Ruth Klüger im Bundestag | Bildquelle: REUTERS

Holocaust-Überlebende im Bundestag "Sie haben den Beifall der Welt gewonnen"

Stand: 27.01.2016 15:01 Uhr

Die amerikanische Schriftstellerin Ruth Klüger überlebte als Kind das Konzentrationslager. Zum Holocaust-Gedenktag hat die 84-Jährige in einer eindrücklichen Rede im Bundestag ihr Leiden geschildert - und Deutschland sowie Merkels Flüchtlingspolitik gelobt.

In der Gedenkstunde des Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus hat die amerikanische Schriftstellerin und Holocaust-Überlebende Ruth Klüger die Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel gelobt.

Die 84-Jährige Klüger sagte in ihrer Gedenkrede, Deutschland, das vor 80 Jahren für die schlimmsten Verbrechen des Jahrhunderts verantwortlich gewesen sei, habe heute "den Beifall der Welt gewonnen dank seiner geöffneten Grenzen und der Großzügigkeit, mit der Sie syrische und andere Flüchtlinge aufgenommen haben und noch aufnehmen."

Bundestag erinnert an Opfer des Nationalsozialismus
tagesschau 20:00 Uhr, 27.01.2016, Tamara Anthony, ARD Berlin

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Ein "schlichter und heroischer Slogan: Wir schaffen das"

Dies sei der Hauptgrund, warum sie "mit großer Freude" die Einladung angenommen habe, im Rahmen des Holocaust-Gedenktags vor dem Bundestag zu sprechen, sagte Klüger. Trotz Hindernissen und Rückschlägen werde weiterhin an dem zum Deutschland der Nazi-Zeit gegensätzlichen Vorbild gearbeitet "mit dem schlichten und dabei heroischen Slogan: Wir schaffen das."

Die Germanistin wurde in Wien unter dem Namen Susanne Ruth als Tochter eines jüdischen Arztes und seiner Frau geboren. Die Familie wurde nach Theresienstadt deportiert und von dort ins Vernichtungslager Auschwitz. Ihr Vater und ihr Halbbruder wurden ermordet.

In ihrer Gedenkrede schilderte KLüger ihre Inhaftierung im KZ Groß-Rosen im heutigen Polen, in dessen Außenlager Christianstadt sie als 13-Jährige Zwangsarbeit im Forst und im Steinbruch leisten musste. Ihr eigenes Überleben verdanke sie einem Zufall von wenigen Minuten und der Hilfe einer Frau, die sie nie wiedergesehen habe.

Ruth Klüger im Bundestag | Bildquelle: dpa
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Ruth Klüger mit Bundespräsident Gauck, Bundestagspräsident Lammert, Kanzlerin Merkel und dem sächsischen Ministerpräsidenten Tillich im Bundestag

Lammert fordert Bekenntnis gegen Antisemitismus

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) forderte ein Bekenntnis gegen Ausgrenzung, Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Das gelte für alle Menschen in Deutschland, egal wann und aus welchem Grund sie hierher gekommen seien, sagte er. Willkür und Unfreiheit dürften nie wieder die Herrschaft übernehmen.

Der Holocaust-Gedenktag wird am 27. Januar begangen, dem Datum, an dem im Jahr 1945 das Konzentrationslager Auschwitz von der Roten Armee befreit worden war.

Gedenken in Polen

In Polen erinnerte bei der offiziellen Gedenkfeier auf dem Gelände des ehemaligen Lagers Auschwitz-Birkenau der der Direktor der Gedenkstätte, Piotr Cywinski an die lebenslangen Auswirkungen des Nazi-Terrors auf die Überlebenden. "Nachdem sie befreit waren, war der Weg zurück in die Freiheit lang", sagte Cywinski.

An den Feierlichkeiten zum 71. Jahrestag der Befreiung nahmen auch der polnische Staatspräsident Andrzej Duda sowie rund 80 Auschwitz-Überlebende teil. "So wie unsere Vorstellung von dem Lager natürlich nur ein Schatten der Erlebnisse der Gefangenen ist, so ist unsere Vorstellung von der Freiheit nach dem Lager nur ein freundliches Missverständnis", sagte Cywinski.

Der polnische Präsident Duda am Holocaust-Gedenktag in Auschwitz | Bildquelle: AP
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Der polnische Präsident Duda am Holocaust-Gedenktag in Auschwitz

Freiheit habe für die Überlebenden des größten Konzentrationslagers der Nationalsozialisten auch die Schwierigkeit bedeutet, unter Menschen zu leben, die sie nicht verstanden. "Es ist einfacher, das Tattoo von der Haut zu entfernen, als die Effekte der Erlebnisse im Lager aus dem Körper und Kopf zu löschen" , sagte er in Anspielung auf die Häftlingsnummern, die den Gefangenen in Auschwitz eintätowiert wurden.

Die Gedenkfeier fand im sogenannten Sauna-Gebäude statt, in dem die neu ankommenden Häftlinge tätowiert wurden. In Auschwitz ermordeten die Nationalsozialisten zwischen 1940 und 1945 etwa 1,1 Millionen Menschen, vor allem Juden. Insgesamt wurden in den Konzentrations- und Vernichtungslagern der Nationalsozialisten rund sechs Millionen Juden umgebracht.

Gedenken im Bundestag: Lob für Flüchtlingspolitik
K. Brand, ARD Berlin
27.01.2016 16:23 Uhr

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