Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen Roland Jahn

Zweite Amtszeit für Roland Jahn Bei den Stasi-Opfern hoch angesehen

Stand: 09.06.2016 04:47 Uhr

Der Bundestag wählt Roland Jahn heute erneut zum Chef der Stasi-Unterlagenbehörde. Eigentlich hätte die umgebaut werden sollen - doch die Koalition konnte sich nicht einigen. Einwände kamen auch von Stasi-Opfern, bei denen Jahn hoch angesehen ist.

Von Katja Strippel, ARD-Hauptstadtstudio

Für Roland Jahn endet heute eine monatelange Hängepartie. Seit Mitte März ist der Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde nur noch kommissarisch im Amt. Vor einem Monat sagte er im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk: "Für mich persönlich ist das nichts Anderes - mir ist aber wichtig, dass hier keine Irritation bei den Opfern entsteht. Manche haben das schon als den Anfang eines Schlussstrichs wahrgenommen."

Nur einen Tag vor diesem Interview hatte Jahn an einer Diskussionsrunde im ehemaligen Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen teilgenommen. Es ging um die Zukunft seiner Behörde, zahlreiche ehemalige Häftlinge meldeten sich zu Wort.

Auch Marita Ulbricht griff zum Mikrofon: "Ich saß fünf Monate hier in Hohenschönhausen und neun Monate in Hoheneck. Die Republikflucht ist schiefgegangen. Anfang der 90er-Jahre habe ich meine Stasi-Akten lesen können und habe es jetzt noch mal getan."

Archivierte Akten in der Stasi-Unterlagenbehörde
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111 Regal-Kilometer Akten lagern in den Archiven der Stasi-Unterlagenbehörde.

Lob für Jahn

Was in ihrer Akte steht, erzählt Ulbricht nicht. Ihr geht es um etwas Anderes: "Solch eine Leitung wie Herrn Jahn hat die Stasi-Unterlagenbehörde noch nie gehabt. Beide Vorgänger - die hätten nicht unbedingt sein müssen." Die beiden Vorgänger sind Joachim Gauck und Marianne Birthler.

Dass so viele Opfer Jahn als einen der ihren wahrnehmen, liegt vor allem an seiner Biografie: Der Bürgerrechtler aus Jena saß Anfang der 1980er-Jahre wegen staatsfeindlicher Aktivitäten in der DDR im Gefängnis und wurde dann gegen seinen Willen in den Westen abgeschoben. Von West-Berlin hielt er Kontakt zu Oppositionellen in der DDR. Aus eigener Erfahrung weiß er: "Hinter jeder Akte steckt ein menschliches Schicksal."

Kommission: Akten sollen ins Bundesarchiv

In der Stasi-Unterlagenbehörde ist Jahn für 111 Regal-Kilometer Akten und 41 Millionen Karteikarten zuständig. Eine Expertenkommission hätte ihm die Akten lieber weggenommen und das Bundesarchiv in Koblenz mit der Verwaltung beauftragt.

Der stellvertretende Vorsitzende der Kommission, Richard Schröder, begründete das mit den vielen anderen Aufgaben des Stasi-Unterlagenbeauftragten: "Für den Posten braucht man eigentlich eine charismatische eierlegende Wollmilchsau oder - um es seriös auszudrücken - ein Genie, das Verwaltungserfahrung mitbringt und auch von Archiven etwas versteht."

Schröders Aufzählung ging noch weiter. Am Ende war klar: Jahn ist diese eierlegende Wollmilchsau wohl nicht. Aber Jahn sieht das gelassen: "In der Politik gibt es immer einen, der die politische Verantwortung hat, der in der Lage ist, Kompetenz zu organisieren und zu bündeln."

Reform der Behörde liegt auf Eis

Doch jetzt muss erst mal nichts gebündelt werden. Die Reform der Stasi-Unterlagenbehörde liegt nämlich bis zur nächsten Legislaturperiode auf Eis. Auslöser war eine Sitzung des Kulturausschusses, die der Sozialdemokrat Siggi Ehrmann leitete.

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"Das ist schlicht eine Brüskierung der Kommission, die vom Bundestag eingesetzt worden ist und die anderthalb Jahre intensiv gearbeitet hat."

Ex-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse zur gescheiterten Reform

Dass die Stimmung in dieser Sitzung kippte, lag Ehrmann zufolge vor allem an den Opfern: "Sie fühlen sich unzureichend wertgeschätzt, gewürdigt - und sehen in der Stasi-Unterlagenbehörde, gerade in der Person von Roland Jahn, die Institution und den Akteur, der ihr Ansprechpartner und Sachwalter ist."

Ehrmann findet es ärgerlich, dass die Stasi-Unterlagenbehörde erst nach der kommenden Bundestagswahl reformiert wird. Er fand viele Vorschläge der Expertenkommission gut. Aber er sagt auch, in der Koalition fehle momentan der gemeinsame Wille, die Handlungsempfehlungen "sorgfältig weiterzuverfolgen": "Deshalb muss Stabilität an der Spitze der Stasi-Unterlagenbehörde hergestellt werden."

Für diese Stabilität sorgt der Bundestag heute mit der Wiederwahl Jahns.

Roland Jahn bleibt Chef der Stasi-Unterlagenbehörde
Katja Strippel, ARD Berlin
09.06.2016 01:41 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 09. Juni 2016 um 06:41 Uhr.

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