Apothekerin vor ausgezogenen Medikamenten-Schubladen | Bildquelle: dpa

G20 beraten Wenn Antibiotika nicht mehr wirken

Stand: 04.07.2017 13:04 Uhr

Dass die G20 sich mit Gesundheitsfragen beschäftigen, ist ungewöhnlich. Doch die zunehmenden Resistenzen gegen Antibiotika sind alarmierend. Manche Krankheit könnte bald nicht mehr behandelbar sein. Doch die Gegenstrategien sind umstritten.

Von Christian Baars, NDR

Es sei eine "schleichende Katastrophe", sagt Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU). Anders als bei einem Vulkanausbruch sind die Folgen nicht direkt sichtbar, aber deutlich gravierender. Jeden Tag sterben weltweit fast 2000 Menschen, weil Antibiotika nicht mehr wirken. Und die Zahl steigt. In den vergangenen Monaten haben bereits die Vereinten Nationen, die WHO, die EU dringend zum Handeln aufgerufen. Nun werden auch die G20-Staats- und Regierungschefs über das Problem beraten. Zum ersten Mal stehen bei einem ihrer Treffen auch Gesundheitsthemen auf der Tagesordnung.

Kleine Entzündungen können tödlich enden

Warum das Thema so in den Fokus rückt, wird deutlich, wenn man sich die Bedeutung der Mittel vor Augen führt. Antibiotika helfen gegen Entzündungen, die durch Bakterien verursacht werden. Umgekehrt heißt das: Schon eine Harnwegsinfektion oder eine entzündete Wunde können tödlich enden, wenn die Medikamente nicht mehr wirken - wie früher, bevor es diese Mittel gab. Auch bei Operationen oder Krebsbehandlungen steigt das Risiko immens. Denn die Patienten sind besonders anfällig für Infektionen mit gefährlichen Bakterien, die sich unaufhaltsam im Körper ausbreiten können, wenn keine wirksamen Antibiotika zur Verfügung stehen.

Wenn die derzeitige Entwicklung weiter anhalte, könnten Infektionen unbehandelbar werden, warnen die Gesundheitsminister der G20-Staaten. Sie trafen sich bereits im Mai zur Vorbereitung des Gipfels. Herausgekommen ist die "Berliner Erklärung". Aus der wird deutlich, dass sich die Länder nicht nur Sorgen machen um die Gesundheit ihrer Bevölkerung, sondern auch um die wirtschaftliche Stabilität.

Multiresistente Enterobakterien | Bildquelle: dpa
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Viele Patienten bringen multiresistente Keime schon mit in die Kliniken. Doch auch dort können sie sich infizieren.

Behandlungskosten explodieren

Denn die Kosten für die Behandlung von infizierten Patienten explodieren. Wenn die Standardmittel nicht anschlagen, müssen Patienten im Zweifel über Wochen in der Klinik behandelt werden - mit anderen, teureren Antibiotika und höheren Dosen. Beispiel Tuberkulose: Einen Patienten zu behandeln kostet normalerweise einige Hundert Euro.

Handelt es sich um eine multiresistente Form, steigen die Kosten schnell auf Tausende, oft mehrere Zehntausend, manchmal sogar auf einige Hunderttausend Euro pro Patient. Alles in allem sind es gigantische Summen. Denn vergangenes Jahr erkrankten weltweit rund eine halbe Million Menschen an einer multi-resistenten Tuberkulose.

Teurer als die Finanzkrise 2008

Die Weltbank hat berechnet, dass die langfristigen Kosten durch alle multi-resistenten Erreger zusammen höher liegen dürften als die durch die globale Finanzkrise von 2008. Selbst in ihrem optimistischen Szenario gehen die Ökonomen davon aus, dass die Erreger jährliche Verluste in Höhe von einer Billionen Dollar verursachen - im schlimmsten Fall sogar dreimal so viel. Das entspräche der gesamten derzeitigen Wirtschaftsleistung von Deutschland.

Klar ist also: Der Einsatz der wertvollen Medikamente muss dringend zurückgefahren werden, sowohl in der Humanmedizin als auch in der Landwirtschaft. Doch was so einfach klingt, ist in der Praxis ausgesprochen kompliziert. Die Interessen und Ausgangsbedingungen sind von Land zu Land extrem verschieden, allein schon innerhalb der EU. Während einige Länder wie Dänemark hier als Vorbilder herhalten können, ist die Situation in anderen katastrophal - insbesondere im Süden des Kontinents, wo in Teilen noch immer massenhaft Antibiotika geschluckt und Tieren verabreicht werden. Und die Resistenzraten in ungeahnte Höhen schnellen.

Schweine am Futtertrog in einem Mastbetrieb | Bildquelle: dpa
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In vielen Ställen werden Antibiotika eingesetzt - so landen sie auf dem Teller und in der Gülle.

Internationale Aktionspläne

Nun hat die EU Ende Juni einen neuen Aktionsplan veröffentlicht, um der Gefahr zu begegnen. Doch Kritiker bemängeln, dass auch dieser - wie viele andere ähnliche Pläne - eher einer allgemeinen Absichtserklärung ähnele. Konkrete, verbindliche Vorgaben oder klar definierte Ziele würden fehlen, stellt etwa die "European Public Health Alliance" (EPHA) fest.

Sie hat aktuell eine Studie zur Situation in Rumänien veröffentlicht. Dort wie auch in Griechenland bekommen die Bewohner im Schnitt etwa doppelt so viele Antibiotika wie in den Niederlanden. Und die Folgen machen nicht an den Landesgrenzen halt. Bakterien und ihre Resistenzen sind ausgesprochen mobil. Sie wandern mit Reisenden, Gütern oder Tieren in alle Ecken dieser Welt, teils innerhalb weniger Stunden. Deshalb fordern Organisationen wie EPHA dringend weitergehende, international koordinierte Maßnahmen.

Keine konkreten Maßnahmen gegen Pharma-Verschmutzung

Besonders ein Problem wurde bislang stark vernachlässigt: Auch die Pharmaindustrie trägt dazu bei, dass ihre Mittel immer häufiger versagen. Aktuelle Recherchen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" haben dies verdeutlicht. Danach gelangen in Indien, wo ein Großteil aller Antibiotika für die gesamte Welt produziert wird, große Mengen der Mittel in die Umwelt. So entstehen extrem resistente Bakterien, gegen die fast nichts mehr hilft. Doch konkrete Maßnahmen, um diese Gefahr einzudämmen, finden sich weder im Aktionsplan der EU noch in der Berliner Erklärung der G20-Gesundheitsminister.

Deutlich weiter vorangeschritten sind Pläne, wie die Industrie dazu motiviert werden könnte, neue, dringend benötigte Antibiotika zu entwickeln. Jahrzehntelang hat die Branche die Forschung in diesem Bereich vernachlässigt. Die Gefahr wurde unterschätzt. Zudem sind Antibiotika für die Unternehmen schlicht nicht lukrativ, gerade im Vergleich mit Medikamenten gegen Krebs oder chronischen Erkrankungen wie Diabetes. Antibiotika gelten als Billig-Präparate und werden meist nur kurze Zeit genommen. Zudem sollte neue Mittel möglichst sehr zurückhaltend eingesetzt werden, um zu verhindern, dass Bakterien auch gegen diese Medikamente resistent werden. Denn die Erreger sind ausgesprochen anpassungsfähig.

Milliarden-Prämie für Unternehmen im Gespräch

Nun wollen die G20-Chefs unter anderem über einen globalen Fonds zur Erforschung neuer Medikamente beraten. Im Gespräch ist auch eine Prämie für Unternehmen in Höhe von einer Milliarde Euro für jedes innovative Mittel. In den Augen von Kritikern ist eine solche Subventionierung der Pharmariesen keine gute Idee. Denn so könnten die Unternehmen weiter Gewinne einfahren, während die Risiken von der öffentlichen Hand getragen würden, bemängelt etwa Christian Wagner-Ahlfs von BUKO Pharma.

Klar ist aber: Die Zeit drängt. Denn die Entwicklung eines neuen Medikaments kostet nicht nur viel, sondern dauert auch in der Regel mindestens zehn Jahre. Gleichzeitig befürchten Experten, dass schon bald einige Krankheiten nicht mehr zu behandeln sein werden - als erstes wahrscheinlich die Gonorrhoe. Lange Zeit hatte die Krankheit ihren Schrecken verloren, da sie mit Antibiotika gut zu behandeln war. Vor zehn Jahren standen noch fünf verschiedene Therapieoptionen zur Verfügung, derzeit bleibt meist nur noch eine. Und es treten immer häufiger Fälle auf, bei denen keines der zur Verfügung stehenden Mittel noch wirkt.

Unsichere Daten

Wie viele Menschen an Infektionen durch multiresistente Erreger erkranken und sterben, weiß niemand genau. Fast alle Zahlen dazu basieren nur auf Schätzungen, die teils auch veraltet sind. Für große Teile der Welt liegen keine genauen Daten vor - auch nicht für Deutschland. Offiziell heißt es beispielsweise, dass in der EU jährlich etwa 25.000 Menschen durch solche Erreger sterben. Diese Zahl beruht jedoch auf einer Studie zur Situation im Jahr 2007. Seitdem wurde keine anderen offiziellen Angaben mehr publiziert.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 04. Juli 2017 um 17:22 Uhr.

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