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Vor der Veröffentlichung des Hirtenbriefes von Papst Benedikt XVI. zum Missbrauch in Irland sprach tagesschau.de mit dem ARD-Hörfunkkorrespondenten Stefan Troendle über die Informationspolitik des Vatikans, Inhalte des Schreibens und darüber, was der Brief für den Papst selbst bedeutet.
tagesschau.de: Der Papst hat seinen Hirtenbrief an die irischen Bischöfe gestern unterschrieben, heute erst veröffentlicht ihn der Vatikan. Aber seit Wochen werden auch in Deutschland die hiesigen Missbrauchsfälle heftig diskutiert. Auf viele wirkt die Informationspolitik des Vatikan unverständlich.
[Bildunterschrift: Papst Benedikt XVI. zeigte sich am vergangenen Wochenende entsetzt über die deutschen Missbrauchsfälle. ]
Stefan Troendle: In der Tat hört man natürlich auch aus Vatikankreisen unter der Hand die "leise Bitte", dass der Papst auch endlich etwas zu den Vorfällen sagt. Die Kritik reißt ja nicht ab - ähnlich wie bei den Piusbrüdern vor einem Jahr.
Aber der Vatikan ist keine Demokratie, kein Politikbetrieb und kein modernes Unternehmen. Er reagiert, wie er immer reagiert hat. Dabei hat sich schon einiges verbessert, früher war es noch viel schlimmer. Immerhin erfährt man jetzt mal als Journalist, wann und unter welchen Bedingungen das Dokument morgen veröffentlicht wird.
Aber man fragt sich natürlich weiter: Warum sagt der Papst denn nichts? Das ist in der heutigen medialen Welt schwer zu verstehen. Da wäre wirklich ein bisschen Modernisierung gut - aber ich bezweifele, dass das unter Benedikt XVI. passieren wird.
tagesschau.de: Aber ist das jetzige Prozedere nicht auch für den Vatikan ungewöhnlich langwierig?
Stefan Troendle: Der Brief hätte eigentlich früher erscheinen sollen. Das es jetzt länger dauert, deutet darauf hin, dass daran noch gearbeitet wurde - und Missbrauchsfälle nicht nur in Irland, sondern in anderen Ländern einfließen. Ich habe auch erfahren, dass es mit 20 Seiten ein längeres Dokument wird - auch das deutet auf eine umfassendere Stellungnahme hin.
Und im Vergleich zu päpstlichen Enzykliken, die Grundsatzprobleme behandeln, muss man aber auch sagen - für den Vatikan ist der aktuelle Hirtenbrief schon eine Art Schnellschuss.
tagesschau.de: Wie entsteht so ein Brief?
Stefan Troendle: Bei Ratzinger weiß man, dass er viele Sachen selbst schreibt. Er verfasst sie auf Deutsch und lässt sie dann übersetzen. In diesem Fall haben aber auch wohl Berater in Sachen Priesterseminare und Ausbildung und die Glaubenskongregation einen Einfluss.
Der Begriff Hirtenbrief bezeichnet in der katholischen Kirche ein bischöfliches Rundschreiben zu lehramtlichen, seelsorgerlichen oder aktuellen Themen. Er wird in der Regel im Gottesdienst verlesen. Für päpstliche Schreiben wird meist die Bezeichnung Enzyklika verwendet.
Hirtenbriefe gibt es auch in der evangelischen Kirche. Schon im Neuen Testament ist von Apostel- und Gemeindebriefen die Rede. Bis heute werden die Rundschreiben vor allem zur Fastenzeit und bei besonderen Anlässen verfasst.
tagesschau.de: Warum hat sich der Papst noch nicht zu den Vorfällen in seiner deutschen Heimat geäußert?
Stefan Troendle: Der Punkt ist: Der Papst ist der Chef der Weltkirche. Natürlich sagt er nicht jeden Sonntag etwas zu jedem einzelnen Land. Außerdem hat er sich ja schon zu dem Missbrauchsskandal geäußert: Er hat die Vorfälle in Irland verurteilt - sie als Verbrechen bezeichnet und schonungslose Aufklärung versprochen. Insofern ist seine Haltung sehr klar.
Und in Bezug auf Deutschland ist es so: Der Papst hat vergangenes Wochenende bei Erzbischofs Zollitschs Besuch in Rom gesagt, er sei bestürzt über die Fälle in Deutschland. Gleichzeitig hat er aber auch die deutsche katholische Kirche gelobt - sie sei auf einem guten Weg der Aufklärung. Der Vatikan will in diesem Fall die Aufklärung nicht an sich ziehen, sondern lässt sie in Deutschland – anders eben als im Fall Irland, wo der Vatikan die Bischöfe nach Rom zitiert hat.
tagesschau.de: Dieser Hirtenbrief richtet sich an die irischen Katholiken - wird es aber auch um die deutschen Fälle gehen?
Stefan Troendle: Das ist Spekulation. Ganz Deutschland wartet natürlich darauf, dass der Papst sich irgendwie äußert. Er weiß natürlich alles über die deutschen Fälle, durch Telefonate mit seinem Bruder und informelle Kontakte. Benedikt XVI. wird vermutlich in einem Nebensatz auch die anderen Länder streifen – wie die Niederlande, Österreich oder die Schweiz.
tagesschau.de: Wie konkret wird der Hirtenbrief werden?
Stefan Troendle: Es wird Vorgaben geben, wie die katholische Kirche in solchen Fällen vorgeht: Bei der Priesterausbildung, wie sie damit umgehen soll, wenn sie von solchen Fällen erfährt, wie man überhaupt mit pädophilen Priester umgeht - damit das Null-Toleranz-Prinzip des Papstes umgesetzt wird.
Das einzige, was wir wissen, weil Benedikt XVI. es am Mittwoch in seiner Generalaudienz gesagt hat: Das Schreiben soll "den Prozess der Reue, der Heilung und der Erneuerung voranbringen".
tagesschau.de: Wird der Hirtenbrief ein Befreiungsschlag für den Papst?
Stefan Troendle: Das sollte man hoffen. Er wäre gut beraten, sehr deutlich zu werden. Internationale Medien durchleuchten gerade die Vergangenheit des Papstes selbst - und suchen weitere Fälle. Er sollte also extrem unmissverständlich sein - damit er auch als Oberhaupt der katholischen Kirchen nicht angreifbar wird.
Das Interview führte Fabian Grabowsky, tagesschau.de
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