Stefanie | Bildquelle: screenshot /SWR

Kinderkrebstag Den Krebs besiegen - mit Epigenetik?

Stand: 15.02.2017 11:19 Uhr

Krebs schon mit elf Jahren: Stefanie hatte einen Hirntumor. Doch sie hat den Kampf gewonnen. Erstmals nutzten Ärzte bei ihr neue Erkenntnisse aus dem Bereich der Epigenetik. In einem neuen Kindertumorzentrum in Heidelberg wollen sie daran weiter forschen.

Von Martin Schmidt, SWR

Die Kopfschmerzen kamen plötzlich. Sie wurden immer stärker. Dann ist Stefanie zusammengebrochen, ausgerechnet auf dem Weg ins Schullandheim. Sie war gerade erst elf Jahre alt, als die Diagnose feststand: Ein Glioblastom, ein besonders bösartiger Hirntumor, hat sich unbemerkt in ihrem Kopf breit gemacht. Für Stefanie und ihre Familie war es ein Schock.

Im Schnitt erkranken in Deutschland jedes Jahr rund 2000 Kinder unter 18 Jahren an Krebs - ausgerechnet sie hat es getroffen. Ausgerechnet sie musste den anstrengenden Behandlungsmarathon aus Operation, Chemo- und Strahlentherapie antreten.

"Gesundheit macht so viel aus"

"Die Therapie ist extrem nervig, allein schon wegen der ganzen Tabletten und der Tatsache, dass man davor und danach nichts essen darf", erzählt Stefanie. Die Schule, ihr Tennisunterricht, der Fußballverein, alles musste erst einmal warten.

Blickt Stefanie auf diese Zeit zurück, hat sie ihre eigenen Schlüsse daraus gezogen: "Ich bin viel glücklicher, mit dem, was ich habe. Menschen begreifen oft gar nicht, dass Gesundheit so viel ausmacht." Heute ist sie 18 Jahre alt und geheilt, sagen die Ärzte. Doch eben diese wirklich entwarnende Botschaft hat sie erst mit 14 Jahren bekommen: Ihr Hirntumor war harmloser als gedacht. Er wird mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht zurückkehren.

Die Ärzte haben das mit Hilfe einer neuen Untersuchung festgestellt, aus dem Bereich der so genannten Epigenetik. Dahinter verbirgt sich ein Fachgebiet der Biologie, das sich unter anderem damit beschäftigt, wie chemische Anhängsel die Erbinformationen eines Tumors beeinflussen können.

Bislang war vor allem bekannt, dass Krebs durch das "Mutieren" von Genen ausgelöst werden kann. Also dadurch, dass sich die angeborene Reihenfolge der vier Bausteine verändert, aus denen der genetische Code besteht. Epigenetische Veränderungen können durch ihre chemischen Prozesse ebenso für ein Durcheinander des Erbguts sorgen und so zur Krebsentstehung beitragen - der genetische Code bleibt aber unangetastet.

Ein Fingerabdruck von jeder Tumorart

Für die Mediziner bietet sich dabei die Möglichkeit, verschiedene Krebsarten sehr genau voneinander zu unterscheiden. Das haben sich die Heidelberger Wissenschaftler bei Stefanie zunutze gemacht: Die Untersuchung der epigenetischen Veränderungen in ihrem Tumor sahen nicht so aus wie bei einem typischen Gliobastom, sondern eher wie bei einem sogenannten niedriggradigen Gliom - das hieß für sie Entwarnung. Am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, kurz DKFZ, hatte man schon lange in dieser Richtung geforscht, jetzt konnten sie endlich in der Anwendung ihrer theoretischen Ergebnisse Fortschritte machen.

"Stefanie war eine von den ersten Patienten, bei der wir ausgehend von unseren wissenschaftlichen Erkenntnissen gesagt haben: Eigentlich müssen wir das jetzt auch mal bei echten Patienten untersuchen", erzählt Stefan Pfister, Professor am DKFZ. Wie damals bei Stefanie untersucht er mit seinen Kollegen mittlerweile routinemäßig bei jedem Hirntumor-Patienten mehr als 450.000 einzelne Stellen der DNA. Dabei wollen sie genau die Stellen ausfindig machen, die für eine bestimmte Tumorart charakteristisch sind. So entsteht von jeder Tumorart eine Art epigenetischer Fingerabdruck.

Pfister | Bildquelle: screenshot / SWR
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Stefan Pfister, Professor beim Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, kurz DKFZ

Kindertumorzentrum soll helfen

Am Ende lassen sich fast alle Tumoren klassifizieren und es entstehen neue Möglichkeiten für individuelle Therapieansätze. Genau das ist es, nach dem fast alle Wissenschaftler suchen, die sich dem Kampf gegen den Krebs verschrieben haben: Jedem Patienten passgenau helfen zu können. Auch um mehr Erfolge aufzeigen zu können, die durch die engere Verzahnung von Forschung und Behandlung entstehen, bauen Stefan Pfister und seine Kollegen in Heidelberg gerade das Hopp-Kindertumorzentrum (KiTZ) auf, benannt nach dem Großspender, dem SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp.

Rund 40 Millionen Euro soll der Neubau kosten, etwa ein Viertel davon fehlt aber noch, weshalb der erste Spatenstich noch auf sich warten lässt. Fast 80 Prozent der an Krebs erkrankten Kinder werden inzwischen erfolgreich behandelt, doch die Wissenschaftler können eben diese Heilungsrate seit Jahren nicht verbessern.

Noch immer ist Krebs die zweithäufigste Todesursache bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Gerade bei jungen Patienten fehle es eben noch an den speziell zugeschnittenen medizinischen Konzepten und an Forschung, die auf spezifische Krebserkrankungen im Kindesalter ausgerichtet sei, bemängelt Pfister und will diese am KiTZ vorantreiben.

Epigenetik: Da geht noch viel mehr

Dabei setzt er auch große Hoffnung auf die Epigenetik, doch die Forschung ist noch in den Anfängen und sie hat ein großes Problem zu lösen. Bei Stefanie gab es damals mit 14 Jahren die Entwarnung erst im Nachhinein. Zukünftig soll aber schon viel früher geholfen werden, zum Beispiel durch den konsequenten Einsatz der neuen diagnostischen Methoden vor dem Therapiebeginn.

Aber auch durch eine Behandlung mit so genannten epigenetischen Medikamenten. Deren Wirkstoffe könnten im besten Fall die chemische Veränderung an den betroffenen Stellen der DNA aufheben und diese wieder in den gesunden Zustand zurückversetzen.

Noch ist die Anwendung bei Kindern jedoch nicht vollständig ausgereift. "Man muss ja immer im Kopf haben, dass ein Patient, der geheilt wird, noch 70 oder 80 Jahre leben will", erklärt Pfister. Gerade deshalb müssten die Therapien bei Kindern extrem genau sein, damit die kleinen Patienten nicht andere, böse Nebenwirkungen erleiden.

Stefanie hat ihren Alltag zurück

Stefanie hat derweil ihren Alltagsrhythmus wieder gefunden. Wie viele Krebspatienten hatte sie große Angst, wie ihre Freunde zum Beispiel auf den Verlust ihrer Haare reagieren würden. „Die haben es mir aber leicht gemacht“, erzählt sie. Ins Krankenhaus müsse sie routinemäßig nur noch ab und zu. Gedanken macht sie sich gerade ohnehin über etwas ganz anderes: Im April stehen die Abiturprüfungen an. Wenn alles gut läuft würde sie danach gerne studieren, "vielleicht was mit Medizin oder Forschung", ganz sicher sei sie sich da aber noch nicht.

Über dieses Thema berichtete die SWR Landesschau Baden-Württemberg am 03. Februar 2017 um 18:45 Uhr.

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