Seitenueberschrift
Kostenpflichtige medizinische Untersuchungen
Wirtschaftsministerium fördert Ärzte-Verkaufstraining
Immer wieder werden Patienten beim Arzt auf individuelle Gesundheitsleistungen hingewiesen. Die sogenannten IGeL-Leistungen sind Untersuchungen und Behandlungen, für deren Kosten die Krankenkassen nicht aufkommen, sondern die vom Patienten selbst gezahlt werden müssen. Argument der Kassen: Der medizinische Nutzen ist nicht belegbar beziehungsweise sie sind medizinisch nicht notwendig.
Für die Ärzte sind die IGeL-Leistungen hingegen ein gutes Geschäft. Für über 300 solcher Leistungen geben Patienten jährlich rund 1,5 Milliarden Euro aus. Private Institute bieten Seminare und Coachings für Ärzte und deren Personal an, um den Verkauf von IGeL-Leistungen zu maximieren.
So heißt es zum Beispiel auf der Internetseite des Seminar-Anbieters "Profitraining": "Sie und Ihr Team lernen Erfolgsfaktor Nummer zwei kennen: Einfache und unaufdringliche Formulierungen, mit denen Sie Ihre Patienten leicht und schnell vom Sinn und Nutzen einer Selbstzahler Leistung überzeugen." Und weiter: "Besondere Aufmerksamkeit widmen wir Einwänden im Patientengespräch: Von Arzt und Helferinnen oft als Niederlage oder persönliche Ablehnung empfunden, bedeuten sie in den meisten Fällen in Wirklichkeit, dass der Patient gedanklich kurz vor einem 'Ja' steht."
Schulungen werden bezuschusst
Durch eine Anfrage der Grünen-Politikerin Biggi Bender ist nun bekannt geworden, dass das Bundeswirtschaftsministerium derartige Schulungen bezuschusst. Das Ministerium bezieht sich dabei auf Richtlinien über die "Förderung unternehmerischen Know-hows für kleine und mittlere Unternehmen sowie Freie Berufe".
Gefördert werden durch die Richtlinie Schulungsveranstaltungen, Workshops und Unternehmensberatungen, die unter anderem den Vertrieb und Umsatz eines Unternehmens steigern. Und da Ärzte zum Kreis der freien Berufe gehören, sind sie auch antragsberechtigt. Stefan Rouenhoff, Pressesprecher des Wirtschaftsministeriums, erklärte gegenüber tagesschau.de, sein Haus gehe davon aus, dass die Zahl der geförderten Seminare, die im Zusammenhang mit IGeL stehen, sehr begrenzt sei.
Das Ministerium räumt ein: Konkrete Produkte und Dienstleistungen würden vor einer Förderentscheidung grundsätzlich nicht bewertet. Allerdings weist Rouenhoff darauf hin: "Die mögliche Förderung enthebt die Ärzte aber nicht von ihren berufsrechtlichen Pflichten gegenüber den Patienten, nur medizinisch sinnvolle Leistungen anzubieten."
Bender kritisiert das. "Solche Verkaufstrainings unterstützen eine einseitige, tendenziöse 'Aufklärung' der Patientinnen und Patienten, zerstören das Arzt-Patient-Verhältnis und richten gesundheitlichen und finanziellen Schaden an", meint die Grünen-Politikerin. Ärzte und andere Heilberufe seien keine normalen mittelständischen Wirtschaftseinheiten, deren Vertrieb und Umsatz ohne Rücksicht auf die Konsequenzen gesteigert werden müsse.
Als Reaktion auf Benders Anfrage überprüft das Wirtschaftschaftsministerium derzeit zusammen mit dem Gesundheitsministerium sowie dem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkotrolle die bisherige Förderpraxis.
Krankenversicherungen fordern Aus für Seminare
Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) verlangt von der Bundesregierung, die Förderung von IGeL-Marketingseminaren umgehend einzustellen. "Wenn Ärzte Verkaufsstrategien trainieren, wie man Patienten unnötige medizinische Leistungen unterjubelt, belastet das das Vertrauensverhältnis zwischen Betroffenem und Helfer erheblich", sagte der Vize-Vorstandschef des Verbandes, Johann-Magnus von Stackelberg, der "Saarbrücker Zeitung".
Viele Angebote überflüssig?
Wissenschaftliche Studien, die einen Nutzen der IGeL-Leistungen belegen, gibt es bislang nicht. Im Gegenteil: Verschiedene Untersuchungen wollen belegen, dass so gut wie alle IGeL-Angebote überflüssig sind. So hat zum Beispiel der "IGeL-Monitor", ein vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen entwickeltes Internetportal, Angebote geprüft. Von über 20 untersuchten Leistungen bekamen nur zwei das Siegel "tendenziell positiv": Dazu zählen die "Akupunktur zur Migräneprophylaxe" und die "Lichttherapie bei Winterdepression". Positiv, also uneingeschränkt empfehlenswert, sei keine der angebotenen Leistungen.
Die häufigsten IGeL-Leistungen sind das Glaukom-Screening auf Grünen Star und der vaginale Ultraschall auf Gebärmutter- und Eierstockkrebs.
Bundesärztekammer empfielt Blick in den Leitfaden
Die Bundesärztekammer empfiehlt Patienten, anhand eines von ihr entwickelten Leitfadens zu prüfen, ob IGeL-Leistungen sinnvoll sind oder nicht. Coachings zu IGeL-Leistungen müssten sich grundsätzlich an diesen Leitfaden halten, meint Pressesprecher Alexander Dückers.
Stand: 30.07.2012 14:24 Uhr
