Interview

Margot Käßmann zum Reformationsjahr "Luther steht nicht auf einem Heldensockel"

Stand: 31.10.2017 15:14 Uhr

Das größte Verdienst Luthers? Dass er die richtigen Fragen zu richtigen Zeit gestellt habe, sagt die Reformationsjahrs-Botschafterin Käßmann bei tagesschau24. Man habe sich zum Jubiläum aber auch mit den Schattenseiten des Reformators befasst - wie etwa seiner Judenfeindlichkeit.

tagesschau24: Wie empfinden Sie die Atmosphäre heute bei den Feierlichkeiten?

Margot Käßmann: Das ist schon ein sehr besonderer Tag in dieser Stadt, das ist zu spüren. Die Stadt ist sehr voll mit vielen Menschen aus vielen Ländern. Heute Morgen in einem Gottesdienst habe ich Menschen gegrüßt aus Afrika, Asien und Lateinamerika. Für diese Menschen ist das ein ganz großer Festtag. Dazu kommen die Prominenten aus Politik, Kultur und anderen Bereichen, die anreisen zu diesem Festakt, der ein kirchlicher Akt ist, aber natürlich auch ein staatlicher, weil der Bundestag gesagt hat: Das betrifft unser ganzes Land. Deshalb ist es auch eine staatlicher Feiertag im ganzen Land.

Margot Käßmann, Botschafterin EKD Reformationsjahr 2017, über die Feierlichkeiten
tagesschau24 14:00 Uhr, 31.10.2017

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tagesschau24: Was ist Luthers größtes Verdienst?

Käßmann: Ich denke das größte Verdienst ist, dass er die richtigen Fragen zur richtigen Zeit gestellt hat. Er hat gefragt: 'Stimmt es eigentlich, dass die Kirche Sündenzeiten erlassen kann im Fegefeuer oder in der Hölle, indem Menschen Geld bezahlen?' Davon finde ich nichts in der Bibel.

Und er hat die Bibel in die deutsche Sprache übersetzt, hat Schulen für Jungen und Mädchen gefordert, damit jeder Mensch selbst mitdenken und nachlesen kann. Das ist eine Beteiligung aller, wo nicht mehr oben entschieden wird, wie du zu leben hast, sondern wo die Menschen mitsprechen können.

tagesschau24: Wenn sie aufs Jubiläumsjahr insgesamt schauen, hat er aber unter Umständen nicht nur die wichtigen Dinge gesagt. Hat auch die kritische Auseinandersetzung mit der Person Martin Luther genügend Raum bekommen?

Käßmann: Ich denke, wir haben uns noch nie als evangelische Kirche so intensiv auch mit den Schattenseiten Martin Luthers und der Reformation befasst. Gerade Luthers Antijudaismus wurde breit diskutiert. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat sich auf ihrer Synode 2015 von Luthers Schriften zum Judentum distanziert. Luthers manchmal sehr gewalttätige Sprache wurde kritisiert und auch seine Stellungnahme im Bauernkrieg wurde kritisch hinterfragt.

Luther stand dieses Jahr nicht auf einem Heldensockel, sondern ist wirklich als Mensch mit großartigen Seiten aber auch mit Schattenseiten diskutiert worden.

tagesschau24: Trotzdem wissen viele Menschen nichts über seine offene Judenfeindlichkeit und seinen damaligen Aufruf, die Juden zu vernichten und die Synagogen anzuzünden. Ist er als Person geeignet verehrt zu werden?

Käßmann: Ich kann nicht sagen, dass wir Martin Luther verehren - wir haben sowieso keine Heiligen in der evangelischen Kirche. Luther hat gesagt, Heilige sind Menschen, die wissen, dass sie selbst ganz und gar auf Gottes Gnade angewiesen sind. Und Luther selbst hat auch gesagt, jeder Mensch ist "simul iustus et peccator" - also immer Gerechter und Sünder zugleich. Ich denke, dass das in diesem Jahr sehr sehr deutlich geworden ist.

Außerdem war Luther nicht der einzige Reformator: Es gab Philipp Melanchthon, Johannes Bugenhagen und auch Frauen in der Reformation. Dazu kam die Schweizer Reformation mit Huldrych Zwingli, Johannes Calvin oder schon die böhmische Reformation mit Jan Hus - die alle sind hier präsent gewesen.

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tagesschau24: Wenn wir nun auf die eigentliche Reformation schauen wird diese am Ende dieses Tages dann ja sozusagen abgefeiert sein. Was kommt danach - gibt es eine Art Auftrag zur Weiterentwicklung?

Käßmann: Für mich ist das heute kein Abschluss sondern viel eher ein Aufbruch und eine Ermutigung durch dieses Jubiläumsjahr. Man kann nicht jeden Tag Weihnachten feiern, aber wenn es dann da ist, wird gefeiert. Wir haben dieses Jahr auch deutlich gemacht, dass wir ökumenisch feiern, nicht gegen andere, auch nicht gegen die katholische Kirche, sondern unsere gemeinsame Geschichte. Wir haben international gefeiert. Christsein macht nicht halt an nationalen Grenzen und das ist wichtig in einer Zeit, in der gerade der Nationalismus aus der Mottenkiste der Geschichte geholt wird.

Und wir haben experimentiert hier in Wittenberg in einem sehr säkularen Umfeld wo Christen eine kleine Minderheit sind. Wie sprechen wir denn über den Glauben mit Menschen, die überhaupt nichts mit Kirche Gott oder Glauben am Hut haben? Ich finde, dass es in vielen kleinen Formen, bei Gesprächen am Tisch oder bei Kaffee und Kuchen sehr gut gelungen ist.

tagesschau24: Wenn Sie schon die Ökumene erwähnen: Halten Sie es denn für denkbar oder vielleicht auch erstrebenswert, dass sich die christlichen Kirchen wiedervereinigen?

Käßmann: Offen gestanden halte ich nicht so furchtbar viel von einer Einheitskirche. Die wäre genauso langweilig wie eine Einheitspartei. Aber dass wir uns als Christen respektieren in unserer Verschiedenheit, das finde ich gut. Ich bin evangelisch und ich finde es gut, dass unsere Kirche Frauen ordiniert als Pfarrerinnen und Bischöfinnen. Bei uns ist es so, dass kein Priester und kein Pfarrer im Zöllibat leben muss. Und alle sprechen mit - das macht es manchmal kompliziert in der evangelischen Kirche, aber das schätze ich an ihr.

Ich respektiere, dass die Katholiken einen Papst haben, ein anderes Amts- und Kirchenverständnis. Wir sind uns aber in vielen Glaubensfragen sehr einig. Und Vielfalt ist eigentlich eher anregend. Ich brauche deshalb keine Einheitskirche.

tagesschau24: Würden Sie denn sagen, der Reformationstag sollte auch künftig bundesweit ein gesetzlicher Feiertag sein?

Käßmann: Also ich muss klar sagen, dass ich das gut fände. Ich freue mich, dass es dieses Jahr möglich war ihn zu einem bundesweiten Feiertag zu machen. Aber wenn sie sehen, wie die Reformation die deutsche Sprache und damit auch das Nation-Werden oder unser Bildungssystem, unsere Berufs- und Wirtschaftsethik beeinflusst hat, dann ist das schon ein Tag, der es wert ist, gefeiert zu werden.

Wenn ich jetzt schon die warnenden Stimmen wieder höre, was das das für das Wirtschaftswachstum bedeute, muss ich sagen: In Bayern gibt es die meisten Feiertage und das ist das wirtschaftlich erfolgreichste Bundesland. Vielleicht tun Feiertage den Menschen ja auch wirklich gut, indem sie mal zum Nachdenken und zur Besinnung kommen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 31. Oktober 2017 um 14:00 Uhr.

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