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Von Michael Reissenberger, SWR
Das Oberlandesgericht Karlsruhe nimmt von Jörg Kachelmann den dringenden Verdacht und lässt ihn frei - der Mannheimer Justiz zum Trotz. Aber Kachelmann ist schon längst ein vorverurteilter Mann ohne Ehre. Persönlich ruiniert, geschäftlich ramponiert. Das ist das gemeinsame Werk von Justizbehörden und Presse, die schon eine Art schriftliches Geheimverfahren gegen den Angeklagten geführt haben. Mit dem ganzen Volk als Schöffen. Schon kursieren erste Meinungsumfragen über Kachelmanns Schuld oder Unschuld.
Der Fall Kachelmann - ein großes Gesellschaftsspiel. Schon die Öffentlichkeitsarbeit der Mannheimer Staatsanwälte zu Beginn ließ das Gebot der Unschuldsvermutung beiseite. Man nahm umgehend zu Kachelmanns Unschuldsbeteuerung Stellung mit den Worten, es bestehe eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Angaben der Frau stimmen. Und auch im weiteren Verlauf der Affäre warb man regelrecht um die öffentliche Zustimmung für Kachelmanns U-Haft.
Ganz offensichtlich fütterten Justizangehörige alsbald auch die Medien mit Untersuchungsergebnissen und Gutachten, die eigentlich unter Verschluss gehören und oft nur ausrissweise bekannt wurden: umso stärker die Meinungsmache. Allen voran war zunächst "Die Bunte", die eine von Kachelmanns Ex-Geliebten unter anderem mit dem Satz zitierte: "Auch wenn Kachelmann strafrechtlich nicht schuldig sein sollte, so hat er uns doch alle seelisch missbraucht."
Schuldzuweisungen folgten mit zunehmend schadenfrohen Texten, die den "netten Herrn Kachelmann" mit der Rätselfrage erledigten, wie in der "Bild"-Zeitung: "Kann man sich in einem Menschen so täuschen?" Dort auch der vernichtende Satz eines Kommentators: "Der Verdacht ist seelisches lebenslänglich."
Der Mann mit dem wilden Bartwuchs wurde selbst körpersprachlich als Medienprofi entlarvt, als einer, der seine Mimik strategisch einsetzt - also zur Verstellung neigt. Und die "Süddeutsche Zeitung" findet schließlich den Schlusssatz, die Mannheimer Justiz gelte als sehr hart bei solchen Vorwürfen, die Kachelmann träfen. Und auch der erste Strafsenat des Bundesgerichtshofes (BGH), der über eine eventuelle Revision eines Mannheimer Urteils zu befinden hätte, sei nicht als besonders milde bekannt. Wenn das nicht schon das Urteil vorweg nimmt.
Der kommende Prozess wird ein ähnlich makaberes Schauspiel werden wie seinerzeit der Prozess gegen Monika Weimar wegen der Ermordung ihrer beiden Töchter. Und in diesem Fall ist belegt, wie schädlich der Öffentlichkeitseinfluss auf Richter und Schöffen sich entfaltet hatte. Es geht für viele offenbar jetzt schon nicht mehr um das, was sich wirklich ereignet hat, sondern um das gesellschaftliche Klima.
Die Illustrierte "Stern" warnt, dass ein Freispruch Kachelmanns vielen Frauen den Mut nehmen könnte, zur Polizei zu gehen. Und dann wird behauptet, Männer könnten ihrerseits das Gefühl gewinnen, eine Vergewaltigung vor allem im Rahmen einer Beziehung sei ein relativ sicheres Delikt.
Der Fall Kachelmann als Lackmustest für den Gesellschaftskrieg zwischen Mann und Frau. Welch merkwürdige Sichtweise! Dabei geht es ganz allein um einen gewiss dramatischen Verdacht und seine Aufklärung. Doch leider scheint die Fairness des Verfahrens nicht mehr gegeben zu sein.
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