Der türkische Prediger Fethullah Gülen auf einem Bild von 2004 | Bildquelle: REUTERS

Vorwürfe gegen islamische Bewegung Gülens Bildungsmissionare unter Druck

Stand: 02.02.2014 12:42 Uhr

Der Verfassungsschutz warnt nach Informationen des ARD-Politikmagazins Report Mainz und des "Spiegel" vor der Gemeinde des islamischen Predigers Fethullah Gülen. In einem internen Papier des Landesamtes für Verfassungsschutz Baden-Württemberg heißt es, Gülens Gedankengut stehe in mancherlei Hinsicht im Widerspruch zur freiheitlich demokratischen Grundordnung. Die Bewegung verfolge einen türkischen Nationalismus in "seriösem Gewand" mit "islamistischen Komponenten". Gülen selbst strebe einen Gottesstaat an.

Anhänger des Imams sind in 140 Ländern aktiv. Alleine in Deutschland betreiben sie etwa 300 Bildungseinrichtungen - zum Teil mit staatlicher Unterstützung. Das Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg kritisiert nun, Äußerungen Gülens seien mit dem Prinzip der Gewaltenteilung, der Religionsfreiheit, der Freiheit von Wissenschaft und Lehre und der Gleichberechtigung von Mann und Frau mitunter nicht in Einklang zu bringen.

Report Mainz und "Der Spiegel" berichten über Vorwürfe gegen mehrere Bildungseinrichtungen, die der Gülen-Bewegung zugerechnet werden. Eltern in Rüsselsheim gaben an, ihr dreijähriges Kind sei während der Kinderbetreuung im Rahmen eines Integrationskurses geschlagen worden. Laut einer Sprecherin des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) habe eine Erzieherin des Vereins eingeräumt, dem Kind einen "leichten Klaps" gegeben zu haben. Das BAMF stellte zudem fest, dass ein Kind während der Kinderbetreuung in seinem Buggy "festgeschnallt" gewesen sei. Der Gülen-nahe Förderkreis Rhein-Main darf künftig keine Integrationskurse mehr anbieten.

Homophobie und Kopftuchzwang

Auch gegen eine private Schule in Ludwigsburg werden laut Recherchen Vorwürfe erhoben. Eine Mutter berichtet, ihre Tochter sei an der Schule dazu gedrängt worden, Kopftuch zu tragen. Mehrere Zeugen berichten zudem von systematischem Mobbing und Gewalt gegenüber Schülern, die nicht zur Gülen-Bewegung gehörten. Auch würden die Bildungseinrichtungen dazu genutzt, Kinder als neue Anhänger und Funktionäre der sektenähnlichen islamistischen Gemeinschaft zu rekrutieren. Zeugen berichten auch von Homophobie, Ablehnung der Evolutionstheorie sowie Ablehnung von muslimischen Minderheiten wie den Aleviten.

Erdogan am Dienstag in Deutschland

Türkischer Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan | Bildquelle: AFP
galerie

Für den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan ist die Sache klar: Die Gülen-Bewegung will ihn stürzen.

Für den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan dürften die Vorwürfe des deutschen Verfassungsschutzes zur rechten Zeit kommen. Er ist am Dienstag in Deutschland. In den Gesprächen will er Kanzlerin Angela Merkel seine Sicht der Entwicklungen nach dem Bekanntwerden der Korruptionsvorwürfe gegen seine Regierung darlegen und sie von seiner Komplott-Theorie überzeugen. Erdogan sieht in den Ermittlungen eine Verschwörung der Gülen-Bewegung mit dem Ziel, ihn zu stürzen. Konkret beschuldigt er den einflussreichen Prediger, in Polizei und Justiz einen "Staat im Staate" mit seinen Anhängern aufgebaut zu haben. Der in den USA lebende Geistliche weist das zurück.

Schon bei einem Besuch bei EU-Spitzenvertretern in Brüssel vergangene Woche hatte Erdogan das von ihm vermutete Komplott beschrieben und nach eigener Darstellung die Gesprächspartner überzeugt.

Politische und wirtschaftliche Krise

Die Korruptionsaffäre hat die Türkei in eine politische Krise gestürzt und die Macht von Erdogan und seiner AKP ins Wanken gebracht. Minister mussten gehen, fast das halbe Kabinett wurde ausgetauscht, Erdogan versetzte Hunderte Polizisten und Staatsanwälte in die Provinz. Auch wirtschaftlich sind die Auswirkungen spürbar: Die türkische Lira verlor dramatisch an Wert.

Bei seinem Berlin-Besuch will Erdogan auch inoffiziell Wahlkampf für seine erwartete Kandidatur bei der türkischen Präsidentschaftwahl im Sommer machen: Zu einer Rede Erdogans im Tempodrom werden mehrere tausend Anhänger erwartet. Bei der Präsidentschaftswahl sollen in Deutschland lebende Türken erstmals ihre Stimmen in der Bundesrepublik abgeben können. Erdogan-Gegner haben eine Protestkundgebung gegen den Ministerpräsidenten am Brandenburger Tor angekündigt.

Die Sendung Report Mainz sehen Sie am Dienstag, 4. Februar, um 21:45 Uhr im Ersten.


Darstellung: