Gedenken an den Oury Jalloh (Archivbild) | Bildquelle: dpa

Fall Oury Jalloh Alle Gutachten waren bekannt

Stand: 16.11.2017 19:31 Uhr

Wie starb Oury Jalloh? Nach Monitor-Recherchen kommen mehrere Sachverständige zu dem Schluss, der Asylbewerber sei wahrscheinlich getötet worden. Die Staatsanwaltschaft aber stellte die Ermittlungen ein - obwohl die Gutachten bekannt waren, wie sie nun mitteilte.

Von Stephan Stuchlik, WDR

Verwirrung im Fall Oury Jalloh: Angesichts der Meldungen über einen Verdacht auf Tötung oder gar Ermordung des Asylbewerbers im Jahr 2005 weist die ermittelnde Staatsanwaltschaft in Halle darauf hin, dass es zum Tod des damals in einer Arrestzelle verbrannten Mannes für sie keine neue Erkenntnisse gebe. Alles, was von Sachverständigen und an Gutachten vorliege, sei aktenkundig gewesen, als man das Verfahren eingestellt habe, sagte Oberstaatsanwältin Heike Geyer.

Doch diese Aussage wirft Fragen auf. Denn in einem Brief vom April 2017, der dem ARD-Magazin Monitor vorliegt, spricht der leitende Dessauer Oberstaatsanwalt Folker Bittmann von einem begründeten Anfangsverdacht auf Mord - bei gleichem Sachstand und gleicher Aktenlage. Bittmann, der zwölf Jahre lang die Ermittlungen leitete, hatte bis dahin die These verfolgt, Jalloh habe das Feuer in der Zelle selbst verursacht. Nunmehr benennt er in dem Schreiben sogar konkrete Verdächtige aus den Reihen der Dessauer Polizeibeamten.

Die übergeordnete Behörde, die Generalstaatsanwaltschaft in Naumburg, hatte der Dessauer Staatsanwaltschaft im August den Fall entzogen und die Staatsanwaltschaft Halle mit den Ermittlungen betraut. Halle stellte diese dann im Oktober 2017 nach nur drei Monaten ein.

War Jalloh schon vorher tot?

Laut den Ermittlungsakten, die Monitor vorliegen, kommen mehrere Sachverständige aus den Bereichen Brandschutz, Medizin und Chemie mehrheitlich zu dem Schluss, dass ein Tod durch Fremdeinwirkung wahrscheinlicher ist als die lange von den Ermittlungsbehörden verfolgte These einer Selbstanzündung. Die Branduntersuchung von Ende 2016 und nachfolgende Gutachten hatten sich zum ersten Mal detailliert mit der Frage nach dem Ausbruch des Feuers in der Arrestzelle beschäftigt.

Die Experten hatten in ihren Stellungnahmen ausgeführt, der Brand sei wahrscheinlich von dritter Hand gelegt worden. Der Zustand der Zelle und des Leichnams Jallohs nach dem Brand lasse sich am ehesten durch den Einsatz geringer Mengen von Brandbeschleuniger wie etwa Leichtbenzin erklären. Zudem sei die Theorie der Selbstanzündung so gut wie auszuschließen: Jalloh sei vermutlich bei Brandbeginn komplett handlungsunfähig oder sogar bereits tot gewesen, so dass die Annahme, er habe das Feuer selbst gelegt, nicht stichhaltig sein könne.

Nachgestellter Brand im Fall Jalloh
galerie

Im Institut für Brand- und Löschforschung in Dippoldiswalde wurde der Feuertod von Oury Jalloh nachgestellt

Vertuschung als mögliches Motiv

Oberstaatsanwalt Bittmann fasst diese Expertise in dem Monitor vorliegenden Schreiben vom April dieses Jahres zusammen und begründet damit den Verdacht eines Tötungsdelikts bis hin zum Mord. Bittmann hält es demnach für wahrscheinlich, dass Jalloh bereits vor Ausbruch des Feuers mindestens handlungsunfähig oder sogar schon tot war und mit Brandbeschleuniger besprüht und angezündet wurde; als Tatverdächtige kämen Mitglieder der Dessauer Polizei in Frage. Als mögliches Motiv für die Tat nennt er die Vertuschung einer anderen Straftat gegenüber dem Asylbewerber.

Die Naumburger Generalstaatsanwaltschaft erklärte heute, man habe deshalb die Staatsanwaltschaft Halle mit der Weiterverfolgung des Falls betraut, weil es in Dessau zu wenig Ermittlungskapazitäten gebe. Zudem habe man verhindern wollen, dass Dessau gegen Dessauer Polizisten als Tatverdächtige ermitteln müsse. Den Verdacht, der Ermittlungsentzug sei politisch motiviert, wies die Generalstaatsanwaltschaft zurück.

Warum verbrannte Oury Jalloh?
tagesthemen 23:40 Uhr, 16.11.2017, Stefan Stuchlik, WDR

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 16. November 2017 um 16:00 Uhr.

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