Aids-Forschungslabor | Bildquelle: picture alliance / landov

Neue Aids-Therapie Die "Gen-Schere" braucht noch Zeit

Stand: 23.02.2016 17:56 Uhr

Mit einer neuen "Gen-Schere" wollen Forscher infizierte Zellen von HIV befreien - und so Aids besiegen. Die Mediziner schwärmen von einem einzigartigen Ansatz. Nun sollen Studien am Mensch die Wirksamkeit belegen - doch bis zur Zulassung könnten noch Jahre vergehen.

Von Alexander Steininger, tagesschau.de

Professor Joachim Hauber ist ein eher schwäbisch-bescheidener Typ - doch wenn er von seiner neuesten Entdeckung spricht, gerät er regelrecht ins Schwärmen: "Die Rekombinase-Technik ist ein einzigartiger Ansatz in der HIV-Bekämpfung. Wenn es uns gelingt, daraus eine gangbare Therapie für Aids-Patienten zu entwickeln, stellt das die Bekämpfung der Epidemie auf ganz neue Füße."

HIV gezielt aufspüren und herausschneiden

Zwar ist die Technik, die Teile, die das Virus in die Zell-DNA eingefügt hat wieder herauszuschneiden, schon vor einigen Jahren entdeckt worden. Doch nun ist es Hauber und seinem Dresdner Forscherkollegen Frank Buchholz erstmals gelungen, bestimmte Enzyme so zu verändern, dass sie das Erbgut des HI-Virus in einer infizierten Zelle gezielt aufspüren und unschädlich machen. Dies gelang ihnen bei rund 90 Prozent der Stammzellen im Reagenzglas - ein sehr guter Wert, wie auch andere Wissenschaftler bestätigen.

Die Stammzellen sind dann immun gegen das HI-Virus - und alle künftigen Generationen von Zellen ebenfalls, denn Stammzellen produzieren alle im Körper vorkommenden Zelltypen. Deshalb ist der Ansatz laut Hauber so vielversprechend: "Wir gehen wirklich an die Wurzel des Übels. Und im eigentlichen Sinne ist dann kein HIV mehr da. Das heißt, die Zelle ist dann geheilt." Bisherige Therapien unterdrücken nur die Virus-Vermehrung.

Joachim Hauber | Bildquelle: picture alliance / ZB
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Der Virologe und Immunologe Joachim Hauber forscht bereits seit Jahren an seinem Ansatz.

Methode muss sich bewähren

Auch Professor Georg Behrens von der Medizinischen Hochschule in Hannover betont, das Verfahren sei sehr vielversprechend und mache Hoffnung auf eine neuartige Therapieform. Dennoch warnt er vor vorschneller Euphorie: "Denn die große Herausforderung steht jetzt erst an: der Test am Menschen." Der Körper sei ein komplexer Organismus, und gerade bei HIV gebe es viele Faktoren, die den Verlauf der Therapie beeinflussen, von der Art der Virenstämme über die tatsächliche Zahl der Viren im Körper bis zur persönlichen Veranlagung der Patienten. Auch mögliche Nebenwirkungen seien nicht zu unterschätzen, gerade wenn das Erbgut verändert werde.

Studie in Planung

Professor Hauber erklärte im Gespräch mit tagesschau.de, eine klinische Studie sei bereits in Planung. Das größte Hindernis sei jedoch, die nötigen Geldmittel - rund 15 Millionen Euro - aufzubringen. Sein Team kümmert sich gerade um Investoren, die bereit sind, Mittel in die Hand zu nehmen. Bei "nur" wenigen Tausend Erkrankten in Deutschland ist dies jedoch kein leichtes Unterfangen.

Ein Unding, findet Holger Wicht von der Deutschen Aids-Hilfe: "Der Staat sollte solche vielversprechenden Ansätze zu Aids-Bekämpfung mit Forschungsgeldern unterstützen - wir können uns bei so wichtigen Studien nicht nur auf private Geldgeber verlassen."

Hoffnung auf Heilung von AIDS
tagesthemen 22:15 Uhr, 23.02.2016, Iris Völlnagel, MDR

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Doch selbst wenn die Mittel bald zusammenkommen, kann die Studie wohl erst 2018 starten - denn mehrere vorbereitende Schritte sind nötig. Dann dauert die Untersuchung drei bis vier Jahre. Mögliche Folgestudien sowie Nebenwirkungen - die gerade bei Gen-Therapien nicht selten sind - könnten die Entwicklung weiter verzögern. Rechnet man noch Zulassungsverfahren obendrauf, könnten also gut und gerne zehn Jahre ins Land gehen, bevor HIV-Patienten von dieser Therapie profitieren. Auch deshalb dämpft die Aids-Hilfe zu hohe Erwartungen an die neue Methode.

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Achillesferse der Technologie

Aber noch einen anderen Punkt kritisiert HIV-Horscher Behrens. Mit dem neuen Verfahren werden geheilte Stammzellen in den Körper eingeschleust. Da sie andere Zellen produzieren, gewinnen irgendwann die HIV-freien Zellen die Oberhand. Doch ein großes Problem bei der HIV-Therapie seien sogenannte "Reservoirs". "Das sind Zellen unterschiedlichster Art, die das HI-Virus in sich tragen. Sie können jedoch über Jahre oder Jahrzehnte inaktiv bleiben, bevor sie HI-Viren ausspucken - die dann wiederum andere Zellen infizieren können", so Behrens. "Das ist ein bisschen die Achillesferse diese Therapie."

"Shock and kill"-Methode

Helfen könnten da jedoch andere Forschungsansätze. Der bekannteste ist der "Shock and Kill"-Ansatz, der die "Schläferzellen" bekämpfen soll. Mit speziellen Medikamenten werden die Rückzugsorte der HI-Viren ausfindig gemacht und bekämpft. Nachteil dieser Therapie: Noch sind weder alle Zellen bekannt, die solche HIV-Reservoirs bilden, und die Aktivierung gelingt bisher nur in bescheidenem Ausmaß.

Auch an anderen Ansätze wird derzeit geforscht. So gibt es die Möglichkeit, die Rezeptoren der Zellen - an denen die Viren andocken - gentechnisch zu entfernen. So könnte verhindert werden, dass die HI-Viren sich an die Zellen heften und in sie eindringen. Zudem bildet etwa manche Menschen besonders effektive Antikörper gegen das HI-Virus aus. Diese zu produzieren - oder besser Zellen zu züchten, die diese Antikörper selber herstellen - und diese dann infizierten Menschen zu verabreichen, könnte ebenfalls helfen, die Krankheit zu bekämpfen.

HI-Viren | Bildquelle: picture alliance / dpa
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HI-Viren können Jahre in sogenannten Reservoirs überleben - und dann ihre gefährliche Wirkung entfalten.

Kombination verschiedener Therapien

Als Hoffnung für die Zukunft setzt die Aids-Hilfe deshalb auch nicht auf eine einzelne Methode als Allheilmittel. "Wir gehen davon aus, dass eine Kombination verschiedener Therapien künftig der beste Ansatz sein wird, wenn es um Heilung geht", sagt Holger Wicht. Denn alle Methoden hätten ihre individuellen Stärken, die es zu kombinieren gelte.

Eine Schwäche haben jedoch alle Therapien. Eine vollständige Heilung - also die Abtötung sämtlicher im Körper befindlichen Viren - ist derzeit noch nicht möglich. Mediziner sprechen in so einem Fall von einer sterilen Heilung: Diese würde garantieren, dass sich das Virus nicht ausbreiten kann - ein Aids-Ausbruch wäre damit ausgeschlossen. Bei einer funktionellen Heilung sind die Viren zwar noch da, werden aber so weit reduziert, dass keine Gesundheitsgefahr mehr besteht.

Dies ist die realistischere Variante bei der HIV-Bekämpfung, sagt Experte Behrens. Ein beschwerdefreies Leben wäre jedoch auch damit möglich. Ein Beispiel für funktionelle Heilung ist eine Herpesvirusinfektion, bei der lebenslang niedrige Virusmengen im Körper bleiben, die Krankheit aber nur selten ausbricht.

Die neue Entdeckung der Hamburger und Dresdener Forscher ist also eine wichtiger und vielversprechender Ansatz. Allerdings wird noch viel Arbeit zu tun sein, bis die Methode den Patienten in einigen Jahren wirklich helfen kann.

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