Imam in einer Stuttgarter Ditib-Moschee | Bildquelle: picture alliance / dpa

Nach Putschversuch in Türkei Türkische Imame als Flüchtlinge anerkannt

Stand: 30.06.2017 13:06 Uhr

Wer als türkischer Imam im Verdacht steht, der Gülen-Bewegung anzugehören, kann de facto nicht mehr in der Türkei arbeiten. Deshalb haben mehrere Imame in Deutschland Asyl beantragt - drei von ihnen wurde dies laut WDR-Recherchen nun gewährt.

Von Elmas Topcu, WDR

Als der Mitarbeiter der Ausländerbehörde ihnen die Papiere überreicht, fließen Tränen bei der Familie von Imam Ali (Name von der Redaktion geändert). "Die Flüchtlingseigenschaft wird zuerkannt", steht in dem Schreiben vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Die Furcht der Antragsteller vor politischer Verfolgung sei begründet. Deshalb bekommen Ali und seine Familie eine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre. Sieben Monate lang hatten sie sich in NRW versteckt, aus Angst davor, denunziert zu werden. Während dieser Zeit kam die fünfköpfige Familie bei Freunden und Bekannten unter, immer wieder musste sie den Ort wechseln.

Nach Recherchen des WDR haben mindestens fünf türkische Imame einen Asylantrag in Deutschland gestellt. In drei Fällen hat das BAMF nun die Anerkennung ausgesprochen. In zwei weiteren Fällen soll die Überprüfung der Anträge noch laufen. Ein weiterer Imam, der noch keinen Asylantrag gestellt hatte, bekam in Bremen aus humanitären Gründen eine Aufenthaltserlaubnis für ein Jahr. Das teilte sein Anwalt dem WDR mit.  

Wegen Gülen-Nähe zurückbeordert

Nach dem Putschversuch am 15. Juli 2016 hatte die Türkei Hunderte Imame abberufen, die im Auslandsdienst waren. Die türkische Religionsbehörde Diyanet wirft ihnen vor, der Gülen-Bewegung nahezustehen, die die türkische Regierung hinter dem Putschversuch vermutet. Viele Imame kehrten zurück - so auch S., der bis August letzten Jahres in Bonn in einer DITIB-Moschee gearbeitet hatte.

Noch am Flughafen in der Türkei sei er festgenommen worden, erzählt S. im Interview mit der tagesschau. "Imame haben Imame denunziert." Erst nach zehn Tagen in Polizeigewahrsam wurde er freigelassen. Seitdem hat S. keinen Job mehr. Da die Moscheen der Diyanet unterstellt sind, ist die Religionsbehörde der einzige Arbeitgeber für Imame. Und als "Mitglied der Gülen-Terrororganisation", findet er auch in der Privatwirtschaft keine Stelle.

"Wir sind Deutschland sehr dankbar"

"Nach all den Festnahmen, Entlassungen und Drohungen wollte ich meine Familie nicht dieser Gefahr aussetzten", sagt der Imam Ali, der nun als anerkannter Flüchtling in NRW bleiben darf. 20 Jahre hatte er für Diyanet gearbeitet, bevor die türkische Religionsbehörde ihn ohne Verfahren entlassen hat. Nun sieht er die Chance für einen Neuanfang. "Meine Familie und ich sind sehr glücklich und Deutschland sehr dankbar", sagt der 38-Jährige. "Nun werden wir uns bemühen, schnell Deutsch zu lernen und uns zu integrieren."

In Deutschland sind mehr als 1000 türkische Religionsbeauftragte beschäftigt. Das ist die offizielle Bezeichnung der Imame, die von Diyanet in Ankara ausgebildet, dann nach Deutschland geschickt und hier in DITIB-Moscheen eingesetzt werden. Imame, die den Auslandsdienst antreten wollen, müssen sich einer aufwendigen Prozedur unterziehen: Voraussetzung sind mindestens fünf Jahre Berufserfahrung in der Türkei.

Nach erfolgreich bestandenen schriftlichen und mündlichen Prüfungen müssen Bewerber einen Deutschkurs über 200 Unterrichtsstunden belegen. Die Kurse finden beim Goethe-Institut statt, 40 Prozent der Kosten trägt das Auswärtige Amt. Auf den Deutschkurs folgt dann noch ein einwöchiger Orientierungskurs, organisiert und gesponsert von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Ankara mit Referenten aus Deutschland.

Ankara wirft Deutschland Terrorunterstützung vor

Die Türkei fordert die Bundesregierung auf, die Gülen-Bewegung als Terrororganisation einzustufen und gegen ihre Mitglieder vorzugehen. Dafür haben die türkischen Sicherheitsbehörden der Bundesregierung mehrere Listen mit Namen von mutmaßlichen Gülen-Anhängern überreicht. Darüber haben die deutschen Behörden die betroffenen Personen informiert. Deshalb wirft Ankara Deutschland nun Terrorunterstützung vor.

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