Eine Puppe liegt in einem Kinderzimmer auf dem Teppich.  | Bildquelle: dpa

Bundeskriminalamt legt Statistik 2011 vor Gewalt an Kindern - in jedem Fall eine Tragödie

Stand: 29.05.2012 15:23 Uhr

Jede Woche kommen in Deutschland durchschnittlich drei Kinder durch Gewalt oder Vernachlässigung ums Leben. Im vergangenen Jahr starben auf diese Weise 146 Kinder unter 14 Jahren. 114 der getöteten Kinder waren jünger als sechs Jahre. Das sagte der Chef des Bundeskriminalamtes, Jörg Ziercke, bei der Vorstellung der Polizeilichen Kriminalstatistik 2011 auf der gemeinsamen Pressekonferenz mit Kinderhilfe und Experten.

Jörg Ziercke | Bildquelle: dapd
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BKA-Chef Ziercke bei der Vorstellung der Kriminalstatistik 2011 in Berlin

Diese Zahl sei zwar im Vergleich zu 2010 - damals waren es 183 getötete Kinder - um ein Fünftel gesunken. Ziercke mahnte aber: "Jeder einzelne Fall, jedes betroffene Kind ist eines zu viel. Jeder Fall von Gewalt an Kindern ist eine Tragödie."

Seit 2002 wurden insgesamt 1935 Kinder vorsätzlich oder fahrlässig getötet. "Das heißt, im Durchschnitt kamen in Deutschland jährlich knapp 200 Kinder gewaltsam ums Leben", sagte der BKA-Präsident weiter.

Zudem verzeichnet die Statistik für das vergangene Jahr 72 Kinder unter 14 Jahren, die Opfer eines versuchten Mordes oder versuchten Totschlags wurden - das sind rund ein Viertel mehr als im Jahr davor.

Weniger Misshandlungen - mehr sexueller Missbrauch

Die Zahl der körperlichen Misshandlung von Kindern ging im Vergleich zu 2010 um sechs Prozent auf rund 4100 zurück. Im Durchschnitt wurden damit immer noch elf Kinder pro Tag misshandelt.

Der sexuelle Missbrauch von Kindern nahm dagegen um knapp vier Prozent zu. Mehr als 14.000 Kinder seien zum Opfer geworden, sagte Ziercke, was 39 Kinder pro Tag entspreche. Zudem wurden 2011 täglich 17 Fälle im Bereich der Kinderpornografie gezählt. Ziercke machte darauf aufmerksam, dass die Statistik nur angezeigte Taten erfasse, die Dunkelziffer wesentlich größer sei.

Kinderhilfe-Chef schlägt Alarm

Georg Ehrmann | Bildquelle: dapd
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Fordert eine umfassende Reform der Jugendhilfe: Kinderhilfe-Chef Ehrmann

Kinderhilfe-Vorsitzender Georg Ehrmann forderte eine grundlegende Reform des staatlichen Kinder- und Jugendhilfesystems. Dieses könne in seiner jetzigen Form nicht als funktionierend beschrieben werden, sagte er. Es gebe keine bundesweit einheitlichen Qualitätsstandards, etwa was die Praxis von Hausbesuchen in Familien angehe.

Eine entsprechende Visite habe es etwa im Fall Kevin nicht gegeben. Der Tod des zweijährigen Jungen aus Bremen hätte womöglich verhindert werden können. Das Kind war 2006 in den Akten seines amtlichen Vormundes als wohlauf geführt worden, doch zu dem Zeitpunk war der Junge bereits tot. Sein drogenabhängiger Ziehvater hatte die Leiche in einen Kühlschrank gesteckt. Die Leiche wies über 20 Knochenbrüche auf.

Lücken in gesetzlichen Vorschriften

Ehrmann bemängelte zudem Lücken bei den gesetzlichen Vorschriften. So sei etwa für ehrenamtliche Mitarbeiter in Sportvereinen die Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses nicht vorgeschrieben. Dadurch könnten wegen einschlägiger sexueller Delikte vorbestrafte Männer in die Jugendbetreuung gelangen.

Der Chef der Jugendhilfe mutmaßte, die Politik habe sich offensichtlich daran gewöhnt, dass seit sechs Jahren im Schnitt drei Kinder pro Woche an den Folgen von Misshandlungen sterben würden. Er warnte davor, die Schuld dafür einseitig den Jugendamtsmitarbeitern zu geben. Diese müssten oft mehr als 100 Fälle betreuen und seien damit überfordert.

Zweifel am Betreuungsgeld - gute Noten für Kinderärzte

Massive Zweifel äußerte Ehrmann daran, dass das von der Bundesregierung geplante Betreuungsgeld die Lage in gefährdeten Familien verbessern werde. Wenn diese Zahlung nicht an bestimmte Bedingungen - etwa ein Gewaltverzichtstraining - gekoppelt werde, bezweifle er, dass damit ein Fortschritt verbunden sei.

Gute Ergebnisse habe es dagegen mit Hinweisen von Ärzten bei den vorgeschriebenen Untersuchungen von Kleinkindern gegeben. Dadurch seien Kinder vom Jugendhilfesystem erfasst worden.

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