Seitenueberschrift

Abstimmung beim Länderrat der Grünen

Jahresbilanz der Grünen

Mit dem Rammbock tief ins bürgerliche Lager

Die Umfragewerte sind zwar nicht mehr ganz so gigantisch - aber das kann den Grünen egal sein. Sie siegen ausgerechnet im konservativen Südwesten immer weiter und haben ein viel versprechendes Duo für den Wahlkampf 2013 gewählt - ganz basisdemokratisch. Fazit: ein gutes Jahr für sie.

Von Achim Wendler, BR, ARD-Hauptstadtstudio Berlin

Ende Oktober erschien in der "Bild"-Zeitung ein wirklich nettes Foto. Es zeigte Winfried Kretschmann und Fritz Kuhn. Zwei ergraute Grüne, im Hintergrund ein Rasensprenger und: die Villa Reitzenstein, der Sitz des baden-württembergischen Ministerpräsidenten. Beide tragen Hemd, Krawatte, dunklen Anzug. Kretschmann, der Hausherr, sagt irgendwas, Kuhn hat die Beine übereinander geschlagen und versucht, lässig auszusehen, was ihm eindeutig misslingt. Es kann ihm egal sein - er hat nämlich gerade die OB-Wahl in Stuttgart gewonnen.

Dieses Foto ist das grüne Symbolbild des Jahres 2012. Es sagt mehr als alle Analysen und Kommentare zusammen. Es zeigt: Die Grünen haben in einer der konservativsten Ecken Deutschlands die Macht übernommen: im Ländle und nun auch in seiner Hauptstadt Stuttgart. Die Frage ist: Ist diese Ecke plötzlich nicht mehr konservativ? Oder sind die Grünen plötzlich konservativ? Wer hat sich da geändert?

BR-Jahreschronik: Die Grünen - die konservative Alternative?
A. Wendler, ARD Berlin
30.12.2012 12:26 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Gute Aussichten dank der Basis

Im Oktober 2013, nach der Bundestagswahl, könnte ein ähnliches Foto erscheinen: im Hintergrund dann das Kanzleramt, davor Jürgen Trittin oder Katrin Göring-Eckardt. Naja, und halt auch noch die Kanzlerin.

Die Grünen erobern die deutschen Machtzentralen. Stuttgart - und 2013 womöglich Berlin. Der Weg dahin ist jedenfalls dank der grünen Basis geebnet. Schwarmintelligenz, Basisdemokratie - all die Sachen, die die Piraten so gern für sich in Anspruch nehmen - gut 36.000 Grünen-Mitglieder haben sie in diesem Herbst praktiziert, in Form der Urwahl der Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl. Damit hat die Partei aus einem zähen Streit einen klugen, kollektiven Entscheidungsprozess gemacht.

Winfried Kretschmann (links) und der neu gewählte Stuttgarter OB Fritz Kuhn
galerie

Erfolgsduo im Südwesten: Ministerpräsident Kretschmann (links) und der neu gewählte Stuttgarter OB Fritz Kuhn

Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt
galerie

Erfogsduo im Bundestagswahlkampf? Die Urwahlsieger Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt

Comeback der Urwahl

Erstens haben die Grünen der Urwahl ein Comeback beschert. Wer künftig von Basisdemokratie redet, wird sie praktizieren müssen, Ausreden gelten nicht mehr. Das setzt vor allem die Linkspartei unter Druck, die immer noch keine Wahlkampfspitze hat.

Zweitens haben die Grünen sich zwei Spitzenkandidaten vorgesetzt, die gemeinsam eigentlich keine Spitze bilden, sondern einen politischen Rammbock. Bereit zum Vorstoß in die Hochburg der Volksparteien: in die Mitte, ins bürgerliche Lager - da, wo Konservatismus noch was gilt. Und das liegt zuerst an Göring-Eckardt. Ja, sie vertritt weniger linke Positionen als ihr Co-Kandidat Trittin - aber das ist gar nicht entscheidend. Wichtiger ist, dass diese Frau in konservativen Kreisen nicht solche Abwehrreflexe auslöst wie Trittin.

1/

Der Aufstieg der Grünen

Von der Umwelt- und Friedensbewegung auf die Regierungsbank

Gründungsparteitag Grüne

"Ökologisch, basisdemokratisch, sozial, gewaltfrei" - unter diesem Motto trafen sich Delegierte der Friedens-, Umwelt- und Frauenbewegung und anderer sozialen Bewegungen im Januar 1980 in Karlsruhe, um die Partei "Die Grünen" zu gründen. (Foto: picture-alliance / dpa)

Berechenbar und damit attraktiv

Bürgerlich-konservativ zu sein - das bedeutet auch, berechenbar zu sein. Die Grünen sind es immer stärker. Das zeigt sich schon äußerlich. Kretschmann, Kuhn und auch Trittin tragen Anzug. Sie im Strickpulli zu erwischen, ist mittlerweile so wahrscheinlich wie Merkel im Bikini.

Es zeigt sich aber auch politisch. Die Konkurrenz, Union wie SPD, hat manche Kehrtwende hingelegt. Angela Merkel ist jetzt gegen Atomkraft und Wehrpflicht, Peer Steinbrück ist jetzt für Mindestlohn und die Frauenquote. Die Grünen sind durch solche Kehrtwenden nicht aufgefallen. Diese Berechenbarkeit, diese Stetigkeit schätzt man in bürgerlichen Kreisen. Und zwar nicht nur im Ländle.

Die Grünen, die mit ihrer Öko-Ideologie ja schon immer konservativ waren - Bewahrung der Schöpfung - sie stehen nun auch erkennbar dazu. Sie sind gealtert, gereift. Und mit ihnen ihre Körpersprache. Die physische wie die politische.

Stand: 30.12.2012 12:26 Uhr

Darstellung: