Masoud Aqil nach 150 Tagen Gefangenschaft | Bildquelle: J. Schulz/Chuck Knox Photography

Ex-Gefangener Masoud Aqil 280 Tage im IS-Gefängnis

Stand: 13.08.2017 00:28 Uhr

Nicht weniger als 280 Tage war der syrische Kurde Masoud Aqil ein Gefangener des IS. Folter, Misstrauen und der Fanatismus seiner Peiniger prägten seinen Alltag. Darüber und über seine Schlüsse daraus hat Aqil ein Buch geschrieben.

Von Michael Stempfle, ARD-Hauptstadtstudio

"Sie kamen meistens nach dem Freitagsgebet, wenn sie wieder einen von uns töten wollten", erzählt Masoud Aqil. Ende 2014 war der damals 21-Jährige in Nordsyrien in IS-Gefangenschaft geraten. Da er Kurde ist, hält ihn die Terrororganisation für einen "Ungläubigen". Von Ende 2014 an hatte der Journalist 280 Tage lang die sinnlose Brutalität des IS zu ertragen: Folter genauso wie seelische Gewalt, also Mordankündigungen und Schein-Exekutionen.

"Die Wachleute der IS-Gefängnisse wählten willkürlich aus, wer das nächste Todesopfer sein sollte, und zwar immer zwei Wochen vor der Hinrichtung", so Aqil. 14 Tage, die ein Mitgefangener in Todesangst durchleben musste. "Jeder, der dem Tod ins Auge sah, erzählte uns Mitgefangenen aus seinem Leben, während draußen die IS-Kämpfer beschlossen, wer von ihnen der Henker sein darf." Die IS-Leute versuchten, Allah durch das Töten von Ungläubigen näherzukommen.

ARD-Korrespondent Michael Stempfle (links) und Masoud Aqil
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"Ich habe etwas Ungewöhnliches erlebt. Manchmal kommt es auch zurück. Aber ich weine nicht. Ich lege es beiseite" - Masoud Aqil (rechts) im Gespräch mit Michael Stempfle.

Wie genau er frei kommt, wird nicht klar

Aqil versprach im Laufe seiner Gefangenschaft immer wieder, mit den Familien der Opfer Kontakt aufzunehmen, falls er die Gefangenschaft überleben sollte. Und tatsächlich, Aqil konnte dem IS im September 2015 entkommen, im Rahmen eines Gefangenenaustausch zwischen Kurden und IS-Soldaten. Nachzulesen in seinem Buch "Mitten unter uns", das er gemeinsam mit Co-Autor Peter Köpf geschrieben hat, und das Ende des Monats auf den Markt kommt. Wie dieser Austausch genau zustande kam, bleibt im Buch allerdings etwas unklar. Es soll sich allerdings nicht um einen Freikauf gehandelt haben, erzählen uns die Autoren.

Jedenfalls konnte Aqil später tatsächlich einige Familien von ermordeten Mitgefangenen ausfindig machen und ihnen Nachrichten ausrichten. So erzählt er es uns in einem Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio, für das er sich eine Stunde Zeit nimmt.

Al-Shaddadi-Gefängnis | Bildquelle: J. Schulz/Chuck Knox Photography
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Das IS-Gefängnis im syrischen Shaddadi: Jeden Tag seelische und körperliche Gewalt

Für viele Deutsche unfassbar

Eine Lebensgeschichte, die für viele Flüchtlinge hierzulande gar nicht so ungewöhnlich sein mag, für viele Deutsche aber unfassbar erscheint. Insgesamt lebte Aqil während der IS-Gefangenschaft in sechs verschiedenen Gefängnissen - manchmal zusammen mit vertrauenswürdigen Mithäftlingen, manchmal aber auch zusammen mit IS-Leuten, die wegen Verstößen gegen IS-Regeln oder wegen Verdächtigungen eingesperrt waren. Anhänger und Feinde der Terrororganisation - in einer Zelle auf engstem Raum.

Während des Interviews bleibt Aqil die meiste Zeit ruhig, konzentriert. Nur in wenigen Augenblicken wird er nachdenklich. Zum Beispiel, als er erzählt, wie er sich die Exekutionen von Mithäftlingen nachträglich auf Video ansehen musste. IS-Leute zwangen ihn dazu.

Die Schilderungen der 280 Tage in Aqils Buch hält Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik für glaubwürdig. Das zeige sich etwa daran, welches Detailwissen Aqil habe - zum Beispiel bei der Beschreibung des IS-Kämpfers Abu Lukman, dem Gouverneur der syrischen Stadt Rakka.

Soldaten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) gehen am 24.07.2017 an der Front in Al-Rakka (Syrien) während Gefechten mit der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) durch einen zerstörten Straßenzug. | Bildquelle: dpa
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Soldaten der Syrischen Demokratischen Kräfte in Rakka: Mittlerweile steht auch die inoffzielle Hauptstadt des IS vor dem Fall.

Aus der Perspektive eines Kurden

Masoud Aqil belässt es in seinem Buch nicht dabei, nur seine Gefangenschaft zu beschreiben. Im ersten Kapitel macht er klar, dass seine Geschichte aus der Perspektive eines Kurden erzählt wird.

Islamwissenschaftler Steinberg hat an der grundsätzlichen Konfliktbeschreibung im Allgemeinen auch nichts auszusetzen. Vereinfacht ausgedrückt lautet sie: Die Terrororganisation IS ist nur das Symptom des Konflikts; der syrische Machthaber Baschar al-Assad hingegen ist die Ursache. So heißt es in Aqils Buch etwa, Assad habe Häftlinge, die sich in seinen syrischen Gefängnissen radikalisiert hatten, 2006 in den Irak ausreisen lassen - im Wissen, dass sie dort militante Gruppen bilden würden. Assads Strategie: Chaos in der Region stiften, damit sich der syrische Präsident selbst irgendwann als Retter Syriens aufschwingen könne.

Dabei wird allerdings auch deutlich, dass Aqil kein Wissenschaftler ist, der die Situation in Syrien völlig objektiv beschreibt. Das Urteil von Guido Steinberg: Die Rolle der kurdischen Partei YPD komme in der Konfliktbeschreibung Syriens zu kurz. "Da gibt es eine Lücke", sagt Steinberg, die wohl mit der persönlichen Situation des Autors zu erklären sei.

"Terroristen haben sich unter die Flüchtlinge gemischt"

Der Untertitel des Buches - "Wie ich der Folter des IS entkam und er mich in Europa einholte" - zeigt, dass es dem Autor nicht nur um seine persönliche Vergangenheit geht, ganz im Gegenteil. Aqils Botschaft: Auch in Deutschland laufen derzeit IS-Leute frei herum.

Wie groß die Dimension der gewaltbereiten Islamisten in Deutschland wirklich sein mag, wird in seinem Buch nicht so recht klar. Auf Nachfrage in unserem Interview sagt er: Er allein kenne etwa zehn bis zwölf, die dem IS zumindest nahestehen.

Mehrere Dutzend Facebook-Accounts von Flüchtlingen in Deutschland liefern einen begründeten Verdacht, dass sich die Anhänger des IS nicht von dessen Ideologie distanziert haben, sondern die Terrororganisation noch immer unterstützen. Andere Flüchtlinge kennen vermutlich weitere IS-Anhänger. Das Problem: Häufig fehlten gerichtsfeste Beweise, um ihnen eine Mitgliedschaft in der Terrororganisation und konkrete Tatbestände nachzuweisen.

Masoud Aqil nach 150 Tagen Gefangenschaft | Bildquelle: J. Schulz/Chuck Knox Photography
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Masoud Aqil nach 150 Tagen Gefangenschaft...

Masoud Aqil | Bildquelle: J. Schulz/Chuck Knox Photography
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... und auf einem aktuellen Foto in Freiheit.

"Was mich in Europa irritiert"

Der Grund, dass sie möglicherweise unbemerkt hier seien? Aqil macht dafür die Situation in Deutschland im Herbst 2015 verantwortlich. "Ich weiß, dass sich Terroristen unter die Flüchtlinge gemischt haben, und Deutschland hätte nicht so viele Menschen ohne ausreichende Prüfung ins Land lassen dürfen", heißt es in seinem Kapitel "Was mich in Europa irritiert".

Und tatsächlich: Immer wieder bestätigt sich der Verdacht, dass Anhänger des IS oder der Al-Nusra-Front nach Deutschland gekommen sind. Immer wieder eröffnet der Generalbundesanwalt Verfahren wegen des Verdachts auf Mitgliedschaft einer terroristischen Vereinigung.

Haupteingang des Al Tabka-Gefängnisses | Bildquelle: J. Schulz/Chuck Knox Photography
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Auch im nordsyrischen Tabka hatte der IS ein Gefängnis.

Strafen zu lasch?

Die Strafen, die der deutsche Rechtsstaat vorsieht und die bislang verhängt wurden, sind nach Aqils Ansicht zu milde. Steinberg ergänzt: Tatsächlich seien die Strafen meist niedriger als in anderen Staaten, in denen es ähnliche Verfahren gibt. Es sei aber zum jetzigen Zeitpunkt zu früh, um zu beurteilen, ob das richtig oder falsch sei. Führen höhere Strafen und längere Haftzeiten am Ende nur dazu, dass der Hass der Verurteilten auf den Staat größer und die Bereitschaft zur De-Radikalisierung geringer wird?

Steinberg zieht allerdings einen Vergleich zur ersten Generation der Dschihadisten, die nach Pakistan ausgewandert sind. Die Pakistan-Rückkehrer seien zwar in der Regel nicht geläutert, trügen also häufig noch immer die islamistische Ideologie in sich. Dennoch ginge von vielen derzeit keine große Gefahr mehr aus.

Masoud Aqil ist inzwischen 24 Jahre alt, nach Deutschland geflüchtet und kann sich gut auf Deutsch unterhalten. Gerade hat er seinen Sprachkurs mit dem B1-Zertifikat bestanden. Traumatisiert sei er nicht, sagt er selbstbewusst. "Ich habe etwas Ungewöhnliches erlebt. Manchmal kommt es auch zurück. Aber ich weine nicht. Ich lege es beiseite." Er will nicht, dass ihn die Gefangenschaft beim IS nachträglich zu einem Opfer macht. Im Gegenteil. Er will diese Erfahrung nutzen, um sein neues Zuhause Deutschland vor dem IS zu warnen und das Ansehen der tatsächlichen Kriegsflüchtlinge zu verbessern.

Über dieses Thema berichtete Titel Thesen Temperamente am 13. August 2017 um 23:35 Uhr.

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