Ein Hubschrauber des Typus CH-47 "Chinook" | Bildquelle: AP

Bundeswehr-Rüstungsprojekt Helikopter-Deal empört deutsche Industrie

Stand: 05.08.2017 05:44 Uhr

Die Bundeswehr will US-Transporthubschrauber kaufen. Deren Wartung würde gerne die deutsche Industrie übernehmen - wohl auch, um Einblicke in die Technik der Konkurrenz zu bekommen. Das deutsche Verteidigungsministerium erteilt den Lobbyisten nun eine Abfuhr.

Von Christian Thiels, tagesschau.de.

Es gehe um nicht weniger als die "Souveränität Deutschlands". Man könnte meinen, es handele sich um eine nationale Schicksalsfrage, wenn man den Brief des Bundesverbandes der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) an die Staatssekretärin im Verteidigungsministerium, Katrin Suder, liest. In dem Schreiben wendet sich der Lobbyverband der Hersteller und Zulieferer von Luftfahrttechnik mit dramatisch anmutender Wortwahl gegen eine Entscheidung des Wehrressorts.

Deutsche Industrie will mitverdienen

Katrin Suder
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Katrin Suder ist die erste Rüstungsstaatssekretärin im Verteidigungsministerium.

Wenig verwunderlich, geht es doch um ein milliardenschweres Geschäft, nämlich Kauf und Wartung von neuen Transporthubschraubern. Daran würden auch die deutschen Unternehmen gerne mitverdienen und wenigstens die Instandhaltung der Maschinen übernehmen - schon, weil man selbst keine geeigneten Helikopter im Angebot hat.

Doch Suder erteilt den Wünschen des BDLI nun in deutlichen Worten eine deftige Absage. In der Antwort auf den Brief der Lobbyisten schreibt die für Rüstung zuständige Spitzenbeamtin, sie teile die Befürchtungen eines Verlusts von Souveränität und Handlungsfähigkeit "ausdrücklich nicht". Suders Entgegnung liegt tagesschau.de vor.

Kauf und Instandhaltung in US-Händen

Und darum geht es: Die Bundeswehr sucht nach einem neuen schweren Transporthubschrauber. Ihre Maschinen des Typs CH-53 der US-Firma Sikorsky werden seit 1972 eingesetzt und gelangen - trotz umfangreicher Modernisierungen in den vergangenen Jahren - in absehbarer Zukunft ans Ende ihrer wirtschaftlich sinnvollen Nutzungszeit.

Der Nachfolger könnte die aktuelle Version der CH-53 sein oder der CH-47 "Chinook" des Konkurrenten Boeing. Ausdrücklich will man keine Neuentwicklung, sondern verfügbare Maschinen "von der Stange". Und die neuen Hubschrauber sollen auch gleich in Kombination mit einem Betreuungs- und Instandhaltungspaket geordert werden. Begründet wird das auch mit einem erwarteten Zeitgewinn im Beschaffungsverfahren, klareren Verantwortlichkeiten und höherer Kostentransparenz.

CH-53 Transporthubschrauber der Bundeswehr | Bildquelle: dpa
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Die Hubschrauber des Typs CH-53 der Bundeswehr sollen ersetzt werden.

"Gefahr für Deutschlands Souveränität"

Das schmeckt der Industrie hierzulande gar nicht. Sie hält es "zur Aufrechterhaltung der nationalen Handlungsfähigkeit" für unerlässlich, Kauf und Betreuung der Helikopter vertraglich zu entkoppeln. Nur durch den Rückgriff auf nationale Ausrüster und Zulieferer werde es möglich sein, die Souveränität Deutschlands zu gewährleisten, warnt BDLI-Vize Dirk Hoke, zuständig für Verteidigung und Sicherheit. Und er fordert auch gleich, dass die Amerikaner umfangreiche technische Datensätze und Bauzeichnungen liefern sollen.

Womöglich liegt da ein weiteres Motiv für die Forderungen der Luftfahrtindustrie-Vertreter. Möglichst detaillierte Informationen zu den amerikanischen Maschinen könnte man für eigene Entwicklungen nutzen, sagen Branchenkenner. Wenn alles unter der Kontrolle der Amerikaner bleibt, hätten die auch den Daumen auf dem Know-How.

Industrie hofft auf Einblicke

Im Schreiben des BDLI wird das freilich anders formuliert. Ohne tiefe Einblicke in die Technik der Konkurrenz "droht die Bundeswehr die technische Hoheit zu verlieren". Es bestehe die Gefahr, "dass über Jahrzehnte aufgebaute Kompetenzen und Fähigkeiten" verloren gingen. Die möglichen Folgen schildert der Verband in düsteren Farben: "Eine Sicherstellung der Versorgungssicherheit deutscher Luftstreitkräfte könnte national nicht mehr gewährleistet werden." Anders gesagt: Wenn das Verteidigungsministerium nicht macht, was die Industrie will, sehe es womöglich finster aus mit der Einsatzfähigkeit des fliegenden Geräts der Bundeswehr.

Nun ist es aber nicht so, dass die deutsche Industrie bislang ein Garant für Qualität und Verlässlichkeit in diesem Bereich gewesen wäre. Die Verfügbarkeit von Hubschraubern und Flugzeugen der Bundeswehr ist nach wie vor sehr bescheiden, die von europäischen und mithin auch deutschen Firmen gelieferten Maschinen machen bislang vor allem durch Pannen von sich reden.

Dämpfer vom Verteidigungsministerium

Die Rüstungsstaatssekretärin gibt sich womöglich auch deshalb entsprechend unbeeindruckt. Verbündete Nationen hätten vergleichbare Lösungswege bei Hubschraubern der gleichen Größenordnung gewählt, sich also für Maschinen und Wartung aus einer Hand entschieden. Einen Verlust an Souveränität hätten sie nicht zu verzeichnen gehabt, heißt es sinngemäß in Suders Schreiben. Und mit unmissverständlicher Klarheit steht dort wörtlich: "Der von Ihnen erbetenen separaten Ausschreibung von Beschaffung und Betreuung werden wir daher nicht folgen".

Den Wunsch, wenigstens vom finanziellen Kuchen ein Stück abzubekommen, kann die frühere Unternehmensberaterin aber offenbar nachvollziehen. Sie würde es "ausdrücklich begrüßen", wenn die deutsche Industrie die Kooperation mit den Amerikanern suchen würde. Dann könne auch den "Ansprüchen einer größtmöglichen Wertschöpfung Genüge getan" werden, schreibt sie.

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