Jugendliche Islamisten: Demonstration in Berlin

"Mentoren" des IS-Terrors "Mach, was dich glücklich macht"

Stand: 01.02.2017 17:00 Uhr

Sie erklären den Bau einer Bombe, rechtfertigen das Töten von Unschuldigen und drängen junge Menschen zu Gewalttaten: Immer wieder tauchen Chats mit "IS-Mentoren" bei Terrorverdächtigen auf. WDR, NDR und "Süddeutsche Zeitung" haben die Kommunikation ausgewertet  - eine Analyse der Verführung zum Terror.

Von Lena Kampf und Andreas Spinrath, WDR

Es ist 19:02 Uhr, als Safia die letzten Anweisungen bekommt, die sie zur Terroristin machen werden: "Bitte die Polizisten, mit Dir zu kommen, in eine Ecke. Dann nimm die W. Aber du musst wissen, wie du den Apfel benutzt." Safia versteht, sie weiß, dass "W" und "Apfel" für Waffe stehen. Leyla schickt sie los: "Wenn du es gut geplant hast. Dann mach, was dich glücklich macht".

Am nächsten Tag geht die 15-jährige Safia S. zum Hannoveraner Hauptbahnhof und rammt einem Bundespolizisten ein Küchenmesser in den Hals. Vor wenigen Tagen wurde die Schülerin deshalb zu sechs Jahren Haft verurteilt. Nicht auf der Anklagebank: Leyla, deren Namen man eigentlich in Anführungszeichen schreiben muss. Denn "Leyla" ist offenbar ein Kämpfer des selbsternannten "Islamischen Staates". Ein Mann, Safias Mentor, ein Verführer für den Terror.

Hannover, Ansbach, Würzburg: Fast immer, wenn im vergangenen Jahr Terroranschläge auf deutschem Boden verübt werden, finden Ermittler im Nachhinein entlarvende Kommunikation mit Personen wie "Leyla". Personen, deren Aufgabe es ist, für den IS Täter zu finden, diese aufzuhetzen und zu möglichst grausamen Anschlägen zu bewegen. Der Bundesnachrichtendienst spricht nach Informationen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" inzwischen von "IS-Mentoren". Ihr System, das zeigen zahlreiche Dokumente, ist ziemlich erfolgreich.

Ermittler am Tatort des Anschlags von Ansbach | Bildquelle: dpa
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Ermittler am Tatort des Anschlags von Ansbach

Wie aus einem Flüchtling ein mutmaßlicher Terrorist wird

Beispielhaft ist der Fall des 16-jährigen Syrers Mohammad J., der im September in einem Kölner Flüchtlingsheim festgenommen wurde. Ihm wird die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat vorgeworfen, Ende Februar wird ihm deshalb der Prozess gemacht.

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Wie wurde aus dem Flüchtling ein mutmaßlicher Terrorist, ein Junge, dem die Staatsanwaltschaft offenbar zutraut, dass er ein Bombenattentat begehen wollte? Anfang 2016 erreicht J. mit seiner Familie Deutschland, die Familie aus Damaskus beantragt Asyl. J. plagen offenbar Fragen. Er sucht nach simplen Antworten. Im April wendet er sich über Facebook an einen Abu Jawad. Ob Jawad Mitglied vom IS sei? Ob er damit rechnen müsse, dass der IS ihn umbringen werde, weil er in Deutschland unter Ungläubigen lebe? Jawad antwortet nicht.

Aber die Fragen werden nicht weniger, J. tippt sie in die Google-Suchleiste des Mobiltelefons. Und er stellt sie in vielen der Abertausenden Chatnachrichten: Er will wissen, ob er Geld und Essen von Kanzlerin Angela Merkel annehmen und bei Ungläubigen leben dürfe.

A. Spinrath. WDR, zu den Maschen der IS-Anwerber
tagesschau 11:00 Uhr, 02.02.2017

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Die Marionette des Mentors

Es sind die Fragen eines Jungen, der mit seiner Familie auf einmal mitten in einer Welt gelandet ist, die ihm fremd ist. Am 20. Mai ist plötzlich jemand da, der ihm Antworten gibt: Bilal. Bilal, kantige Gesichtszüge, israelische Telefonnummer, gestutzer Bart, schaltet sich mit seinem Mobiltelefon in das Leben von Mohammad. Er findet den richtigen Ton, bewegt sich zwischen großem Bruder und Lehrer, wechselt zwischen Humor und Furor. Schnell vertraut Bilal Mohammad ein Geheimnis an: Er sei vom IS. Ob er ihn verrate? Mohammad zögert nicht. Er werde ihn nicht verraten.

Eine typische Strategie, erklärt Hakan Celik vom Violence Prevention Network, das unter anderem Rückkehrer aus dem "Islamischen Staat" betreut: "Der psychologische Trick ist Vertrauen herzustellen, den jungen Menschen an sich zu binden. Ist das erst einmal vorhanden, macht man alles, was der Mentor sagt. Man wird zu einer Marionette."

In den kommenden Monaten werden aus Facebook-Nachrichten verschlüsselte Telegram-Chats. Er  habe ihm von den Anschlägen des IS in Deutschland erzählt, schreibt Bilal. Mohammad habe gesagt, dass die Deutschen gute Menschen seien und hilfsbereit. Ob ihm jetzt klar sei, warum? Mohammad solle ein Ungläubiger werden.

Spuren nach Ansbach und Würzburg

Bilal meint die Anschläge in Würzburg und Ansbach. Auch hier finden sich die Spuren der IS-Mentoren. In Würzburg wurde der 17-jährige Flüchtling Riaz A. über Monate von einem bis heute nicht identifizierten Gesprächspartner indoktriniert und gedrängt. Erfolglos versuchte er Riaz A. dazu zu bringen, mit einem Auto statt mit einer Axt zuzuschlagen. Seine Abschiedsworte: "Jetzt erlangst du das Paradies."

Im Fall des Selbstmordattentäters Mohammad D., der sich nur sechs Tage später vor einem Weinlokal in Ansbach in die Luft sprengte, steht inzwischen fest, dass der IS-Mentor ihn regelrecht zur Tat drängte, als der noch zögerte: "Mann, was ist mit dir los? Vertrau Gott, und lauf zum Restaurant los."

Auch den für Terrorismus zuständigen Generalbundesanwalt Peter Frank beschäftigen die IS-Mentoren. Auf Anfrage von WDR, NDR und SZ sagte er: "Wir beobachten dieses Phänomen seit gut einem Jahr." Ein Grund für die Vorgehensweise sei mit der zunehmenden Digitalisierung der Welt und dem damit einhergehenden geänderten Kommunikationsverhalten zu erklären.

Eine Art Lebensberatung

Ein Muster zeichnet sich ab: Oft beginnt es in salafistischen Netzwerken mit einer Art Lebensberatung, ist der Kandidat oder die Kandidatin radikal genug, wird sie an spezielle Ansprechpartner weiter verwiesen. Die Kommunikation wird verschlüsselt. Ein besonders erfolgreicher Mentor des "Islamischen Staates" ist der Franzose Rachid Kassim. Um den ehemaligen Sozialarbeiter scharten sich zeitweise Hunderte digitale Anhänger: Unter ihnen einer der Attentäter, die im vergangenen Juli einen 85-jährigen Priester in Nordfrankreich ermordeten.

Ob die sogenannten Mentoren sich kennen oder von einer zentralen Stelle im IS koordiniert werden, ist nicht belegt. Auffällig ist jedoch, dass mindestens zwei der willigen deutschen Attentäter durch mutmaßliche Mitglieder des IS kontaktiert wurden - es hat den Anschein, als wäre ihre Telefonnummer weitergereicht worden. Bekannt ist zumindest, dass es im IS eine zentrale Stelle, gibt, die Attentate in Europa plant und dirigiert.

Auch Safia S. primäre Kontaktperson, eine Australierin namens Shadi Jabar Khalil Mohammed, soll eine hochrangige IS-Rekrutiererin gewesen sein. In Ermittlerkreisen wird vermutet, dass sie den Kontakt zwischen "Leyla" und Safia S. vermittelt hat. Shadi Jabars eigener 15-jähriger Bruder hatte Anfang Oktober 2015 in der australischen Stadt Parramatta einen Polizisten erschossen, sie selbst wurde im Mai 2016 bei einem amerikanischen Drohnenangriff getötet. 

Terror: Recherche zur Anwerbung von Jugendlichen
tagesthemen 22:15 Uhr, 01.02.2017, A. Spinrath, L. Kampf, A. Bröker, WDR

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Erster Blick der Ermittler auf Smartphones der Verdächtigen

Inzwischen gilt der erste Blick der Terrorismus-Fahnder stets den Smartphones der Verdächtigen. Mit Hilfe amerikanischer Geheimdienste und des FBI werden bisweilen selbst verschlüsselte Chats sichtbar gemacht. Derzeit bemühen sich die Behörden herauszufinden, ob auch der Berliner Weihnachtsmarkt-Attentäter Anis Amri auf diese Art und Weise angeleitet wurde - bisher steht dies nicht fest. Nur ein Chat wurde bisher sichtbar gemacht, Amri kommunizierte am Tattag ab 19:15 Uhr - kurz nachdem er eine Moschee in Berlin verlassen hatte, mit einer bisher nicht identifizierten Person: Er möge mit ihm in Verbindung bleiben und für ihn beten. Später schrieb Amri: "Bin jetzt in der Fahrerkabine."

Und in Köln? Aus den Antworten auf die Fragen eines 16-Jährigen werden die Befehle eines 24-jährigen IS-Mentors. Mohammad übernimmt offenbar die radikalen Ansichten des Verführers, sein Umfeld bemerkt die Veränderung. In einer geheimen Chatgruppe vermitteln mutmaßliche IS-Gefolgsleute den Bau einer Bombe, Bilal hilft mit einer Art Einkaufsliste für ein Attentat: eine Uhr, Feuerwerkskörper, Schwefel.

Kurz vor der Festnahme von Mohammad: Bilal befiehlt ihm, eine Bombe zu bauen. Er solle aber vorsichtig sein. Mohammad zweifelt noch einmal. Er will wissen, ob man die Deutschen töten dürfe. Bilals Antwort ist knapp: Er solle es tun.

Recherchekooperation

Die investigativen Ressorts von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" kooperieren unter Leitung von Georg Mascolo themen- und projektbezogen. Die Rechercheergebnisse, auch zu komplexen internationalen Themen, werden für Fernsehen, Hörfunk, Online und Print aufbereitet.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. Februar 2017 um 17:00 Uhr.

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