Ein Mann mit Aktentasche spiegelt sich in einer Häuserfassade.  | Bildquelle: dpa

Bericht des Ex-Spions Jamali Banalität statt Bond

Stand: 29.05.2015 02:36 Uhr

Russland und die USA bespitzeln sich misstrauisch - nicht erst seit der Ukraine-Krise. Das gegenseitige Ausspionieren hat eigentlich nie aufgehört, wie die Geschichte des Doppelagenten Naveed Jamali deutlich macht.

Von Christian Thiels, tagesschau.de

Die amerikanische Schnellrestaurantkette "Hooters" ist nicht unbedingt als Gourmet-Tempel bekannt. Sie verdankt ihren Namen den tiefen Ausschnitten der dort angestellten Bedienungen - "Hooters" ist US-Slang für weibliche Brüste. Die Damen servieren in knapper Berufsbekleidung ziemlich durchschnittliche Chicken Wings und Hamburger, aber irgendwie kommt es dem Publikum auf den kulinarischen Genuss wohl auch nicht so an.

Treffen in schäbigen Restaurants

In den US-Filialen von "Hooters" spielt die Geschichte von Naveed Jamali aus New York. Und auch wenn das Ambiente so gar nichts vom Ritz hat und auch keine gerührten Martinis serviert werden - es ist eine Agenten- und Spionagegeschichte. "Im Grunde waren es die beschissensten Läden, die man sich vorstellen kann", erzählt Jamali. Er ist ein freundlicher, fast jungenhaft lächelnder Kerl, Sohn eines pakistanischen Einwanderers und einer Französin. Und er war über drei Jahre für die amerikanische Bundespolizei FBI als Doppelagent tätig und enttarnte dabei den hochrangigen russischen Geheimdienstler Oleg Kulikov.

Mit dem traf er sich regelmäßig in eher schäbigen Schnellrestaurants und Pizzerien und eben bei "Hooters". Es ist das Jahr 2005 und der Kalte Krieg ist eigentlich schon lange vorbei, sollte man meinen. Doch tatsächlich ist die Geschichte von Jamali beispielhaft dafür, dass sich im gegenseitigen Ausschnüffeln von USA und Russland seit dem Mauerfall wenig geändert hat.

Erst im März wurde ein russischer Polizist in Moskau als CIA-Spion zu 15 Jahren Haft verurteilt, amerikanische Ermittler hoben im Januar einen russischen Spionagering in New York aus. Vor zwei Jahren präsentierte Moskau den angeblichen US-Spitzel Ryan Fogle, der mit zwei Perücken, drei Sonnenbrillen und einem Batzen Bargeld als Geheimagenten-Ausrüstung festgenommen worden war. Schlagzeilen machte auch der Spionagering um die rothaarige Anna Chapman, die 2010 in den USA verhaftet und dann nach Russland ausgewiesen wurde, um dort als Heldin gefeiert zu werden.

Der Ex-Doppelagent Naveed Jamali
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Der Ex-Doppelagent Naveed Jamali berichtet in seinem Buch von der unglamourösen Arbeit als Spion.

"Es gibt kein Vertrauen"

Egal wie es um die offiziellen Beziehungen zwischen Moskau und Washington steht, Spionage hat augenscheinlich konstant Konjunktur. "Im internationalen Geschäft zwischen Staaten gibt es kein Vertrauen, sondern nur ein Austarieren nationaler Interessen", urteilt dann auch der deutsche Geheimdienst-Experte Erich Schmidt-Eenboom. 

Aber immerhin gebe es dabei so etwas wie gegenseitigen Respekt unter den Agenten, sagt Naveed Jamali. Sein Kontaktmann Kulikov sei eben ein Soldat gewesen, der "seine Pflicht als Patriot" für Russland getan habe. Die Russen habe er stets als Geheimdienst-Profis erlebt. Naveed selbst war dagegen blutiger Laie als er ins Agenten-Geschäft einstieg. Alles was er darüber und über die Methoden des verdeckten Ermittelns wusste, stammte aus James Bond-Filmen und Fernsehserien wie Miami Vice oder Magnum. "Ich war total naiv", erzählt er beim Besuch in Berlin. Die größeren Zusammenhänge und die Gefahren seines Abenteuers habe er als Endzwanziger gar nicht überblickt.

Buch schildert Erlebnisse Naweeds

Jamali hat seine Geschichte in einem Buch mit dem Titel "Jagd auf Juri" aufgeschrieben. Das gibt Einblick in die ziemlich wenig glamouröse Welt der Spionage- und Gegenspionage. Eine Welt aus Schnellrestaurants an gesichtslosen Einkaufsstraßen, elend langen Gesprächen und so ganz ohne Geheimwaffen, schöne Frauen und schicke Autos. Die FBI-Ermittler, die Naveed Jamali betreuten, fahren biedere Mittelklasse-Limousinen, als einzige Agenten-Ausrüstung bekommt er eine Armbanduhr mit Mikrophon.

Trotzdem sei es "unglaublich spannend" gewesen, erzählt er: "Es war eine Art Wettkampf. Fast wie Schach. Ich wollte Oleg unbedingt besiegen". Gar nicht so einfach, denn der russische Agent ist ausgebildeter Vernehmungsexperte, dem man so schnell nichts vormachen kann. Jamali spielt den geldgierigen Amerikaner, fährt mit einem protzigen Sportwagen vor und fordert immer wieder vehement Geld für seine Dienste ein.

Bei Kulikov wirkt diese Masche offenbar. Er fasst Vertrauen zu dem wichtigtuerisch auftretenden Amerikaner und versucht ihn zu einer langfristigen Quelle aufzubauen. Dabei besteht er auf persönliche Treffen und lehnte es grundsätzlich ab, vertrauliche Informationen über E-Mail oder am Telefon zu kommunizieren. "Die Russen glauben, die technische Infrastruktur der USA ist so gut, dass sie fast jeden jederzeit mit Kameras überwachen, jedes Telefongespräch abhören und jede E-Mail lesen können", erzählt Jamali.

Schein-Festnahme - aber kein Showdown

Damit mag der Russe angesichts der Enthüllung zur NSA-Schnüffelei gar nicht so falsch gelegen haben. Doch Jamali beschwichtigt: Den US-Geheimdiensten fehle schlicht das Personal, um die gigantischen Datenmengen, die sie aus dem Internet und der weltweiten Kommunikation absaugen, wirklich detailliert auswerten zu können.

Wie dem auch sei, seine Vorsicht hat Agent Kulikov wenig genützt. Nach drei Jahren lässt sich Jamali zum Schein bei einem konspirativen Treffen vom FBI festnehmen. Die Russen sind über Monate verunsichert, wie viel die Amerikaner über ihre Geheimdienst-Aktivitäten in New York wissen. "Die haben alle Operationen gestoppt, weil sie nicht wussten, wo das Leck ist", erzählt Jamali.

Zum filmreifen Showdown kommt es allerdings nicht. Kulikov verlässt nach dem Scheitern seiner Operation mit dem nächstbesten Flugzeug die USA. Und damit endet dann auch Jamalis Ausflug in die reichlich banale Realität der Spitzel.  

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