Interview

Versorgung von Verletzten am U-Bahnhof Maalbeek | Bildquelle: REUTERS/RTL Belgium

Anschlagsziel Brüssel "Brutstätte für islamistische Kämpfer"

Stand: 22.03.2016 16:58 Uhr

Belgiens Sicherheitsbehörden haben Fehler gemacht, sagt Terrorismusexperte Joachim Krause. Im Gespräch mit tagesschau.de erklärt er, warum Brüssel trotz aller Sicherheitsmaßnahmen erneut zum Anschlagsziel der Islamisten wurde.

tagesschau.de: Am Freitag hatte die Brüsseler Polizei den mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge von Paris, Salah Abdeslam, festgenommen. Haben wir es mit Vergeltungsanschlägen zu tun, auf die Experten bereits in der vergangenen Woche hingewiesen hatten?

Joachim Krause: Es spricht vieles dafür, dass es so ist. Genaues werden wir allerdings erst wissen, wenn die Ermittlungen der Polizei abgeschlossen sind.

alt Joachim Krause

Zur Person

Joachim Krause ist Professor für Politikwissenschaft und Direktor des Instituts für Sicherheitspolitik an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Seit 2006 gibt er das "Jahrbuch Terrorismus" heraus, das jährlich die wichtigsten Entwicklungen im Bereich des internationalen Terrorismus analysiert.

tagesschau.de: Die belgischen Behörden hatten die Terrorwarnstufe nach der Festnahme Abdeslams nicht erhöht. Haben die Behörden fahrlässig gehandelt?

Krause: Ich kann das Verhalten der belgischen Behörden nicht nachvollziehen. Aus dem islamistischen Milieu wurde ja mit Vergeltungsmaßnahmen gedroht. Da hätte man zumindest den Zugang zur Abflughalle des Flughafens Zaventem ebenso sichern müssen wie größere Bahnhöfe. Das ist offensichtlich nicht geschehen. Wie es aussieht, konnten ein Attentäter mit einem Sprengstoffgürtel und ein zweiter mit einem Koffer Sprengstoff unbehelligt in den Flughafen kommen. Das hätte nicht passieren dürfen.

Überforderung der belgischen Sicherheitsbehörden
Brennpunkt, 22.03.2016, R.-D. Krause, Cornelia Kolden, ARD Brüssel

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tagesschau.de: Komplizen Abdeslams sind nach wie vor auf der Flucht. Wie groß ist die Gefahr, die von ihnen ausgeht?

Krause: Das ist schwer abzuschätzen. Schließlich wissen wir nicht einmal, wie viele Unterstützer Abdeslam überhaupt hatte. Das Problem heißt Molenbeek. In diesem Brüsseler Stadtteil leben viele Nordafrikaner, insbesondere aus Marokko. Molenbeek ist in der Vergangenheit immer wieder durch ein großes salafistisches Milieu aufgefallen. Es gibt wahrscheinlich hunderte Sympathisanten und viele Mitkämpfer Abdeslams dort. Die belgische Polizei ist nicht in der Lage, dieses Milieu zu kontrollieren. Sie ist überfordert. Das heißt: Es können noch weitere Anschläge verübt werden.

Man weiß, dass das salafistische Milieu in Molenbeek enge Verbindungen zum Islamischen Staat hat. In den vergangenen Jahren sind hunderte Kämpfer aus Belgien in das Gebiet des IS gereist. Wir haben es hier mit Tätern zu tun, die nicht in Syrien kämpfen, sondern den Kampf nach Europa bringen wollen.

Belgien ist eine der größten europäischen Brutstätten für islamistische Kämpfer. Dabei handelt es sich in der Regel um junge Männer nordafrikanischer Abstammung, die nicht integrationsfähig oder integrationswillig sind und die oftmals zunächst ins kriminelle Milieu abrutschen, bevor sie von den Salafisten aufgefischt werden.

Luftbild: Anschlag in Brüssel, Quelle: Bing
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Die U-Bahnstation Maalbeek befindet sich in unmittlebarer Nähe bedeutender EU-Institutionen.

tagesschau.de: Die islamistische Szene in Brüssel befindet sich seit Monaten unter besonders starker Beobachtung. Warum verübten die Terroristen ausgerechnet dort erneut Anschläge?

Krause: Die Attentäter wollen demonstrieren, dass sie sich nicht abschrecken lassen. Sie sind ja nicht darauf bedacht ihr eigenes Leben zu schützen – schließlich handelt es sich um Selbstmordanschläge. Das macht die Täter natürlich frei in der Wahl ihrer Ziele. Außerdem muss man hinzufügen, dass die Überwachung durch die belgischen Behörden ganz offensichtlich nicht lückenlos funktioniert.

tagesschau.de: Die Angriffe richteten sich auch in Brüssel wieder gegen öffentlich leicht zugängliche Ziele - den Nahverkehr und den Abfertigungsbereich des Flughafens. Kann man solche Ziele vor Terroranschlägen überhaupt schützen?

Krause: Man kann sie nicht zu einhundert Prozent schützen, aber man könnte den Schutz durchaus erhöhen. Aus Ländern wie Israel kennen wir beispielsweise, dass Abflughallen von Flughäfen durch Metalldetektoren schon im Eingangsbereich durchaus effektiv gesichert werden können. Ähnliches wird man sich auch in Europa überlegen müssen. Denn es ist die Strategie des Islamischen Staates, ihre Sympathisanten in Europa zu Anschlägen zu motivieren, bei denen möglichst viele Menschen zu Tode kommen.

tagesschau.de: Wie groß ist die Gefahr, dass auch Deutschland Ziel eines islamistischen Anschlags wird?

Krause: Diese Gefahr ist sehr groß. Man muss immer damit rechnen, auch wenn die Sicherheitslage hierzulande relativ gesehen besser sein dürfte als in Belgien. Wir haben nicht eine ganz so kompakte Islamistenszene wie in Molenbeek. Die hiesigen Zellen sind kleiner und überschaubarer. Außerdem arbeiten unsere Sicherheitskräfte effektiver als die belgischen.

Das Interview führte Julian Heißler, tagesschau.de

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