Trächtige Kühe. | Bildquelle: picture alliance / ZB

Ermittlungen in Frankreich und Deutschland Dubiose Geschäfte mit Blut von Kälberföten

Stand: 12.08.2015 11:54 Uhr

Aus dem Blut von Kälberföten wird ein wichtiges Serum für Medizin und Forschung gewonnen. Es ist ein Geschäft, über das kaum jemand etwas weiß und das zu Betrug und Fälschungen geradezu einlädt. Nach Informationen von NDR und "Süddeutscher Zeitung" sind Serumhändler nun ins Visier von Strafverfolgern geraten.

Von Christian Baars, NDR

Wird eine trächtige Kuh geschlachtet, stirbt auch das ungeborene Kalb und wird zum "Schlachtnebenprodukt" - mit dem sich viel Geld verdienen lässt. Es geht um das Blut. Etwa ein halber Liter kann aus dem Fötus gezapft werden. Nachdem es geronnen ist, wird das Blut mit knapp 1000 Umdrehungen in einer Zentrifuge geschleudert. Es bleibt ein cognacfarbenes Serum: das fötale Kälberserum - im Laborjargon schlicht FKS genannt. Pharmafirmen und Wissenschaftler nutzen es als Nährlösung. Es hält Zellen, Gewebe und Organe am Leben und wird täglich weltweit in Laboren verwendet. Es ist notwendig für die Herstellung von Impfstoffen gegen Masern, Mumps oder Kinderlähmung und für die Entwicklung moderner Medikamente gegen Krebs oder Multiple Sklerose. Das Serum hat einen großen Wert und einen hohen Preis: Je nach Herkunft kostet es mehr als 1500 Euro pro Liter.

Um die wertvolle Flüssigkeit zu gewinnen, wird eine dicke Nadel durch die Rippen in das noch schlagende Herz des Fötus gestochen, ohne Betäubung. Über einen Plastikschlauch wird so viel Blut wie möglich abgepumpt. Tierschützer sagen, es sei eine ungeheuerliche Qual. Das Problem: Das Serum ist als Nährlösung in den Laboren bislang nicht zu ersetzen. Viele Zellen sterben ohne die Wachstums- und Lebensfaktoren aus dem Föten-Blut ab - und zwar binnen weniger Tage.

Millionen Kälberföten werden ausgeblutet

Ein Labormitarbeiter hält zwei Flaschen mit Kälberserum. | Bildquelle: picture-alliance / dpa
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Fötales Kälberserum (FKS) kommt in etlichen Laboren zum Einsatz.

Der Bedarf ist riesig und wächst weiter. Bis zu 800.000 Liter FKS werden mittlerweile jedes Jahr hergestellt, schätzen Experten, etwa zwei Millionen Kälberföten werden dafür ausgeblutet. Die Lieferanten kommen kaum nach. Sie suchen weltweit nach neuen Schlachthöfen, in denen sie das Blut der Kälber abzapfen können. In Europa passiert dies bislang an etwa zwei Dutzend Standorten. Doch die FKS-Produzenten wollen expandieren, möglichst auch in Deutschland.

Es ist eine Branche, die im Verborgenen agiert. Wo und unter welchen Bedingungen die Kälberföten sterben, erfährt in der Regel niemand. Auch der Markt, auf dem die wertvolle Flüssigkeit gehandelt wird, ist höchst undurchsichtig und nahezu unkontrolliert. Und er bietet die Möglichkeit, durch Betrug und Fälschungen, reich zu werden. Das zeigen Recherchen von NDR und "Süddeutscher Zeitung". Jetzt könnten sich einige der wichtigsten Akteure auf dem europäischen Serums-Markt vor Gericht wiedertreffen.

Ermittlungen in der Serum-Branche

In Baden-Baden ermittelt die Staatsanwaltschaft seit dem Frühjahr. Und auch in Paris dürfte schon bald ein Prozess beginnen. Dort sind vier Männer angeklagt: ein Franzose, ein Holländer, zwei Deutsche. Sie sollen gefälscht, gepanscht, betrogen haben. Drei von ihnen haben mit den Ermittlern kooperiert, Details ihrer Geschäfte ausgepackt. Der vierte - Frank Z. aus Nordrhein-Westfalen - wird per Haftbefehl gesucht. 2007 soll er nach Thailand ausgereist sein, sein Aufenthaltsort ist unbekannt.

Etwa zehn Jahre lang haben französische Ermittler die Branche durchleuchtet, Geschäftsräume, Labore und Wohnungen durchsucht, Zeugen und Beschuldigte vernommen. Die knapp 50 Seiten, die die Pariser Ermittlungsrichterin zusammengetragen hat, sowie die Klage in Baden-Baden offenbaren einen systematischen Betrug in einem gewaltigen Ausmaß. Es geht um weit mehr als 100.000 Liter gepanschtes und falsch deklariertes Serum.

Aus billigem Serum wird teures

Das System funktioniert relativ schlicht: Eine Firma importiert Serum aus einem Land, in dem es billig zu bekommen ist, fälscht die Herkunftsangabe, panscht es möglicherweise noch mit anderen Seren oder Flüssigkeiten und verkauft es dann für einen deutlich höheren Preis. Lukrativ ist das, weil sich die Preise je nach Herkunft extrem unterscheiden. Serum aus Neuseeland und Australien gilt als besonders sicher, weil dort einige Tierseuchen nicht vorkommen. FKS von dort kostet meist deutlich über 1000 Euro pro Liter und damit etwa fünf- bis zehnmal so viel wie südamerikanisches. Europa und Nordamerika liegen preislich dazwischen.

Die Ermittlungen ins Rollen gebracht hat Ole Nielsen. Er ist einer der größten Serum-Händler der Welt und hat Klage gegen einige Konkurrenten eingereicht. Er will Schadenersatz in Millionenhöhe, weil er sich betrogen fühlt. Über zwei Jahrzehnte lang sei wahrscheinlich mehr als die Hälfte des Weltmarktes von Betrug betroffen gewesen, sagt Nielsen. Besonders schlimm sei es in Europa gewesen, der Markt "komplett verdorben". Sein Unternehmen, die Viking International Company, hat 2001 das französische Unternehmen Biowest, den Marktführer in Europa, gekauft. 2003 übernahm Nielsen dort die Geschäftsführung. Im April 2004 erstattete er Anzeige gegen seinen Vorgänger bei Biowest, Henner B.

Unter dem früheren Chef hat Biowest offenbar jahrelang betrogen. Das zeigen die Ergebnisse der französischen Ermittler. Henner B. hat demnach - gemeinsam mit dem flüchtigen Frank Z. - eigens eine Firma in Nordrhein-Westfalen gegründet, um die Betrügereien zu kaschieren. Sie diente als ein "Schutzschild" für Biowest, sagte B. in einer seiner Vernehmungen.

Ein "verrückter Markt"

Die deutsche Firma hat beispielsweise Anfang der 2000er-Jahre billiges, schlechtes Serum in Kanada für etwa 20 Dollar pro Liter geordert. Es wurde später weggeschüttet. Es ging nur darum, die Papiere zu bekommen - mit der Aufschrift "Serum" und "Herkunft: Kanada". Denn ein japanischer Kunde verlangte ausdrücklich kanadisches FKS. Die deutsche Firma importierte Serum aus Brasilien, Paraguay oder anderen südamerikanischen Länder für etwa 40 Dollar pro Liter und verkaufte es weiter an das französische Partnerunternehmen - inklusive der kanadischen Papiere. Von dort ging es weiter nach Japan, für 210 Dollar. Macht 150 Dollar Gewinn pro Liter und das für mehrere Tausend Liter. Es sei ein "verrückter Markt", sagte Henner B. während der Vernehmungen aus. Laut Klageschrift arbeitet er nun in einer Pizzeria in Nizza. Doch weder dort noch an seinem Wohnort in Südfrankreich noch über seine Anwälte konnten NDR und SZ ihn erreichen.

Anfang 2010 durchsuchten die Ermittler die Geschäftsräume einer weiteren französischen Firma. Sie hatte ihren Sitz in einer Lagerhalle aus Backstein in einer kleinen Straße von Colmar - wenige Kilometer von der deutsch-französischen Grenze entfernt. Dort fanden die Ermittler eine Reihe belastender Dokumente: Zwischen 2003 und 2009 hatte die Firma demnach insgesamt 110.000 Liter FKS an einen Zwischenhändler in Baden-Württemberg geliefert. Angeblich sollte es von französischen Schlachthöfen stammen. Doch tatsächlich kamen knapp 95 Prozent aus Südamerika, so die Ermittler. Es habe offensichtlich ein wildes Strecken und Panschen verschiedener Seren aus verschiedenen Herkunftsländern stattgefunden. Laut den Aussagen des beschuldigten Geschäftsführers in Frankreich soll der deutsche Zwischenhändler davon gewusst haben. Auf Anfrage von NDR und SZ bestreitet er das jedoch, die Vorwürfe seien haltlos.

Ein weiterer Fall von Manipulationen mit Kälberserum erschütterte 2013 das Unternehmen GE Healthcare, Teil des Weltkonzerns General Electric. Es hatte die österreichische Firma PAA gekauft, einen der größten Serum-Produzenten und -Händler mit einem Umsatz von 40 Millionen Euro und einem gehandelten Volumen von 200.000 Litern FKS pro Jahr. GE musste jedoch feststellen, dass es offenbar einen Fälscher gekauft hatte. Auf Anfrage von NDR und SZ teilte der Konzern mit, man habe nach dem Kauf "zuvor geheim gehaltene" Missstände entdeckt. Auch hier waren die Angaben zur Herkunft von Kälberseren gefälscht worden. Teils waren sie mit Wasser oder anderen Flüssigkeiten gestreckt worden. GE warnte seine Kunden davor, die Produkte von PAA weiter zu verwenden.

Folgen für Patienten und Forscher

Stammzellenforschung | Bildquelle: 3sat
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In der Zellforschung können Seren unterschiedlicher Qualität die Ergebnisse verfälschen.

Für Patienten und Wissenschaftler können die Folgen der Fälschungen immens sein. Schätzungen zufolge werden Milliarden an Forschungsgelder jedes Jahr "verbrannt". Denn wissenschaftliche Ergebnisse sind nur wertvoll, wenn sie reproduzierbar sind. Falsch deklarierte oder gepanschte Seren können jedoch den Versuchsausgang massiv beeinflussen, und die Wissenschaftler haben dann keine Chance, den Fehler zu entdecken. Zudem können über das Serum Krankheiten und Tierseuchenerreger übertragen werden. Die Abnehmer - Pharmafirmen und Labore - beschwichtigen zwar: Es würden immer alle neuen Chargen getestet. Doch wie gründlich kontrolliert wird, liegt allein in der Verantwortung der Unternehmen.

Die zuständige Behörde, das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), überwacht zwar generell die Sicherheit von Impfstoffen und Blutprodukten, kontrolliert aber nicht jede Charge der Arzneimittel. Nach eigenen Angaben wurde das PEI über den aktuellen Fälschungsverdacht informiert. Auf Anfrage von NDR und SZ teilte das Institut mit, es habe "keine Kenntnis darüber, dass das betroffene Kälberserum bei der Herstellung humaner Arzneimittel verwendet wurde" - kann es aber auch nicht ausschließen. Für diesen Fall "wäre zu prüfen, ob damit Risiken verbunden waren", so das PEI. Tatsächlich sind die gefälschten Produkte über Zwischenhändler weltweit verkauft worden. Wo sie am Ende überall zum Einsatz kamen, weiß niemand.

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