Der Deutsche Ahmet C. (links) in einem IS-Camp | Bildquelle: Propaganda-Bild des IS

Radikale Islamisten aus Deutschland Das Ende der Dschihad-Reisen

Stand: 16.11.2016 18:00 Uhr

Die Zahl radikaler Islamisten, die Deutschland verlassen, um sich dem IS anzuschließen, ist stark zurückgegangen. Das geht aus einem Papier der Sicherheitsbehörden hervor, das NDR, WDR und "SZ" vorliegt. Entwarnung geben die Behörden deswegen aber nicht.

Von Georg Mascolo, NDR

Jahrelang galt eine Zahl als Chiffre für die wachsende Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus. Es war die sorgsam geführte Statistik, wie viele Radikalisierte aus Deutschland sich auf den Weg in den Dschihad machten. Inzwischen sind es mehr als 840, meist reisten sie zum sogenannten Islamischen Staat - also nach Syrien und in den Irak.

Ende dieses Monats werden sich die Innenminister aus Bund und Ländern bei ihrer Herbstsitzung im Saarland über eine Studie beugen, die Bundeskriminalamt und Verfassungsschutz in Zusammenarbeit mit dem "Hessischen Informations- und Kompetenzzentrum gegen Extremismus" verfasst haben. Es ist die bisher umfassendste Vermessung der deutschen Dschihad-Szene und sie kommt nach Informationen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" zu gleich zwei überraschenden Feststellungen: Die Ausreisen zum IS sind eher ein Phänomen der Vergangenheit, sie seien "nahezu zum Erliegen gekommen," heißt es in der als Verschlusssache eingestuften Studie. Nur warum dies so ist, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen.

Insgesamt wurde die Radikalisierung von 784 Personen untersucht, 79 Prozent von ihnen sind Männer, mehr als 60 Prozent wurden bereits in Deutschland geboren. Auffällig oft spielte bei der Radikalisierung eine Verbindung zu Koran-Verteilungsaktionen eine Rolle. Den Verein "Die wahre Religion", der dies vorrangig betrieb, ließ das Bundesinnenministerium diese Woche verbieten. Laut der Studie machten sich 2014 - dem Hoch der Ausreisen - in machen Monaten fast 100 Personen aus Deutschland auf den Weg in die Region, aber zwischen Juli 2015 und Juni 2016 waren es durchschnittlich weniger als fünf pro Monat.

IS mit weniger Sogwirkung

Die Experten kommen zu dem Schluss, dass Reisen in das "Kalifat" "bei Dschihad-affinen Personen aus Deutschland kaum mehr eine Sogwirkung" entfalten. "Wenn angesichts der geringen Ausreisezahlen überhaupt noch von einer Attraktivität des IS gesprochen werden kann, so kann der IS allenfalls eine gewisse Anziehungskraft unter jüngeren Männern entfalten, die weniger sozial integriert sind und sich in der Gesamtbetrachtung durch eine höhere kriminelle Energie auszeichnen," heißt es.

Zudem gäbe es keine Anzeichen dafür, dass es in nächster Zeit erneut zu vielen Ausreisen an andere "Dschihad-Schauplätze", etwa Afghanistan oder Pakistan, kommen werde. Das Papier stellt gar die Frage, ob das in Deutschland existierende Potential erst einmal ausgeschöpft sei. "Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass die salafistisch motivierten Reisebewegungen aus Deutschland zum IS als ein Indiz für den sich offensichtlich vollziehenden Niedergang des in 2014 ausgerufenen Kalifats zu interpretieren sind: Einem 'gescheiterten Staat' gleich ist weniger Immigration bei gleichzeitig offenkundig zunehmender Emigration zu beobachten." Die Bremer Innenbehörden hatten bereits im Oktober erklärt, dass sie seit Sommer keinen Fall einer Ausreise mehr registriert hätten. Hamburg erklärte auf Anfrage, 2016 sei es bisher zu einer Ausreise gekommen, 2015 waren es noch 13.

Ein Panzer der 9. irakischen Panzerdivision schießt auf Stellungen des IS bei Mossul. | Bildquelle: AFP
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Irakischer Panzer nahe Mossul: Der IS gerät im Irak und in Syrien zunehmend unter Druck.

Das Warum bleibt unklar

Was die Gründe für diese Kehrtwende sind, bleibt in der Studie allerdings unklar. Auf der einen Seite argumentieren die Autoren, dass der wachsende militärische Druck auf den IS eine Rolle spiele, auch bessere Grenzkontrollen und der Entzug von Reisepässen und Personalausweisen spiele eine Rolle. Auch fühlten sich selbst viele der Islamisten von der Gewalt der Terroristen abgestoßen. Hierfür spreche auch, dass inzwischen 20 Prozent der vom IS nach Deutschland zurückgekehrten Islamisten mit den Sicherheitsbehörden kooperieren würden.

Unklar bleibt allerdings, welche Rolle die Aufforderung des IS spielt, nicht mehr in das "Kalifat" auszureisen, sondern in den Heimatländern zu bleiben und dort Anschläge zu begehen. Die Studie weist darauf hin, dass dies nicht Gegenstand der Untersuchung gewesen sei und jedenfalls "die IS-Ideologie nachweisbar nicht an Attraktivität verloren" habe - wie auch die in Deutschland erfolgten oder versuchten Anschläge bewiesen. Vielmehr müsse man davon ausgehen, dass sich durch diesen Wechsel in der Strategie die Bedrohung für die Länder des Westens sogar verschärft habe. Neben den Rückkehrern aus Syrien und dem Irak komme "eine schwer einzuschätzende Zahl von hier gebliebenen radikalisierten bzw. sich radikalisierenden Personen hinzu."

Der Deutsche Ahmet C. (links) in einem IS-Camp | Bildquelle: Propaganda-Bild des IS
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Der Deutsche Ahmet C. (links) in einem IS-Camp. Er soll sich 2014 im Irak in die Luft gesprengt haben. 54 Menschen starben, darunter viele Kinder.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. November 2016 um 21:00 Uhr.

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