Eine gemischte Klasse, bestehend aus aus Zuwanderern, Flüchtlingen und ehemaligen Flüchtlingen beim Unterricht. | Bildquelle: dpa

Die Schulen, die Flüchtlinge und die Integration Im Notfallmodus

Stand: 16.02.2016 09:17 Uhr

Bildung, Spracherwerb - das sind die entscheidenden Faktoren für Integration. Eine Binsenweisheit. Doch die Schulen in Deutschland arbeiten im Notfallmodus. Auf die wachsende Zahl von Flüchtlingskindern fühlen sich auch die Lehrer unzureichend vorbereitet.

Von Barbara Schmickler, tagesschau.de

Am Anfang war es für ihn ein Experiment: Schüler aus Somalia, Eritrea, Syrien und Afghanistan. "Der Unterricht war zuerst viel mit Mimik, Gestik und Bildern", erzählt Michael Schramm. Seit einem Jahr ist das Alltag für den Hamburger Lehrer. Er unterrichtet minderjährige unbegleitete Flüchtlinge, also Kinder und Jugendliche, die ohne Eltern beziehungsweise Angehörige in Deutschland sind.

"Da kommen Probleme auf, die man aus dem normalen Schulalltag nicht kennt." Sie hätten zum Beispiel die Uhrzeit durchgenommen, ein Schüler wusste nicht, wie er die Uhr überhaupt lesen muss. Ein anderes Mal kam Schramm mit einer Flasche Wasser in den Unterricht - im Ramadan. Ein Schüler konnte nicht verstehen, wieso sein Lehrer nicht auch fastet. Seine Schüler? Sehr unterschiedlich. Manch einer war noch nie in der Schule, ein anderer stand in seinem Heimatland kurz vor dem Abitur. Schramm ist nicht nur Klassenlehrer, er sei auch als Bezugsperson gefragt. "Wir sind eine kleine Familie."

Eine Lehrerin einer Deutsch-Intensivklasse hilft in Frankfurt am Main (Hessen) einem Schüler. | Bildquelle: dpa
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Eine Lehrerin einer Deutsch-Intensivklasse hilft in Frankfurt am Main einem Schüler.

Doch wie viele Flüchtlinge im schulpflichtigen Alter mit und ohne Familie sind nach Deutschland gekommen? Eine genaue Zahl gibt es nicht, der Prozess sei zu dynamisch, so die Einschätzung der Ständigen Konferenz der Kultusminister, kurz KMK. Sie geht von 325.000 Flüchtlingskindern in den vergangenen beiden Jahren aus. Eine Zahl, die - so vermuten Experten - weiter steigen wird. Die KMK rechnet vor: Dafür werden etwa 20.000 neue Lehrer gebraucht, Kosten: 2,3 Milliarden Euro. Je nach Bundesland ist der Markt für Lehrer allerdings relativ leer gefegt.

Wie sollen Flüchtlingskinder unterrichtet werden?

Experten streiten darüber, wie die Integration am besten gelingen kann. Der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zufolge sollten Flüchtlingskinder schnell mit anderen Schülern zusammenkommen. PISA-Chefkoordinator Andreas Schleicher hatte die von den Bundesländern angebotenen Vorbereitungs- oder Willkommensklassen, in denen Flüchtlingskinder quasi unter sich sind, kürzlich als Notbehelf bezeichnet - für einen schnellen Spracherwerb seien sie auf Dauer keine gute Lösung.

Dauerhafte Willkommensklassen seien der falsche Weg, meint auch der Münchner Bildungsökonom Ludger Wößmann. "Wenn wir die Flüchtlinge in separaten Klassen konzentrieren, dann erschweren wir die Integration. Die Sprache zu lernen funktioniert im Klassenverband am besten", sagt er im Gespräch mit tagesschau.de. Er empfiehlt deswegen, Flüchtlinge in der Fläche zu verteilen und einzeln in Schulklassen zu unterrichten. Dort hätten die Kinder und Jugendlichen den täglichen Austausch.

Bildung in den Herkunftsländern

Wößmann setzte sich auch mit der Bildung der Flüchtlinge in den Herkunftsländern auseinander. In einer Studie verglich er die Ergebnisse der PISA-Studie von 2012 mit denen der TIMSS-Studie von 2011. An dieser nahm auch Syrien vor Ausbruch des Bürgerkriegs teil. In Deutschland erreichten 16 Prozent der Jugendlichen nicht die absoluten Grundkompetenzen, in Syrien waren das 65 Prozent der Schülerinnen und Schüler, in Albanien zum Vergleich 59 Prozent. "Das bedeutet, das syrische oder albanische Leistungsniveau lag damals deutlich unter dem deutschen. Das zeigt die erhebliche Herausforderung, jemanden mit diesen Kompetenzen hier nun zu unterrichten oder in eine Ausbildung zu bringen", sagt der Bildungsexperte. Wer erfolgreiche Integrationspolitik betreiben will, müsse sich dessen bewusst werden.

Auch der deutsche Lehrerverband sieht die Herausforderung darin, dass es sich bei den Flüchtlingskindern hinsichtlich kultureller, religiöser und geographischer Herkunft um eine sehr heterogene Gruppe handelt. Lehrerverbands-Präsident Wolfgang Kraus fordert anders als Wößmann, die Schüler müssten ein bis zwei Jahre in Brückenklassen vorbereitet werden, die älteren müssten in Berufsvorbereitungsklassen. Unmittelbare Integration könne dagegen am ehesten in Grundschulen funktionieren - flankiert durch intensive Sprachkurse.

"Jede Schule improvisiert"

Neben Lehrern bräuchten die Schulen auch Sozialpädagogen, Dolmetscher und Therapeuten, so Kraus weiter. Derzeit werde viel durch ehrenamtliches Engagement aufgefangen: "Jede Schule improvisiert vor sich hin." Wenn es neue Brückenklassen gebe, dann dürften nicht die Lehrkräfte aus normalen Klassen abgezogen werden. "Es darf nicht zu Lasten anderer Schüler gehen." Kraus sieht viele Schulen derzeit überfordert, auch wenn diese es nicht zugeben wollten. "Die Politik erwartet von uns etwas, das wir nicht leisten können."

Sabine Frey, Lehrerin in Baden-Württemberg, weiß von Kollegen an anderen Schulen, die Probleme mit der aktuellen Situation haben. An Freys Schule, einer Werkrealschule, die zum Hauptschulabschluss oder zur Mittleren Reife führe, sei die Situation gut. Dort kommen die Schüler jeweils in normale Klassen, werden aber in der Woche insgesamt bis zu sieben Stunden extra von ihr in Deutsch unterrichtet. "So werden die Schüler schneller Teil der Schule und Teil des Geschehens", sagt Frey. Seit mehr als einem Jahr macht sie nun den Job. Ihre Erfahrung: Nach etwa einem halben Jahr können die Schüler sich verständigen. "Sie lernen sehr schnell, haben Freude daran." Der Vorteil: Sie sind in sehr kleinen Gruppen, Fehler kann die Lehrerin sofort korrigieren.

Die Schülerin Selam (r) sitzt in Aachen (Nordrhein-Westfalen) in einer Schulklasse, in der Flüchtlingskinder ohne Deutschkenntnisse auf den Regelunterricht vorbereitet werden. | Bildquelle: dpa
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Die Schülerin Selam in einer Schulklasse in Aachen, in der Flüchtlingskinder ohne Deutschkenntnisse auf den Regelunterricht vorbereitet werden.

Doch viele ihrer Kollegen fühlen sich laut Umfragen schlecht vorbereitet auf die wachsende Zahl von Flüchtlingskindern. Die Skepsis, "das zu schaffen", ist groß.

Konzepte fehlen

Die Politik arbeite im Notfallmodus und befasse sich damit, die Schüler zu verteilen, diagnostiziert der Kölner Bildungsforscher Michael Becker-Mrotzek. Die Zahl wachse mit großer Geschwindigkeit, das stelle die Schulen vor Herausforderungen. "Es fehlt die Zeit, neue Konzepte zu entwickeln", sagt Becker-Mrotzek. Gerade beim Übergang von einer Willkommensklasse in eine Regelklasse fehlten Konzepte. Zudem fordert auch er Sozialpädagogen, die für die Belange aller Kinder da sind - unabhängig von der Herkunft. "Vielleicht braucht ein Kind aus Neukölln mehr Unterstützung als eines
aus Syrien."

Qualifizierte Lehrer gesucht

Oftmals mangele es zudem an Lehrern, die für den Bereich "Deutsch als Fremdsprache" oder "Deutsch als Zweitsprache" ausgebildet seien. "Wir fordern schon lange, alle Lehrer auszubilden, sprachsensibel zu unterrichten." Nur in gut der Hälfte aller Studiengänge für Deutschlehrer ist "Deutsch als Zweitsprache" fest eingeplant, belegen Daten des Mercator-Instituts für Sprachförderung.

Auch hier zeigt sich, wie unterschiedlich die Situation je nach Bundesland ist: In Sachsen-Anhalt etwa habe es im Schuljahr 2014/2015 keine Stellen für "Deutsch als Fremdsprache" gegeben, in anderen Bundesländern seit Jahrzehnten, sagt Marlis Tepe von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Manche Bundesländer hätten sich vorgenommen, Bildung von Anfang an zu gewährleisten. Doch nicht alle der etwa 325.000 Flüchtlingskinder seien tatsächlich in den Schulen angekommen. Genau das kritisiert Becker-Mrotzek: Es werde oft Zeit vertan, bis die Kinder in die Schule kämen. "Nach der UN-Kinderrechtskonvention gilt das Schulbesuchsrecht unabhängig vom Aufenthaltsstatus. Wenn die Kinder auf die Schule warten, ist das verlorene Lernzeit", kritisiert der Bildungsforscher.

Integration von Flüchtlingskindern in deutschen Schulen
tagesschau 12:00 Uhr, 16.02.2016, Jan Koch, WDR

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Anspruch auf Bildung

Claudia Bogedan, Präsidentin der KMK und Bremer Bildungssenatorin, sagt, dass sich die Länder bemühten, die Kinder auch in den zentralen Erstaufnahmeeinrichtungen zu unterrichten. "Diese Zeit soll nicht verloren sein, aber es ist eine Behelfsmaßnahme." Dennoch sei es wichtig, dass keinem Kind der Anspruch auf Bildung verweigert werden dürfe. "Die Schulpflicht gilt ab dem ersten Tag. Das sollte auch für die Praxis das Ziel sein", sagt Bogedan gegenüber tagesschau.de.

Sie sieht vor allem den Bund in der Pflicht, die Bundesländer zu unterstützen. "Die Kinder müssen jetzt ins Bildungssystem integriert werden." Der Bund könnte beispielsweise das Programm für Schulsozialarbeit wiederbeleben oder das Ganztagsschulprogramm stärken.

Die Bundespolitik am Zug sieht auch der Bundeselternrat. Die Länder könnten nicht noch mehr beisteuern, sagt Wolfgang Pabel vom Bundeselternrat gegenüber tagesschau.de. Schule sei der entscheidende Faktor für Integration, der Bund trage einen viel zu kleinen Anteil daran. Er lobt das Engagement vieler ehrenamtlicher Eltern oder Rentner, sagt aber zugleich: "Das zeigt, dass im System Schule Kapazitäten fehlen." Die Eltern fordern eine bundesweite Bildungsstrategie. Bund, Länder und Kommunen müssten einen gemeinsamen Fahrplan erarbeiten. "Im Interesse der eigenen Kinder und derer, die kommen. Sie haben alle ein Recht auf Bildung."

Bildungsmesse didacta

Auf der weltgrößten Bildungsmesse Didacta in Köln widmen sich die Experten ab heute vor allem der Frage, wie Flüchtlinge besser in Schulen integriert werden können. Die anstehenden Herausforderungen für Pädagogen und Schulen rücken dabei in den Fokus der angebotenen Lern- und Lehrmaterialien, Vorträge und Workshops. Die Verlage entwickeln Bücher im Bereich "Deutsch als Fremdsprache". Der Bedarf sei spürbar, so der Verband Bildungsmedien. Weit mehr als 1.000 Titel hat die Branche für die Sprachförderung in den so genannten Übergangs- oder Willkommensklassen im Angebot.

Autorin

Barbara Schmickler, tagesschau.de

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