Interview

Israel Fahne

Deutsch-israelische Beziehungen "Israel muss jetzt umdenken"

Stand: 06.12.2012 04:18 Uhr

Deutsch-israelische Regierungskonsultationen unter veränderten Vorzeichen: In Israel wächst die Furcht, Deutschland als wichtigsten Verbündeten in Europa zu verlieren, sagt die Zeithistorikerin Tamar Amar-Dahl im Interview mit tagesschau.de. Das Land befinde sich im Nahostkonflikt in einer Sackgasse und müsse umdenken.

tagesschau.de: Wie wichtig ist Deutschland für Israel?

Tamar Amar-Dahl: Deutschland ist einer der stärksten Staaten und Israels wichtigster Verbündeter in Europa. Wenn Israel Deutschland verliert, wird es ein Problem haben, seine Politik in Europa zu erklären - was ohnehin schwierig ist, da das israelisch-europäische Verhältnis nicht wirklich von Freundschaft geprägt ist. Die israelische Regierung benötigt daher die langfristige Unterstützung Deutschlands und baut darauf.

alt Tamar Amar-Dahl (Bild: Björn Duddek)

Zur Person

Tamar Amar-Dahl ist eine israelisch-deutsche Zeithistorikerin. Zurzeit arbeitet sie als Junior Fellow am Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald. Ihr jüngstes Buch "Das zionistische Israel. Jüdischer Nationalismus und die Geschichte des Nahostkonflikts" erschien kürzlich im Schöningh-Verlag.

tagesschau.de: Deutschland hat sich im jüngsten Gaza-Konflikt hinter Israel gestellt. Wie wurde das im Land aufgenommen?

Amar-Dahl: Die Israelis haben sich gefreut, dass Deutschland nicht wie im letzten Gaza-Krieg 2008/2009 so kritisch mit ihnen war. Wenn Deutschland und Europa Israel unterstützen, fühlen sich die Menschen im Land erleichtert.

tagesschau.de: Als die UNO die Palästinenser zum Beobachterstaat aufgewertet haben, hat Deutschland aber nicht dagegen gestimmt, sondern sich enthalten. Und als die israelische Regierung daraufhin den Bau neuer Siedlungen im Westjordanland und in Ost-Jerusalem genehmigt hat, wurde das von der Bundesregierung scharf kritisiert. Droht eine Abkühlung der Beziehungen?

Amar-Dahl: Kurzfristig wahrscheinlich nicht. Aber was vergangene Woche in der UN-Vollversammlung geschehen ist, war für Israel eine neue Situation, weil es Deutschlands Unterstützung seit einigen Jahrzehnten für selbstverständlich nimmt. Ich war von der Stimmenthaltung angenehm überrascht. Denn jetzt muss Israel umdenken. Wenn es weiter eine Politik betreibt, die aus europäischer Sicht aussichtslos ist, dann steht zu befürchten, dass Israel Deutschland als Verbündeten verliert - die Israelis selbst befürchten das auch.

Israels Siedlungspolitik belastet deutsch-israelische Gespräche
tagesthemen 22:15 Uhr, 06.12.2012, Richard C. Schneider, ARD Berlin

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Eine Zwei-Staaten-Löung steht nicht auf der Tagesordnung

tagesschau.de: Halten Sie die Sorge für berechtigt?

Amar-Dahl: Langfristig ist diese Befürchtung berechtigt. Das zionistische Israel versteht sich so, dass das Land Israel dem jüdischen Volk gehört und damit auch dem jüdischen Staat. Das ist seine grundsätzliche ideologische Überzeugung. Deswegen hält es Regierungschef Benjamin Netanjahu auch für ein Gebot, diese Gebiete weiter jüdisch zu besiedeln. Eine Zwei-Staaten-Lösung steht gar nicht auf der Tagesordnung. Das ist eine Sache, die Israel nicht nur nicht will, sondern auch bekämpft. Und diese Politik kann Deutschland wahrscheinlich auf Dauer nicht unterstützen.

tagesschau.de: Israel will gar keine Zwei-Staaten-Lösung?

Amar-Dahl: Israel kann es nicht. Es ist auch im Land kein Thema. Auch nicht im Wahlkampf. Auch die Opposition spricht nicht davon. Netanjahu redet zwar mit dem Ausland über eine Zwei-Staaten-Lösung, aber nur aufgrund des außenpolitischen Drucks.

tagesschau.de: Also führt Israel die anderen Länder an der Nase herum?

Flaggen Israel und Deutschland | Bildquelle: dpa
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Israel hielt Deutschlands Unterstützung lange für selbstverständlich.

Amar-Dahl: Das kann man so interpretieren. Aber Israel kann das Ausland nicht auf Dauer ignorieren, weil es von ihm abhängig ist. Deswegen waren die Reaktionen auf die Aufwertung Palästinas zum Beobachterstaat auch so vehement. Es ist für Israel ein Problem, dass die UNO konkrete Maßnahmen für eine Zwei-Staaten-Lösung unterstützt. Das Land befindet sich in einer Sackgasse.

tagesschau.de: Was können die deutsch-israelischen Regierungskonsultationen bewirken?

Amar-Dahl: Bundeskanzlerin Angela Merkel wird Netanjahu sicher vor den Konsequenzen seiner Politik warnen. Es wird aber nichts nützen. Denn Netanjahu handelt aus Überzeugung - und die ist schwer zu ändern, gerade in seinem Alter und nicht in Israels Situation. Netanjahu kann nur taktieren.

Deutschland fühlt sich nicht frei, Israel zu kritisieren

tagesschau.de: Ist Deutschland zu unkritisch mit Israel?

Amar-Dahl: Die Deutschen haben ein Problem mit der Art ihrer Kritik an Israel. Sie fühlen sich nicht frei, über die politische Lage zu reden.

tagesschau.de: Sieht sich Israel außenpolitisch überhaupt unter Druck gesetzt?

Amar-Dahl: Israel spürt immer den Druck, hat es aber geschafft, trotzdem seine Interessen durchzusetzen. Die Frage ist nur, wie lange dieses Spielchen noch dauern kann. Israel hofft, dass es so weitergeht: Kritik - aber ohne nennenswerte Konsequenzen.

tagesschau.de: Sie sehen also eine Hinhaltetaktik?

Amar-Dahl: Ja. Einen Palästinenserstaat wird Israel unter dieser Regierung nie unterstützen. Dafür müsste schon ein komplett neues politisches Denken aufkommen.

Hoffnung durch die jüngeren Generationen

tagesschau.de: Treibt Netanjahu das Land mit seiner Politik weiter in die Isolation?

Netanjahu und Merkel | Bildquelle: dpa
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Netanjahu und Merkel bei den deutsch-israelischen Regierungskonsultationen in Berlin.

Amar-Dahl: Das ist offensichtlich. Das sehen auch die Israelis so. Aber man kann im Moment davon ausgehen, dass Netanjahu im Januar wiedergewählt wird, also wird sich an der politischen Linie nichts ändern. Die israelischen Regierungen merken schon seit 45 Jahren, dass sie ein Problem haben. Aber sie glauben fest daran, dass ihre Politik alternativlos ist.

tagesschau.de: Es ist also keine Lösung in Sicht?

Amar-Dahl: Die Israelis müssen ihr Konzept überdenken. Eine Lösung muss von ihnen selbst kommen. Irgendwann werden sie einen anderen Weg finden müssen. Die Hoffnung der jüngeren Generationen ist es, einen neuen Diskurs in die Wege zu leiten. Die Frage ist aber, wie lange sie dafür brauchen und ob sie das Ganze politisch übersetzen können.

Das Interview führte Thomas Reinhold, tagesschau.de.

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