Ein Verdächtiger wird am 21.12.2017 von Polizeieinheiten aus einem Fahrzeug geführt. Er soll einen Anschlag in Karlsruhe geplant haben. | Bildquelle: dpa

Karlsruhe Anschlag im Auftrag des IS-Generals?

Stand: 26.12.2017 18:00 Uhr

Der kurz vor Weihnachten in Karlsruhe verhaftete Dasbar W. soll womöglich einen Anschlag geplant haben - im Auftrag eines hochrangigen IS-Mannes. Der 29-Jährige wird vor allem belastet durch die Aussage eines V-Manns der Polizei. Aber stimmt dessen Geschichte?

Von Georg Mascolo, NDR

Am 21. Dezember fuhr eine Wagenkolonne mit schwer bewaffneten Polizisten vor dem Bundesgerichtshof vor. Der am Tag zuvor festgenommene Dasbar W. sollte dem Haftrichter vorgeführt werden. Die linke Stirnseite war noch rot und geschwollen, ein Polizist eines Sondereinsatzkommandos hatte den 29-Jährigen mit einem Faustschlag vor seiner Wohnungstür außer Gefecht gesetzt.

Mit der Festnahme endete eine monatelange Ermittlung, die die Sicherheitsbehörden in Baden-Württemberg an die Grenze der Belastbarkeit brachte. Dasbar W.'s Kommunikation wurde rund um die Uhr überwacht. Observationskommandos begleiteten ihn. Dasbar W., so lautet nach Recherchen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" der Verdacht, könnte von einem hochrangigen Mitglied des sogenannten "Islamischen Staates" einen direkten Auftrag für einen Anschlag erhalten haben. Im Haftbefehl des Bundesgerichtshofes ist von einem "IS-General" die Rede. Zunächst sei es um Frankreich oder Belgien als Ziel gegangen. Dann verdichteten sich die Hinweise, dass es ein Weihnachtsmarkt und eine Eislaufbahn in Karlsruhe sein könnten.

Das Haus, in dem der Verdächtige gelebt hat, der in Karlsruhe einen Anschlag geplant haben soll. | Bildquelle: dpa
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Das Haus, in dem der verdächtige Dasbar W. gelebt hat. Seine Kommunikation wurde rund um die Uhr überwacht. Observationskommandos begleiteten ihn.

Stets den Anschlag von Anis Amri gerühmt

Ein V-Mann des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg berichtete, Dasbar W. habe stets den Anschlag von Anis Amri auf den Berliner Weihnachtsmarkt gerühmt. Es sei für ihn wie ein "Orgasmus", wenn er sich daran erinnere. Dann habe er von möglichen eigenen Plänen gesprochen. Das Wort "Glaubenstag" sei gefallen. Das klang nach Weihnachten. Dazu schien zu passen, dass sich Dasbar W. am 17. Dezember auf YouTube eine Reportage des MDR ansah. Titel: "Wie sicher sind Antiterror Betonsperren?"

Man entschied sich zur Festnahme. Vom weiteren Verlauf der Ermittlungen in der Strafsache 2 BJs 1123/17-9 wird nun abhängen, ob die deutschen Sicherheitsbehörden ihre Zählung der in 2017 verhinderten terroristischen Anschläge von drei auf vier erhöhen müssen.

Laut Haftbefehl soll Dasbar W. spätestens im September 2017 mit der konkreten Planung eines Anschlags begonnen haben. Den Auftrag für eine Mordtat in Europa soll er danach direkt von dem "IS-General" erhalten haben, der ihn auch finanziell unterstützt habe. So sagt es jedenfalls der V-Mann. Es wäre ein gravierender, ein außerordentlich beunruhigender Vorgang.

Zweifel selbst bei den Ermittlern

Aber noch, so scheinen es selbst die Ermittler zu sehen, gibt es Zweifel. Manches ist sonderbar am Fall von Dasbar W. Da ist die Geschichte mit dem V-Mann, auf seinen Angaben beruhen die besonderes belastenden Aussagen. Dasbar W. und der V-Mann sollen sich auf einem Dekra-Lehrgang für Gabelstapler-Fahrer kennengelernt haben. Dasbar W., so sagt es der V-Mann, habe sich ihm anvertraut und freimütig von seinen Anschlagsplänen berichtet.

Aber irgendwann muss Dasbar W. dem V-Mann misstraut haben. Am 27. November erschien er bei der Bundespolizei am Bahnhof in Karlsruhe und verlangte, eine Aussage zu machen. Die Beamten brachten ihn zur örtlichen Kriminalpolizei. Dort berichtete Dasbar W. er habe einen Bekannten, dem er einen Anschlag zutraue. Diese baue Schreckschusswaffen zu scharfen Waffen um. Womöglich sei der Karlsruher Weihnachtsmarkt das Ziel.

Die Freiluft-Kunsteisbahn vor dem Schloss Karlsruhe | Bildquelle: dpa
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Auf den Weihnachtsmarkt und die Kunsteisbahn vor dem Schloss in Karlsruhe soll Dasbar W. einen Anschlag geplant haben.

Widersprüchliche Aussagen

Noch am Morgen seiner Festnahme, so sagt es Dasbar W.'s Anwalt Marc Jüdt, habe dieser bei der Polizei erneut gegen den V-Mann ausgesagt. Sein Mandant habe nie einen Anschlag geplant. Viel wird nun von der Glaubwürdigkeit des V-Manns abhängen.

Zwar belastet auch abgehörte Kommunikation Dasbar W. - danach soll er etwa Propaganda-Videos für den IS erstellt und verbreitet haben. Auch der Bundesnachrichtendienst meldete, dass sich Dasbar W. bei einem Aufenthalt im nordirakischen Erbil Kontakt zum IS suchte. Abgehörte Gespräche sollen zudem belegen, dass Dasbar W. sich für Bomben und Schusswaffen interessierte. All dies erklärt, warum die Sicherheitsbehörden sich zum Zugriff entschieden - man wollte kein Risiko eingehen. Aber die Informationen, die besonders belastend sind, stammen von dem V-Mann der Polizei. Dasbar W., so sagt es der Polizei-Informant, habe auch aus Angst vor Repressalien gegen seine Familie die Tat ausführen wollen.

Für die überraschende Anzeige gegen den V-Mann haben die Ermittler eine Erklärung: Womöglich habe Dasbar W. erkannt, dass dieser für die Polizei arbeite und sich mit einer Aussage gegen ihn entlasten und als gesetzestreuer Bürger präsentieren wollen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. Dezember 2017 um 23:00 Uhr.

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