Oskar Gröning | Bildquelle: REUTERS

Vier Jahre Haft im Auschwitz-Prozess SS-Mann Gröning schuldig gesprochen

Stand: 15.07.2015 12:58 Uhr

Schuldig der Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen, vier Jahre Haft - so lautet das Urteil im Auschwitz-Prozess gegen den früheren SS-Mann Gröning. Damit ging das Lüneburger Gericht noch über die Forderung der Staatsanwaltschaft hinaus. Ob der 94-Jährige tatsächlich ins Gefängnis kommt, ist aber fraglich.

Schuldspruch für den früheren SS-Mann Oskar Gröning: Das Landgericht Lüneburg hat den 94-Jährigen am Mittwoch wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen in Auschwitz zu vier Jahren Haft verurteilt. Damit ging das Gericht über das von der Anklage geforderte Strafmaß hinaus. Ob der gesundheitlich angeschlagene Gröning haftfähig ist, muss aber noch die Staatsanwaltschaft prüfen.

Früherer SS-Mann Oskar Gröning zu vier Jahren Haft verurteilt
tagesthemen 22:15 Uhr, 15.07.2015, Martina Thorausch, NDR

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Gröning hatte im Prozess seine Beteiligung und moralische Mitschuld am Holocaust eingeräumt. Er hatte gestanden, Geld von Verschleppten gezählt und zur SS nach Berlin weitergeleitet zu haben. Dies brachte ihm später den Beinamen eines "Buchhalters von Auschwitz" ein. Er sagte aus, zwei- bis dreimal vertretungsweise Dienst an der Rampe getan zu haben, um dort Gepäck zu bewachen. Dort wurden deportierte Juden zur Ermordung selektiert.

Die Staatsanwaltschaft hatte dreieinhalb Jahre Haft gefordert, von denen 22 Monate als verbüßt angesehen werden sollten, weil eine Verurteilung schon vor Jahrzehnten möglich gewesen wäre. Erste Ermittlungen hatte es 1977 gegeben. Verteidigung und Staatsanwaltschaft überlegen nun Revision einzulegen.

Die Nebenkläger zeigten sich mit dem Urteil einverstanden. "Es erfüllt uns mit Genugtuung, dass nunmehr auch die Täter Zeit ihres Lebens nicht vor einer Strafverfolgung sicher sein können", hieß es in einer Erklärung. Die Verteidigung hatte auf Freispruch plädiert, weil Gröning den Holocaust im strafrechtlichen Sinne nicht gefördert habe.

Details über Auschwitz ans Licht gebracht

In dem knapp drei Monate dauernden Prozess, der auch auf großes Interesse im Ausland stieß, hatten etliche Holocaust-Überlebende in erschütternden Details ihre Verschleppung sowie den Massenmord in dem Vernichtungslager geschildert. Dabei kamen unter anderem die menschenverachtenden medizinischen Experimente von Lagerarzt Josef Mengele sowie das Vergasen und Verbrennen von Juden im Takt der eintreffenden Züge zur Sprache.

In womöglich einem der letzten Auschwitz-Prozesse hatte Gröning eine Antwort auf die Frage zu geben versucht, was den Einzelnen zur Beteiligung an den Verbrechen hatte bringen können. Wegen der schlechten Gesundheit des 94-Jährigen stand der Prozess mehrmals auf der Kippe, mehrere Verhandlungstage fielen aus.

Gröning kam erst jetzt vor Gericht, weil die Justiz bis 2011 darauf bestand, dass KZ-Aufsehern eine direkte Beteiligung an den Morden nachgewiesen werden muss. Frühere Ermittlungen gegen Gröning waren daher 1985 eingestellt worden. Erst nachdem die Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen ihre Beurteilung änderte, kamen die Ermittlungen und einige KZ-Aufseher wieder in Gang.

"Strafverfolgung muss weitergehen"

Das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem begrüßte das Urteil gegen Gröning als "wohlverdient". "Wir hoffen, dass dies die deutschen Behörden ermutigen wird, weitere Fälle zu verfolgen", sagte der Leiter Efraim Zuroff der Nachrichtenagentur dpa. Konkret nannte er beispielsweise ehemalige Mitglieder von Einsatzgruppen. "Dieser Fall war sehr, sehr wichtig für uns", sagte Zuroff weiter. Er habe bei seiner Arbeit viele Enttäuschungen erlebt. Doch dieses Urteil zeige ihm, dass die Strafverfolgung ehemaliger NS-Verbrecher weitergehen müsse.

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