Ebrahim B. bei einem Interview.

IS-Rückkehrer aus Syrien und dem Irak "Wenn du dahin gehst, bist du tot"

Stand: 16.07.2015 18:00 Uhr

Ebrahim B. war drei Monate lang bei der Terrororganisation "Islamischer Staat" in Syrien und im Irak. "Wenn du dahin gehst, bist du tot oder tot", sagt er heute. B. ist der erste deutsche IS-Rückkehrer, der offen vor einer Kamera spricht.

Von Britta von der Heide und Christian Baars (NDR) 

"Wenn du dahin gehst, bist du tot," sagt Ebrahim B. Er war dort und hat überlebt. Viele andere jedoch nicht. B. zog im vergangenen Jahr ins Kriegsgebiet nach Syrien. Er ist einer von mindestens 20 jungen Männern aus Wolfsburg, die sich seit 2013 der Terrororganisation "Islamischer Staat" anschlossen. Mindestens sieben von ihnen starben bereits - B. kehrte zurück.

Jetzt sitzt der 26-Jährige in einem niedersächsischen Gefängnis in Untersuchungshaft. Dort hat er sich entschieden, von seiner Zeit beim IS zu berichten.

IS-Rückkehrer Ebrahim B.
tagesschau 20:00 Uhr, 16.07.2015, C. Deker/B. von der Heide/G. Mascolo, NDR

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"Gefängnis in Deutschland ist mir viel lieber als Freiheit in Syrien"

Als erster deutscher Rückkehrer sprach B. offen vor einer Kamera. Er gab einem Team von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" ein Interview. B. hofft vermutlich auf eine mildere Strafe, will aber vor allem andere davor warnen, sich dem IS anzuschließen. Dieser habe mit dem Islam nichts zu tun, sagt er. Und: "Das Gefängnis in Deutschland ist mir viel lieber als Freiheit in Syrien. Dann können Sie sich schon vorstellen, wie schrecklich das war."

Er muss sich gemeinsam mit Ayoub B. vor dem Oberlandesgericht Celle verantworten. Beide sind wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung angeklagt. Deshalb antwortete Ebrahim B. im Interview nicht auf jede Frage. Alles, was er sagt, kann im Zweifel im Prozess gegen ihn verwendet werden.

Deutsche IS-Kämpfer

Bis heute schlossen sich nach Angaben des Verfassungsschutzes mehr als 700 Deutsche dem IS an. Etwa 260 sollen zurückgekehrt sein. Für den Terrorismus-Experten Peter Neumann vom International Center for the Study of Radicalisation am Londoner King's College ist das Interview mit B. sehr wichtig. "Wir haben in Europa einige Zeit darauf gewartet, dass es solche Leute gibt", sagt Neumann. Er hoffe, B.s mutiges Beispiel werde andere dazu bewegen, ihn nachzuahmen. "Wenn es gelingt, durch solche Aussteiger auch nur fünf oder zehn Prozent Zweifel zu säen, dann könnte man möglicherweise viele Leute davon abhalten, nach Syrien zu gehen."

B.s Berichte hält Neumann für durchaus glaubwürdig. Sie enthielten viele faszinierende Details über das tägliche Leben im "Islamischen Staat", über die Reise dorthin und über die Gruppe, zu der der Aussteiger offensichtlich gehörte, sagt Neumann.

Ebrahim B. kommt aus Wolfsburg

B.s Eltern stammen aus Tunesien. Sie zogen in den 70er-Jahren nach Wolfsburg. VW brauchte damals dringend Arbeiter. Er wurde in der niedersächsischen Stadt geboren, seine Mutter ging aber mit ihm und seinen Geschwistern kurz darauf wieder nach Tunesien. Dort machte B. seinen ersten Schulabschluss und kehrte anschließend zurück nach Wolfsburg. Er machte dort noch den Hauptschulabschluss und eine Lehre zum Massage-Therapeuten. "Mit Religion hatten wir eigentlich nichts zu tun", sagt er. Er habe geraucht, getrunken, gefeiert, eine Freundin gehabt, in der Moschee sei er eher selten gewesen.

Doch im vergangenen Jahr sei er an diesen "falschen Prediger" geraten, einen Anwerber des IS, erzählt B. Und das in einer Zeit, in der es ihm schlecht gegangen sei, er familiäre Probleme gehabt habe, Streit mit den Eltern seiner Freundin.

Bei den Islamisten fand er offenbar Halt. Und anscheinend fand er es auch cool, einen Bart zu tragen und zu der Gruppe zu gehören. Der "falsche Prediger" habe ihm und anderen zudem alles Mögliche versprochen, wenn sie nach Syrien gingen, um sich dem IS anzuschließen - durchaus sehr weltliche Dinge: Man könne dort teure Autos fahren und heiraten, sogar bis zu vier Frauen.

"Das Bedürfnis, vieles zu erklären"
Ebrahim B. war 2014 drei Monate lang beim IS. Jetzt sitzt er in Deutschland im Gefängnis und will sich von der Terrororganisation distanzieren. Als erster deutscher IS-Rückkehrer spricht er offen vor einer Kamera.

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Ende Mai 2014 brechen sie ins Kriegsgebiet auf

Ende Mai 2014 brach Ebrahim B. auf. Gemeinsam mit seinem einem Jahr älteren Freund Ayoub B. flog er von Hannover nach Samsun an der türkischen Schwarzmeerküste. Von dort gelangten sie über einige Umwege nach Gaziantep im Süden des Landes und wurden von einem IS-Mann über die Grenze nach Syrien geschleust.

Ebrahim B. und Ayoub B. merkten wohl schnell, dass auf sie dort nicht das Paradies wartet. Direkt hinter der Grenze kamen sie in ein Auffanglager für ausländische Kämpfer. "Klick, klack" habe es gemacht, sagt Ebrahim B., die Tür ging zu, sie durften nicht mehr heraus und mussten alles abgeben: ihr Handy, ihren Pass, sogar ihr Shampoo und ihre Zahnbürste. Duschen hätten sie nur freitags gedurft, "in einem dreckigen See", sagt B. Rauchen und Alkohol waren verboten. Auf einem Zettel an der Wand habe gestanden: "Jeder der flucht, wird mit dem Tod bestraft".

Die erste Zeit verbrachten die neuen IS-Anhänger offenbar noch gemeinsam in dem Lager. Sie hätten gelernt, mit einer Kalaschnikow umzugehen und Koran-Unterricht bekommen. Außerdem sei ihnen beigebracht worden, wie sie sich zu verhalten hätten, "wen wir töten dürfen", berichtet Ayoub B. später, als er zurück ist in Deutschland. "Vor der Schlacht wurde uns gesagt, dass wir keine Geiseln nehmen dürfen. Alle müssten abgeschlachtet werden. Es war eine richtige Gehirnwäsche."

Kämpfer oder Selbstmordattentäter

Dann hieß es: Ihr müsst euch entscheiden - Kämpfer oder Selbstmordattentäter. Ayoub B. kam in ein militärisches Trainingslager im Norden Syriens. Ebrahim B. wurde in den Irak gebracht - zusammen mit anderen Freiwilligen für Selbstmordanschläge. Dort wurde er Zeuge einer Hinrichtung, behauptet er. Einer von ihnen sei beschuldigt worden, ein Spion zu sein, berichtet B. "Er wurde weggebracht, dann kam so ein Richter." Kurz darauf habe er ein "Quietsch" gehört - ein Geräusch, als ob eine Katze überfahren werde. "Und dann haben die seine Leiche zu uns ins Zimmer gebracht und seinen Kopf auf seine Leiche hingelegt, zum Abschrecken."

Ayoub B. mit einer IS-Fahne
galerie

Ein Foto von Ende Juli 2014 zeigt Ayoub B. mit einer IS-Fahne. Wenig später kehrte er nach Deutschland zurück.

Mitte August floh Ayoub B. laut eigenen Angaben. Er schaffte es in die Türkei und flog von Istanbul zurück nach Deutschland. "Ich hatte Todesangst", schrieb er kurz nach seiner Flucht einer Freundin in Wolfsburg via Facebook. Noch am Flughafen stellte er sich der Polizei. Kurz darauf erschien sein Name im Internet auf einer angeblichen Todesliste des IS. "Ayoub B. aus Wolfsburg kämpfte erfolgreich in Irak. Doch kehrte er seinen hinterhältigen Rücken und ging zurück zur Dschahilijah" - zurück zu den Ungläubigen. Ebrahim B. folgt ihm wenig später nach.

Zunächst versuchten sie in Wolfsburg wie zuvor zu leben, gegen beide wurde jedoch ermittelt. Im November 2014 wurde Ebrahim B. verhaftet, im Januar 2015 auch Ayoub B. Seitdem sitzen sie in Untersuchungshaft. Anfang August soll der Prozess gegen sie beginnen.

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