Baden-württembergischer Verfassungsschutzbericht 2011 mit dem Schriftzug "Salafismus" | Bildquelle: dpa

Wie Jugendliche radikalisiert werden Im Netz der Salafisten - ein Selbstversuch

Stand: 02.02.2016 14:40 Uhr

Wieso werden junge Menschen radikal? Wieso wenden sie sich dem Salafismus zu? Wieso ziehen sie in den Krieg des IS nach Syrien? Das NDR-Magazin Panorama 3 hat im Selbstversuch im Netz der Salafisten nach Antworten geforscht.

Von A. Schneider

Zwei Wochen bin ich unterwegs in sozialen Netzwerken - im Gespräch mit radikalen Islamisten. Ich will herausfinden, wie das passiert, die Radikalisierung junger Menschen über das Internet. Wie genau läuft so etwas ab? Angefangen hat es mit einer Begegnung: Ich habe Dominic Schmitz getroffen, einen ehemaligen Salafisten.

Wie im Gefängnis hat er sich gefühlt, wie ein Roboter, der nur ausführt, was er gesagt bekommt. Er war Salafist. Der junge Mann aus Mönchengladbach wuchs in schwierigen Familienverhältnissen auf: "Mein größter Bruch in meiner Kindheit war die Trennung meiner Eltern, die habe ich in dem Moment nicht so wahrgenommen, aber rückwirkend betrachtet, hat sie mich beeinflusst. Ich habe den Frust in mich rein gefressen, wurde introvertiert, schüchtern, traurig." Dominic Schmitz brach sein Fachabitur ab, lebte in den Tag hinein, sah keinen Sinn mehr im Leben.

Dominic Schmitz - früher
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Dominic Schmitz - früher

Dominic Schmitz  - heute
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Dominic Schmitz - heute

Damals war er auf der Suche, erzählt er mir in unserem Gespräch: "Nach Halt, nach Aufmerksamkeit, nach Zuneigung und Liebe." Damals stellte er sich viele Fragen: Was der Sinn des Lebens ist, warum ich hier bin, wie man glücklich wird, was nach dem Tod geschieht - gibt es Gerechtigkeit?

Tagesstruktur im Salafismus gefunden

Die Antworten auf diese Fragen, so meinte er damals, fand er in seinem Glauben. Ein Bekannter erzählte ihm immer wieder davon, nahm ihn mit in eine Moschee. Man sagte ihm, das sei der Islam, wie er vor 1400 Jahren offenbart wurde. Dass es sich dabei um Salafismus, eine Strömung im Islam mit extremen Ausläufern handelt, war ihm nicht klar, sagt er heute. "Im Salafismus habe ich eine Tagesstruktur gefunden, die explizit vorgegeben ist von morgens bis abends." Er konnte die Welt in gut und schlecht, in schwarz und weiß einteilen.

Er hatte Kontakt zu den Salafisten-Predigern Pierre Vogel und Sven Lau. Er erzählt, dass er auf die Initiative von Sven Lau hin Videos über den Glauben für einen YouTube-Kanal erstellte.

Radikalisierung im Selbstversuch
nachtmagazin 00:15 Uhr, 03.02.2016, NDR

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Radikalisierung über das Internet

Dominic Schmitz ist damals in den sozialen Netzwerken auch selbst präsent, gründet seinen eigenen YouTube-Kanal. "Das Ziel war Missionierung. Es gab viele Klicks, daran haben wir den Erfolg festgemacht", sagt er rückblickend. Für jeden Neuen in der Gemeinschaft erhoffte er sich Belohnungen im Paradies.

Götz Nordbruch von der Beratungsstelle ufuq.de in Berlin
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Götz Nordbruch von der Beratungsstelle ufuq.de in Berlin: "Salafisten haben im Internet die Deutungshoheit erlangt."

Das Internet sei für die Radikalisierung von Jugendlichen sehr wichtig, sagt Götz Nordbruch von der Beratungsstelle ufuq.de in Berlin: "Salafisten haben im Internet die Deutungshoheit erlangt. Sie prägen die Diskussion. Wenn Jugendliche Fragen zur Religion haben, ist es sehr einfach, übers Internet nach Antworten zu suchen. Das Internet ist ein wichtiger Faktor für den Zugang in die Szene."

Ein Sog, der sich ausbreitet

Das will ich nun ausprobieren. Ich erstelle mir einen Account bei Facebook. Orientiere mich dabei an dem, was mir Dominic Schmitz erzählt hat: Ich bin 18 Jahre alt, frage mich, warum es in der Welt so viel Krieg und Gewalt gibt - und suche einen Sinn in meinem Leben. Schnell komme ich auf die Facebook-Seite des Salafisten-Predigers Pierre Vogel und auf die Seite "Die wahre Religion", die auch die sogenannten Lies-Stände zur Koranverteilung organisieren. Es dauert nicht lange, und ich werde angeschrieben. Es beginnt mit einfachen Fragen zum Islam, die ich jederzeit stellen darf.

Ich habe den Eindruck, meine Chatpartner nehmen sich sehr viel Zeit für mich. Ich will wissen warum:

A: Wieso hilfst Du mir?
B: Für beide von uns ist Nutzen und Belohnung dabei.
A: Wie meinst du das?
B: Ich helfe dir und gleichzeitig belohnt mich Allah dafür. Du wirst belohnt, weil Du den Islam verstehst.

Eine andere Chatpartnerin schreibt mir:

B: Jede gute Tat, die du in Deinem Leben machst, wird auch mir gutgeschrieben. Wenn meine Absicht rein war.

Ein Belohnungssystem, von dem mir auch Dominic Schmitz bei unserem Interview erzählt hat. Es sei seine Pflicht gewesen, andere Muslime oder Ungläubige zum - wie er dachte - "wahren Islam" zu bringen. Die Belohnung dafür folge im Paradies. "Jeder, der der Szene angehört, ist verpflichtet, das nach außen zu tragen", erklärt mir Nordbruch. Das sei ein Grund, warum salafistische Angebote so präsent seien. Andere muslimische Strömungen seien im Vergleich dazu kaum sichtbar. "Hier geht es darum, dass jeder die Pflicht hat, Nicht-Muslime zu missionieren und auch Muslime, die nicht so leben, wie es die Salafisten für richtig halten."

Meine Chatkontakte werden intensiver. Von meinen Chatpartnern bekomme ich Anweisungen, wie ich mich zu verhüllen habe, Musik und Schminke sind ab sofort tabu.

Hör keine Musik, weil das verboten ist!

Keine Schminke!

Bedecke Dich!

Meine Chatpartner schicken immer wieder Videos: Gewaltvideos, aber auch Videos des "Islamischen Staates", in denen Kinder spielen, ein Mann ein Eis isst oder die Kämpfer mit Essen versorgt werden. Das sei ein wichtiger Bereich der Propaganda, erklärt Götz Nordbruch. Das Kalifat werde so als Vorzeigegesellschaft dargestellt. "Die Bilder zeigen, wie gut der Staat funktioniert." Das sei wichtig für die Rekrutierung: "Hier wird suggeriert, es gebe dort eine bessere Welt mit Perspektiven."

Immer wieder erhalte ich Freundschaftsanfragen: Von Frauen, die sich komplett verhüllen, sich teils mit Waffe darstellen und von Männern, die offenbar ihr Kämpfer-Image pflegen. Ich habe viele Fragen über den Alltag in Syrien. Meine Chatpartner beantworten sie mir gerne. Einer schreibt mir, die Raketen, die dort einschlagen, seien wie "Tickets ins Paradies". Der Tod in Syrien sei zumindest nicht sinnlos.

Surfen im Netz per Handy
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In wenigen Tagen habe ich viele neue Kontakte im Netz der Salafisten knüpfen können.

"Pflicht, nach Syrien zu kommen"

Eine junge Frau aus Deutschland, die sich gerade in Syrien aufhält, schreibt mir, der Alltag dort sei besser als in Deutschland. Sie könnte ihren Glauben leben, sich um Kinder kümmern und mit anpacken. Ich frage sie:

A: Wie ist das Leben für eine Frau dort?

B: Besser als hier. Die Schwester kann sich ohne Angst bewegen. Es ist wie ein Leben vor 1400 Jahren. Nur moderner.

Ein Mann, der nach Syrien gegangen ist, schreibt mir: "Für jeden Muslim ist es Pflicht, zu kommen". Er erklärt mir, dort seien viele deutsche Frauen, Sorgen brauche ich mir nicht zu machen. Und er sagt auch: "Man kann von Deutschland in einem Tag nach Syrien." Er erklärt mir die Route, fordert mich immer wieder auf, niemandem etwas zu erzählen.

B: Hier sind viele deutsche Frauen. Ich bringe Dich zu ihnen. Vertrau mir.
A: Wann kann es losgehen?
B: Wenn du bereit bist. Sag niemandem etwas.
A: Wie komme ich dahin?
B: Flugzeug, Bus, danach zu Fuß.
A: Wann kann es losgehen?
B: Schnell.

Ich frage mich, wenn ich wirklich 18 Jahre alt wäre, wie sehr hätte diese Ideologie mich dann in ihren Bann gezogen? Würde ich jetzt heimlich meinen Abschied vorbereiten?

Nils Böckler, Uni Bielefeld
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Der Bielefelder Wissenschaftler Nils Böckler zu den Chatverläufen: "Das zeigt, wie wahnsinnig schnell man in bestimmte Kreise hereinkommen kann"

"Du kannst es auch schaffen"

Ich zeige dem Bielefelder Wissenschaftler Nils Böckler die Chatverläufe: "Das zeigt, wie wahnsinnig schnell man in bestimmte Kreise hereinkommen kann", sagt er. Die Freundesliste meiner Chatfigur sei sehr vielfältig, umfasse das politisch salafistische Spektrum, den dschihadistischen Bereich sowie Kontakte nach Syrien. Wer einmal radikalisiert sei, werde den persönlichen Kontakten vor Ort in Syrien mehr Glauben schenken als Berichten in den Medien. So werde der Alltag in Syrien romantisiert. Die persönliche Ansprache spiele dabei eine wichtige Rolle, erklärt Böckler. Der Rekrutierer funktioniere als Bezugsfigur, die sich interessiere, Sicherheit gebe, den Rücken stärke. "Er ist der soziale Beweis, der dem Jugendlichen sagt: Du kannst es auch schaffen. Ich habe es auch geschafft."

Dominic Schmitz konnte sich dem Sog des Salafismus entziehen. Während ein ehemals guter Freund von ihm nach Syrien gegangen ist, ist er aus der Szene ausgestiegen. Es war ein Lehrer, der ihm sagte, er sei Deutscher und Muslim, er solle die Brücke zwischen beidem sein. "Das hat mich dazu bewegt, meine Missionierung abzulegen und für ein friedliches Miteinander zu werben. Nicht alles ist schwarz und weiß." Das ist nun seine Mission. Zwang im Glauben will er nicht mehr erleben. Auf seinem YouTube-Kanal wirbt der junge Mann nun für Toleranz.

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