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23.02.2012

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Der Fall Guttenberg und das Netz
Der Fall Guttenberg im Netz

Alles nur gefälscht?

Kann zu Guttenberg in zwei Tagen mehr Fans begeistern als Dieter Bohlen in neun Jahren? Werden die Meinungsumfragen der Institute von Netzkampagnen beeinflusst? Und macht das Web - wie im Falle des zurückgetretenen Verteidigungsministers- ein Aussitzen unmöglich? tagesschau.de hat nachgefragt.

Von Ute Welty, tagesschau.de

"Es ist ein DB-Fehler aufgetreten" - zu viele Anfragen in zu kurzer Zeit waren die Ursache für den schlichten Hinweis auf einen Datenbank-Fehler der tagesschau.de-Server. Um 5 Uhr 24 war dann Schluss: Nach mehr als 230.000 Abstimmungsversuchen war es nicht mehr möglich, sich auf tagesschau.de an der nicht-repräsentativen Umfrage zum Rücktritt des Verteidigungsministers zu beteiligen. Die dazugehörigen Daten führten die Festplatte des Servers an den Rand ihrer Kapazität. 142.840 Teilnehmer konnten tatsächlich darüber abstimmen, ob der Rücktritt des Verteidigungsministers angemessen war.

Im Normalfall beteiligen sich etwa 5000 Menschen an solchen Umfragen auf tagesschau.de. Dass es diesmal so viele Menschen mehr waren, wundert den Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger von der Ludwig-Maximilians-Universität in München nicht. Die gesamte Kommunikation über den Fall Guttenberg habe sich mit enormer Dynamik entwickelt: "Neu war das Zusammenspiel zwischen den Gruppen im Internet und den klassischen Medien. Die Verweise der Zeitungen auf das Geschehen im Netz wurden zum Meta-Thema. Dadurch hat sich das ursprüngliche Thema, nämlich der Plagiatsvorwurf, viel länger in der Berichterstattung halten können. Damit wurde das sonst so übliche 'Aussitzen' unmöglich gemacht", sagte Neuberger im Gespräch mit tagesschau.de.

Wechselhafte Wechselwirkungen

Guttenberg-Rücktritt (Foto: AFP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Viel diskutiert: Guttenbergs Rücktritt am 01.03.2011 ]
Laut einer repräsentativen Blitzumfrage von infratest dimap für die Tagesthemen halten 53 Prozent der Befragten Guttenbergs Entscheidung für richtig, 44 Prozent sehen das nicht so. Einen Zusammenhang zwischen nicht-repräsentativen und repräsentativen Umfragen sieht Infratest-dimap-Gründer Reinhard Schlinkert nicht: "Das Meinungsbild der repräsentativen Umfragen ändert sich nicht, weil es nicht-repräsentative Umfragen gibt. Das Meinungsbild ändert sich, weil es immer drei bis fünf Tage dauert, bis tatsächlich der letzte in Deutschland mitbekommen hat, was eigentlich passiert ist. Nicht immer bildet sich ganz Deutschland eine Meinung zu einem politischen Vorgang. Nicht alle Menschen sind politisch interessiert, sonst hätten wir eine Wahlbeteiligung von 100 Prozent."

Das sieht Neuberger anders. Er geht davon aus, dass eine Wechselwirkung existiert, die aber nicht ohne Weiteres empirisch nachzuweisen sei: "Wir beobachten permanent, wie sich die Meinungen verteilen und welche Stimmung vorherrschend ist. Das hat einen gewissen Einfluss auf unsere eigene Haltung. Das kann sich letztendlich dann auch in Abstimmungen und Umfragen oder im Wahlverhalten niederschlagen."

"Nur 70 Prozent mit Online-Zugang"

Guttenberg-Bild bei Facebook [Bildunterschrift: Mit diesem Bild präsentiert sich Guttenberg bei Facebook. ]
Auf diesen Effekt setzt wohl auch Guttenbergs Fan-Gemeinde im Internet. Bei Facebook wurde eine Seite mit dem Namen "Wir wollen Guttenberg zurück" eingerichtet. Mehr als 500.000 Menschen haben darauf bereits für den scheidenden Verteidigungsminister Partei ergriffen. Als Ziel geben die Initiatoren der Gruppe an, ihre Solidarität mit Guttenberg zu zeigen. Schlinkert von Infratest dimap rät im Interview mit tagesschau.de dazu, solche Bewegungen nicht überzubewerten: "Nur ungefähr 70 Prozent der Bevölkerung verfügen überhaupt über einen Online-Zugang und nutzen ihn zum Teil dann noch nicht einmal."

Alles Manipulation?

Der Medienberater und Buchautor Peter Berger hält es für möglich, dass die Fans bei Facebook ein "Fake" sind. Den Zahlen zufolge wäre Guttenberg in zwei Tagen beliebter gewesen als Dieter Bohlen und das Team von "Deutschland sucht den Superstar" in neun Jahren. Und: Die Anzahl der Fans sei kontinuierlich gewachsen, unabhängig von der Tageszeit.

Dessen ungeachtet klagen viele Guttenberg-Freunde den digitalen Solidaritätszuschlag ein. Sie rufen dazu auf, sich an Medien und Politiker zu wenden und die Unterstützung für Guttenberg deutlich zu machen. Bei tagesschau.de liefen innerhalb weniger Stunden rund 5000 E-Mails aus der Facebook-Gruppe ein. Was die Massen-Mails erreichen sollen, erscheint derweil unklar, viele Nachrichten sind ohne Inhalt, ein Absender behauptet, andere Politiker hätten "mehr Dreck am Stecken". Viele schimpfen zudem über eine angebliche Medienkampagne gegen den CSU-Politiker. Auf der Facebook-Seite wurde von Guttenberg-Unterstützern dazu aufgerufen, massenhaft an Umfragen in Online-Medien teilzunehmen, unter anderem auch bei tagesschau.de. Zudem soll es am Wochenende Sympathie-Kundgebungen für den CSU-Politiker geben.

"Schwer steuerbare Prozesse"

Die Macher der Seite GuttenPlag, auf der mögliche Plagiate aus Guttenbergs Doktorarbeit dokumentiert wurden, erklärten: "Der Rücktritt des Bundesministers der Verteidigung war nicht Ziel dieses Projekts. Wir bedauern, dass Herr Freiherr zu Guttenberg bei der Ankündigung seines Rücktritts keine klaren Worte zur offensichtlichen Täuschungsabsicht und zur Urheberschaft der Dissertation gefunden hat."

Kommunikationswissenschaftler Neuberger weiß um unerwünschte Nebenwirkungen. Prozesse im Internet seien schwer steuerbar, damit müssten Politik, Unternehmen und Redaktionen rechnen: "Obwohl Guttenberg alle Ausweichmanöver unternommen hat, die man in solchen Fällen einleitet, war er nicht in der Lage, das Thema kleiner zu reden." Neuberger hält es allerdings für möglich, dass die Vorgänge im Netz überschätzt werden, auch von Journalisten.

Stand: 03.03.2011 16:03 Uhr
 

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