältigung von Informationen, Musik, Bildern in die Geschichte eingehen?

Felix Stalder: Das wird wohl als ein ähnlicher Moment in die Geschichte eingehen. Es hat fundamental das Verhalten verändert, wie wir Informationen suchen, finden und sie weiter verarbeiten. Bislang waren wir als Leser oder Zuhörer dazu verdammt, passiv zu konsumieren. Durch die neuen Medien verschwimmen die Rollen zwischen Autor und Publikum und Zuhörer aber immer mehr.

tagesschau.de: Mit welchen Folgen?

Stalder: Wir erleben es immer häufiger, dass Fans zum Beispiel in der Musik Elemente eines Liedes nehmen und davon Remixe erstellen, sie zu eigenen Werken machen. Das hat nicht notwendigerweise professionelles Niveau, aber es verändert die Beziehung zwischen Künstler und Publikum.

alt Der Schweizer Kulturwissenschaftler Felix Stalder.

Zur Person

Felix Stalder ist Dozent für die Theorie der Mediengesellschaft an der Zürcher Hochschule der Künste. Der Kulturwissenschaftler beschäftigt sich vor allem mit den politischen und kulturellen Dimensionen der Informationsgesellschaft. Er engagiert sich für die Initiative "Mehr Recht gegen Kunst" in Österreich.

"Es geht um die freie Nutzung von Inhalten"

tagesschau.de: Bedeutet frei zugänglich denn auch gleich gratis?

Stalder: Nein! Frei zugänglich heißt erst einmal, dass jeder damit umgehen kann, wie er meint. Für das Buch heißt das also: Ich kann lesen, ich kann zitieren, ich kann das Gelesene paraphrasieren, ich kann Teile davon kopieren. Hier geht es nicht um Gratiskultur, sondern um die freie Nutzung von Inhalten und Informationen, die viele User im Internet fordern. Das Problem ist allerdings, dass in dem Moment, wo ich Kopien herstellen kann, ich sie auch weitergeben kann.

tagesschau.de: Aber wenn ich im Copy-Shop eine Kopie mache, dann muss ich auch dafür bezahlen.

Stalder: Aber Sie zahlen vor allem für Betrieb und Wartung der Kopiermaschine. Nur ein ganz kleiner Teil der Kopierkosten geht an die Verwertungsgesellschaften. Wir brauchen ein neues Urheberrecht, das auch die gesellschaftlichen Veränderungen berücksichtigt.

tagesschau.de: Im Zusammenhang mit Urheberrechtsverletzungen ist häufig von Raubkopien die Rede - inwieweit ist ein solcher Begriff angemessen?

Stalder: Es ist ein Kampf der Worte. Auf der einen Seite die "Tauschbörsen", die das Gemeinschaftliche eines Projektes stilisieren, auf der anderen Seite die "Raubkopien", die den Diebstahl geistigen Eigentums sichtbar machen sollen. Ganz abgesehen davon ist die rechtliche Lage eindeutig. Der Prozess gegen Kino.to zeigt deutlich, dass es hier nur um Profit geht und da deutlich kriminelle Energie dahinter steckt. Das ist wie ein Auto-Verkäufer, der bewusst mit gefälschten Teilen handelt.

Stichwort: Crowdfunding

Crowdfunding ist eine Möglichkeit, Projekte über das Internet finanzieren zu lassen. Über verschiedene Plattformen können Nutzer Geld für bestimmte Projekte oder andere Nutzer spenden. Dies kann entweder kontinuierlich sein, z.B. über einen Link auf der Künstler-Homepage, oder im Vorfeld von Projekten. Eine CD, ein Buch oder ein Artikel wird erst dann produziert, wenn genügend Spenden eingegangen sind. Daher wird Crowdfunding auch als "Schwarmfinanzierung" bezeichnet.

Modernes Mäzenatentum

tagesschau.de: Verkommen moderne Gesellschaften denn zu einer "Mitnehmmentalität", einer "Kostenloskultur"?

Stalder: Die Gesellschaft verkommt nicht. Sie stellt sich nur die Frage: Was ist wertvoll? Wir sehen im Internet einerseits ein generelles Überangebot, andererseits eine intensive Kultur der Wertschätzung innerhalb kleiner oder großer Nischen. Und das nicht nur auf einer künstlerischen Ebene, sondern es geht auch ganz konkret um finanzielle Werte. Wenn zum Beispiel Künstler durch Spenden finanziert werden. Wir sehen aktuell zwei Modelle in der Kultur, die miteinander konkurrieren: Einerseits der exklusive Produzent, der ein Produkt für eine große, passive Masse herstellt. Andererseits Künstler und Fans, die näher zusammenrücken.

tagesschau.de: Das hört sich ja nach modernem Mäzenatentum an. Vor kurzem hatte der Autor und Musiker Sven Regener noch kritisiert, dass er nicht zu einem Straßenmusiker verkommen möchte, der um jeden Cent betteln muss. Wie passt das zusammen?

Stalder: Im klassischen Mäzenatentum des Mittelalters war der Künstler vollkommen abhängig von der Gunst eines Mäzens. Das war ein hierarchisches Verhältnis. Heute ist es eher ein kooperatives Verhältnis. Das alte Modell funktioniert nur noch für eine Minderheit, zu der auch Regener gehört. Das ist eine prominente Minderheit, die von den verkauften Kopien profitiert und davon leben kann. Es ist nicht so, dass auf der einen Seite Fans und Künstler stehen und auf der anderen Seite die bösen Verlage. Hier wird auch Hand in Hand gearbeitet, weil es in diesem Kultur-Modell darum geht, dass eigentlich die Kopie eines Werkes bezahlt wird, nicht der Inhalt. Bei den Crowdfunding-Modellen ist das anders: Ein Künstler stellt seine Idee vor oder hatte bereits einen tollen Roman geschrieben, eine gute CD gemacht, und wirbt um Unterstützer, die das Projekt mit Spenden oder anderen Leistungen ermöglichen. Dass ein Künstler für sein Publikum und zusammen mit seinen Fans arbeitet, das ist per se nichts Schlimmes. Wir werden in Zukunft vermutlich häufiger solche Projekte erleben.

tagesschau.de: Aber das war ein Vorteil der großen Verlage: Mit den Bestsellern holten sie das Geld herein und konnten dadurch andere Projekte oder junge Künstler subventionieren.

Stalder: Bis zu einem gewissen Grad stimmt das. Aber seit etwa Mitte der 1990er-Jahre setzen die großen Verlage viel stärker auf Profit-Maximierung, denn auf Subventionierung junger Künstler.

"Nur wenige profitieren von den Verwertungsgesellschaften"

tagesschau.de: Also eine Monopolisierung der Medien? Erleben wir heute nicht etwas Ähnliches, wenn Konzerne wie Google eine Plattform wie Youtube aufkaufen oder AOL bei MySpace einsteigt?

Stalder: Genau, das ist ähnlich. Auch Apple schafft mit seinem iTunes-Store solch ein Monopol, zu dem nur diejenigen Zutritt bekommen, die sich deren Regeln unterwerfen. Viele der Funktionen auf solchen Plattformen, die vordergründig so erscheinen, als würden sie die Freiheit der Künstler unterstützen, sind nur dazu da, um noch mehr Profit für den Anbieter der Infrastruktur zu generieren, Werbung zu schalten. Das ist eine sehr zentralistische, kapitalistische Denkweise. Wobei der Plattform-Gedanke durchaus ein Modell für die Zukunft ist.

tagesschau.de: Die Verwertungsgesellschaften sind doch dafür da, damit alle Künstler teilhaben am Gewinn.

Stalder: Dieses Argument wird häufig gebracht, ist so aber nicht haltbar. In der Schweiz bekommen viele Mitglieder der Verwertungsgesellschaft gar nichts, dreiviertel Peanuts, ein paar verdienen ganz gut und ganz wenige richtig viel – das sind die klassischen Bestseller. Das ist in Deutschland durchaus vergleichbar. Die neuen Modelle setzen genau dort an, wo es nicht mehr um die Kontrolle der Kopie geht, sondern um die künstlerische Idee. Der Niedergang der alten Modelle, die auf starker Urheberrechtskontrolle beruhen, ist begleitet von einem Aufblühen alternativer Ideen, eben zum Beispiel durch Crowdfunding, kooperative Produktionen, aktive Fans.

"Niedergang der alten Modelle - Aufblühen alternativer Ideen"

tagesschau.de: Profitieren davon kleinere Bands oder junge Autoren überhaupt?

Stalder: Das sehen wir in den USA schon ganz gut, dass solche Projekte funktionieren. Sei es bei Musik, bei Büchern, sogar bei Filmen. Einige Autoren bekommen durch Spenden etwa 10.000 Dollar. Die Wikipedia hat bei ihrem letzten Spendenaufruf etwa zwei Millionen Spender mobilisiert und 28 Millionen Dollar erwirtschaftet, was die Zukunft der Plattform erst einmal mal sicher stellt. In der Software-Branche erleben wir das auch: Hier investieren große Firmen wie IBM in Open-Source-Projekte, an denen jeder mitprogrammieren kann und sichern sich da Knowhow, mit dem sie dann Dienste anbieten können. Das ist eine Investition in die erste Kopie sozusagen.

tagesschau.de: Das sind doch häufig Projekte, die schon erfolgreich sind...

Stalder: Solche Modelle sind nicht für alle Künstler super, weil man Fans und eine Community braucht, die auch bereit sind, im Vorfeld Projekte zu unterstützen und zu finanzieren. Und man muss sich als Künstler häufig selbst um deren Akquise kümmern. Oder sie brauchen Menschen, die helfen, eine Tour oder Lesung zu organisieren. Das Publikum wird Teil der Produktion.

Das Interview führte Simon Kremer für tagesschau.de.

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