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10.02.2012

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Inland
Studentenprotest (Foto: dpa)
Interview: "Bologna-Reform hat gravierende Fehler"
Interview zur Hochschulreform

"Bologna-Reform hat gravierende Fehler"

Überfrachtete Lehrpläne, zu viele Prüfungen - die Kritik an der Bologna-Reform ist in der Politik zwar angekommen. Konkrete Beschlüsse gab es auf der Sitzung der Kultusminister aber nicht. Dabei sei eine Reform der Reform nötig, sagt Professor Schulmeister im Interview mit tagesschau.de. "Sonst ist Bologna kaputt."

tagesschau.de: Protestierende Studenten, überforderte Professoren, ratlose Kultusminister - ist die Bologna-Reform gescheitert?

Rolf Schulmeister: Nein, Bologna ist nicht gescheitert. Aber die Reform hat gravierende Fehler. Sie ist zu bürokratisch und mit zu wenig finanziellen Mitteln eingeführt worden. Man hat die Organisation der Lehre nicht reformiert. Wir haben viel mehr Fächer als früher und deshalb eine kleinteilige Woche mit einer Vielzahl von zweistündigen Veranstaltungen. Während des Semesters sind die Stundenpläne überfrachtet. Und in der vorlesungsfreien Zeit, also 17 Wochen im Jahr, sind die Studierenden generell unbetreut.

Zur Person:

Schulmeister
Professor Rolf Schulmeister arbeitet und forscht am Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung der Universität Hamburg. Zu seinen Schwerpunkten zählen das E-Learning, der Einsatz neuer Medien in der Lehre, die Hochschul-Didaktik und Studienreformen.
 

tagesschau.de: Wie ließe sich dies ändern?

Schulmeister: Wir brauchen ein vernünftiges Stipendiensystem, sodass die Studenten mehr Zeit zum Lernen haben. Immerhin 65 Prozent der Studenten sind derzeit neben ihrem Studium berufstätig. Wir müssen von den 45 Wochenstunden wieder runter, um die Studenten nicht zu überfordern. Auch die Zahl der Prüfungen ist zu hoch. Zwei bis drei Prüfungen pro Semester reichen. Und statt Vorlesungen, die sich über das ganze Semester ziehen, bräuchten wir Blockveranstaltungen - auch in der sogenannten vorlesungsfreien Zeit.

Fehlendes Selbststudium und Bulimie-Lernen

tagesschau.de: Weniger Prüfungen - heißt das: weniger lernen müssen?

Schulmeister: Es ist leider so, dass die Studenten in dem bestehenden System relativ wenig lernen. Wir haben mehrere Studiengänge in den Geistes- und Ingenieurwissenschaften untersucht und herausgefunden, dass das Selbststudium einfach nicht funktioniert. Die Studenten setzen die von den Professoren vorgegebenen Aufgaben wie die umfassende Lektüre nicht um. Sie fangen erst an zu lernen, wenn die Prüfungen drohen. Dann kommt es zum sogenannten "Bulimie-Lernen".

Hintergrund:

Studierende der Universität Kassel (Foto: dpa)
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tagesschau.de: Woran liegt die fehlende Eigeninitiative. Sind die Studenten zu bequem?

Schulmeister: Nein - zumindest nicht generell. Ich glaube, dass die Interaktion zwischen den Professoren und den Studenten nicht funktioniert. Und angesichts der vielen Aufgaben und Fächer neigen die Studierenden dazu, die längerfristige Lektüre aufzuschieben und zu vernachlässigen.

Hohe Abbrecherquoten

tagesschau.de: Die Neigung, unliebsame Arbeiten aufzuschieben, gab es ja zu allen Zeiten. Was ist anders?

Schulmeister: Anders geworden ist die Fülle der Fächer, in denen es Prüfungen gibt, sodass die Studierenden nur noch Leistungen erbringen, die dort abgefragt werden. Sie beschäftigen sich nicht mehr mit ein, zwei oder drei Themen pro Semester intensiv, sondern mit einer Vielzahl. Das führt zu Überlastungen mit dem Ergebnis, dass in manchen Fächern wie zum Beispiel der Mathematik für Ingenieure die Abbrecherquote rasant gestiegen ist: auf 37 Prozent - in manch anderem Studiengang liegt die Quote sogar bei 65 Prozent. Das sind katastrophale Ergebnisse.

tagesschau.de: Wären da nicht auch die Professoren in der Pflicht, sich mehr zu kümmern?

Schulmeister: In der Tat müssten die Professoren die Lektüre fürs Selbststudium kontinuierlich in Vorlesungen und Seminaren einflechten. Aber angesichts der Fülle der Lehrveranstaltungen sind eben auch die Lehrkräfte oft überfordert.

"E-Learning" - die ungenutzte Chance

tagesschau.de: Sie vermissen neue Formen in der wissenschaftlichen Lehre wie das E-Learning - warum?

Schulmeister: Es ist ja sehr leicht, einen Text oder ein Skript online zu stellen, dabei bleibt es dann auch oft. Man kann aber mit E-Learning vielmehr machen, wie wir in den USA sehen: Man kann Lehrveranstaltungen durch Online-Veranstaltungen ersetzen und man könnte viel mehr kommunizieren übers Internet. Die amerikanischen Universitäten investieren sehr viel Zeit und Geld in Online-Studiengänge - mit immerhin 4,6 Millionen Studierenden. Dies würde auch hierzulande neue Möglichkeiten schaffen.

Studenten in einem Hörsaal der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) (Foto: picture-alliance/ ZB) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Vorlesungen im Hörsaal - in Deutschland der Normalfall. Viele Lehrveranstaltungen könnten laut Schulmeister aber auch durch Online-Veranstaltungen ersetzt werden. ]

tagesschau.de: Was raten Sie den Kultusministern, wie sollen sie die "Reform der Reform" angehen?

Schulmeister: Sie sollten ein Interregnum deklarieren, eine Pause. Sie sollten die Hast, in der die Reformen eingeführt wurden, stoppen. Wir müssen die Fehler von Bologna erst einmal genauer analysieren und dann beheben. Ein ganz großes Thema muss dabei die Reform der Lehrorganisation sein. Wir brauchen wieder Freiheit zum Experimentieren - und wir brauchen Zeit.

Das Interview führte Simone von Stosch für tagesschau.de

Stand: 05.03.2010 11:01 Uhr

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