Interview

BfS-Präsident König zur Endlagersuche "Das geht nicht in einer Generation"

Stand: 07.04.2013 16:36 Uhr

Das geplante Endlagersuchgesetz hätte einen vorläufigen Stopp der Castor-Transporte nach Gorleben zur Folge. Einen Schritt, den der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, König, begrüßt. Im Interview erklärt er, warum die Suche nicht scheitern dürfe - auch wenn sie lange dauern werde.

Von Gabi Kostorz, NDR, ARD-Hauptstadtstudio

ARD: Wo sollen die Castor-Behälter, die noch im Ausland aufgearbeitet werden, gelagert werden, wenn nicht mehr in Gorleben?

Wolfram König: Theoretisch sind alle Zwischenlager an Standorten von Kernkraftwerken beziehungsweise die zwei zentralen Zwischenlagerstandorte denkbar, weil sie von einer ähnlichen Baustruktur sind. Allerdings verfügen die dezentralen Zwischenlager bislang über keine Genehmigungen für die Einlagerung von Glaskokillen. Diese müssten erst erteilt werden. Dafür müssten die Energieversorgungsunternehmen entsprechende Anträge stellen und die Sicherheit nachweisen.

Aus Sicht des Strahlenschutzes ist es sinnvoll, die Behälter nicht erst quer durch die Bundesrepublik zu transportieren, sondern sie möglichst grenznah oder gut erreichbar zwischenzulagern. Weil wir heute noch nicht wissen, wo ein Endlager entsteht, würden so unnötige Transporte vermieden und das Risiko minimiert werden.

alt Wolfram König Präsident Bundesamt Strahlenschutz | Bildquelle: dpa

Zur Person

Wolfram König ist seit 1999 Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz. Zuvor war er Umwelt-Staatssekretär in Sachsen-Anhalt.

"Verteilen führt nicht zu Gerechtigkeit"

ARD: Wenn Sie von den kürzesten Transportwegen ausgehen, kämen Schleswig-Holstein für die Behälter aus Großbritannien und Baden-Württemberg beziehungsweise Hessen für die Behälter aus Frankreich in Frage. Sind das die besten Standorte?

König: Keines der Zwischenlager hat bisher eine Genehmigung für derartige Behälter. Ich denke, es ist jetzt an der Bundesregierung, mit den Ländern darüber zu sprechen. Denn die Betreiber müssten entsprechende Anträge mit dem Nachweis der Sicherheit stellen.

ARD: Rechnen Sie dann auch mit Protesten der Atomkraftgegner an anderen Standorten?

Demo gegen Gorleben im Jahr 1979 | Bildquelle: picture-alliance / dpa
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"Der Protest in Gorleben hat eine eigene Geschichte."

König: Der Protest in Gorleben hat eine eigene Geschichte. Dabei geht es nicht in erster Linie um das Zwischenlager, sondern um das Erkundungsbergwerk, das direkt neben dem dortigen oberirdischen Zwischenlager liegt. Kein anderer Ort, an dem sich ein Zwischenlager befindet, ist gleichzeitig als Endlagerstandort in Diskussion.

Dennoch ist es für die Akzeptanz und die Ernsthaftigkeit des Suchverfahrens wichtig, dass die Zwischenlagerung definitiv zeitlich eng befristet bleibt. Heute geht es nicht darum, neue Endlagerstandorte ins Spiel zu bringen, sondern um die gemeinsame Verantwortung für eine Altlast. Es ist ein gutes Zeichen, dass sich das Land Schleswig-Holstein bereit erklärt hat, unter gewissen Bedingungen einen Teil der Last mit zu übernehmen.

ARD: Warum nimmt nicht jedes Kernkraftwerk seinen Müll zurück? Wäre das nicht die gerechteste Lösung? 

König: Über das Verteilen der Behälter lässt sich keine Gerechtigkeit herstellen. Wir haben schon 108 Behälter mit Abfällen aus unterschiedlichen Kernkraftwerken im zentralen Zwischenlager in Gorleben. Es müssen nur noch weitere 26 Behälter zurückgenommen werden. Es kann schon deshalb keine direkte Zuordnung des Abfalls mehr zu den einzelnen Kraftwerken geben.

Entscheidender ist jedoch: Es ist nicht im Sinne einer Risikominimierung, jetzt diese wenigen Behälter aufzuteilen und aus einem scheinbaren Gerechtigkeitsgefühl heraus das Risiko in verschiedenen Transporten über die Bundesrepublik zu verteilen.

"Wir benötigen einen ergebnisoffenen Prozess"

ARD: Am Ende des Endlagersuchprozesses wird doch kein Politiker verkünden wollen: 'Der ideale Standort liegt in meinem Land.' Wie wollen Sie sicherstellen, dass die Suche über einen langen Zeitraum hinweg gelingt?

König: Es ist nicht nur eine fachlich-technische, sondern auch eine ethische Frage, ob wir bereit sind, Verantwortung zu übernehmen für den Abfall, den wir hier produziert haben. Es muss alles daran gesetzt werden, dass die Suche am Ende des Prozesses auch erfolgreich ist. Die Suche darf nicht scheitern, weil am Ende die Kraft fehlt, einen geologisch geeigneten und vorhandenen Standort auch politisch durchzusetzen.

Die Erfahrungen aus der Vergangenheit und aus der Asse zeigen: Wir benötigen einen ergebnisoffenen Prozess, der sicherstellt, dass wir die Endlagerung am bestmöglichen Standort in der Bundesrepublik realisieren und nicht letztendlich die im Wortsinn billigste Variante vorbereiten: den Atommüll in das Ausland zu verschieben.

Das ist nicht ein Prozess von einer Generation, von einer gewählten Partei, von einer Bundes- oder einer Landesregierung. Wir müssen uns auf einen langen Weg einstellen und dafür ist der Konsens geeignet. Er soll die Planungssicherheit herstellen, die wir brauchen, um über einen Zeitraum von 30 bis 40 Jahren einen Endlager-Standort auszuwählen, einzurichten und zu betreiben.

"Wir müssen Planungssicherheit schaffen"

ARD: Ist die Benennung einer Enquete-Kommission eine gute Idee? Kritiker sagen, damit würde die Entscheidung auf die lange Bank geschoben.

König: Politiker werden gewählt und wieder abgewählt. Gesellschaftliche Gruppen sind offenbar eher in der Lage, Vertrauen in einen ergebnisoffenen Prozess über einen derart langen Zeitraum zu erzeugen. Dieses Vertrauen ist ein wesentlicher Baustein, um Erfolg zu haben. Wir müssen über Legislaturperioden hinweg denken und Planungssicherheit schaffen.

ARD: Die Atomwirtschaft hat bisher auf Gorleben als Endlagerstandort gesetzt. Werden Energieversorger als Betreiber Anträge auf Zwischenlagerung an anderen Standorten stellen?

König: Wenn es jetzt zu einem breiten politischen Konsens kommt, in dem fast alle Parteien, die im Bundestag vertreten sind, diesen Prozess wollen, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass sich die Energieversorgungsunternehmen einem solchen Ansinnen verwehren werden.

Über dieses Thema berichtete der Bericht aus Berlin am 7. April 2013 um 18:30 Uhr.

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