Bistum Eichstätt

Offenbar Kirchen-Millionen veruntreut

Stand: 05.02.2018 14:31 Uhr

Die katholische Kirche steht nach Informationen von WDR, NDR und SZ vor einem neuen Finanzskandal: Im Bistum Eichstätt soll ein Ex-Mitarbeiter in den USA bis zu 60 Millionen Dollar Kirchenvermögen veruntreut haben.

Von Katja Riedel, WDR

Es klingt wie ein Wirtschaftskrimi, eine Geschichte von Untreue, Macht und Geld. Der Schauplatz: früher eines der verschwiegensten Milieus der Welt, die katholische Kirche. Das Bistum Eichstätt soll von einem ehemaligen Mitarbeiter und einem mit diesem seit langem bekannten Immobilieninvestor um fast 60 Millionen Dollar geprellt worden sein.

Die beiden Beschuldigten scheinen nach derzeitigen Erkenntnissen kirchliches Geld in unbesicherte Immobiliendarlehen in den USA gesteckt haben - in Unternehmen, deren einzige Vermögenswerte offenbar die später zu errichtenden Gebäude sein sollten. Seit vergangener Woche sitzen beide Beschuldigte in Untersuchungshaft wegen des Vorwurfs der Untreue, Bestechung und Bestechlichkeit. Die Staatsanwaltschaft München II, die seit August in dem Fall ermittelt, geht derzeit von einem Schaden in Höhe von mindestens 56 Millionen US-Dollar aus, bestätigte eine Sprecherin.

In die eigene Tasche gewirtschaftet?

Dabei sollen die Beschuldigten nicht nur riskant und spekulativ das Kirchenvermögen angelegt haben. Sie sollen mit krimineller Energie auch in die eigene Tasche gewirtschaftet haben, so der Vorwurf. Das Bistum veröffentlichte dazu eine knappe Pressemitteilung, in der es bekundete, eng mit den Behörden zusammenarbeiten zu wollen.

Der Sachverhalt mache es zwingend erforderlich, "dass eine umfassende Aufarbeitung und gegebenenfalls auch Ahndung der Vorgänge durch die dazu berufenen staatlichen Stellen erfolgt", sagte der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke. Die Verteidiger der beiden Beschuldigten konnten sich auf Anfrage nicht zu den Vorwürfen äußern, da sie das Beweismaterial bisher selbst noch nicht gesichtet hatten oder sich mit ihren Mandanten beraten mussten.

Der Eichstätter Bischof Hanke kündigt eine "umfassende Aufarbeitung" an.

Einer davon, der mutmaßliche Spekulant, ein früherer deutscher Spitzenbanker, hatte mit einem Geschäftspartner seine Firmenzentrale in Dallas, von wo aus er in zahlreiche Projektgesellschaften investiert haben soll. Ohne dass es den zuständigen kirchlichen Vorgesetzten innerhalb des Bistums aufgefallen war, sollen die beiden Beschuldigten von März 2014 bis Mai 2016 mehr als 30 ungesicherte Darlehen aus Bistumsvermögen an Projektgesellschaften in den USA vergeben haben, in Höhe von mehr als 60 Millionen US-Dollar.

Alle diese Darlehen liefen über mehrere Jahre, das Geld sollte samt Erträgen erst am Ende zurück in die Bistumskassen fließen. Laut Strafanzeige sieht das Bistum Hinweise darauf, dass der ehemalige Mitarbeiter an einigen dieser Projektgesellschaften selbst beteiligt sei, bis heute. Die mutmaßliche Tat hat für das vergleichsweise kleine Bistum eine enorme Tragweite: Er betrifft nahezu 15 Prozent der gesamten Finanzanlagen der Diözese.

"Transparenzoffensive"

Aufgeflogen war die mutmaßliche Veruntreuung, nachdem das Bistum umsetzen wollte, was alle deutschen Erzbistümer sich im Zuge immer wieder aufkommender Skandale und Skandälchen um den Umgang mit Kirchenvermögen auferlegt hatten: eine "Transparenzoffensive". Der Eichstätter Bischof wollte mit seiner finanziellen Aufklärungsaktion Ende 2015 "erstmals und umfassend" das Vermögen nach "anerkannten und professionellen Standards erfassen". 

Die Wirtschaftsprüfer von Deloitte sowie eine Anwaltskanzlei fanden nicht nur Vermögen, darunter auch Finanzanlagen von 300 bis 350 Millionen Euro. Sie fanden auch das, was nun zu einem der größten Finanzskandale der katholischen Kirche werden könnte. Im Mai 2016 waren den internen Kontrolleuren demnach erstmals Zweifel gekommen, was es mit den auffälligen US-Darlehen ohne jegliche Grundpfandrechte auf sich habe. Inzwischen gehen kirchliche wie weltliche Ermittler davon aus, dass nahezu der gesamte investierte Betrag verloren ist.

Dem Bistum droht ein finanzieller Schaden von mindestens 56 Millionen US-Dollar.

Mangelnde Kompetenz in Finanzfragen

Doch dass es überhaupt gelingen könnte, solch enorme Beträge an den Verantwortlichen vorbei in fragwürdige Geschäfte zu stecken, zeigt auch ein Problem der Kirche: mangelnde Kompetenz in Finanzfragen. Immer wieder kommt es in Diözesen zu Unregelmäßigkeiten, wenn sie über größere Vermögensgüter verfügenes aber nur sehr wenig finanzwirtschaftlichen Sachverstand gibt.

Statt Kontrolle herrschen vielerorts Treu und Glauben. Die deutschen Bistümer verfügen zwar über enorme Reichtümer. In welcher genauen Höhe, versuchen sie aber gerade erst im Zuge ihrer "Transparenzoffensive" zu ermitteln. Das Bistum Eichstätt hat intern bereits auf die Vorgänge reagiert und einen neuen Diözesanvermögensverwaltungsrat bestellt, in dem künftig Kaufleute als Aufseher wirken sollen.

Der ehemalige, in Finanzfragen unbefleckte Kirchenmann an der Seite des Bistumsmitarbeiters, der von der mutmaßlichen Untreue in seinem Umfeld nichts mitbekommen hatte, soll freiwillig seinen Posten geräumt haben. Ihn beschreibt das Bistum selbst in seiner Strafanzeige als einen Geistlichen "ohne tiefergehende wirtschaftliche Kenntnisse".