Klappmesser in einer Schule in NRW | Bildquelle: dpa

Mehr Kriminalfälle Tatort Schule

Stand: 21.04.2018 11:44 Uhr

Die Kriminalität an Schulen steigt offenbar an. Das berichtet dpa unter Berufung auf mehrere Landeskriminalämter. Zuletzt hatte eine Messerattacke in Lünen für Entsetzen gesorgt. Der Schulleiter beklagt eine Verrohung.

"Viele Jugendliche wissen nicht mehr, wo die Grenze ist und was passiert, wenn sie überschritten wird." Zu dieser Einschätzung kommt Schulleiter Reinhold Bauhus. An seiner Käthe-Kollwitz-Gesamtschule in Lünen in Nordrhein-Westfalen hatte im März ein 15-Jähriger einen 14-Jährigen erstochen.

Bauhus ist mit seiner Wahrnehmung nicht allein. Lehrer aus mehreren Bundesländern hatten sich zuletzt besorgt über den Umgang an Schulen geäußert. Die NRW-Landesvorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, Dorothea Schäfer, konstatierte jüngst: Insgesamt würden die Sitten an den Schulen rauer, Respektlosigkeiten nähmen zu. "Die Hemmschwelle sinkt", sagte Schäfer.

Der Blick in die Statistiken scheint ihnen Recht zu geben. Mehrerer Landeskriminalämter bestätigten laut der Nachrichtenagentur dpa, dass die Kriminalität an deutschen Schulen zuletzt angestiegen ist.

Mehr Straftaten an Schulen

Etwa in Bayern. Dort gab es 2017 deutlich mehr Straftaten an Schulen. Wie das Landeskriminalamt in München mitteilte, registrierte die Polizei im vergangenen Jahr 8356 Fälle. Das sind 540 mehr als 2016.

Auch in NRW ist die Fallzahl größer geworden. Laut Polizeistatistik wurde das Plus an Straftaten vor allem durch mehr Gewalt verursacht. Im Vergleich zum Vorjahr sei die Zahl der Fälle um fast fünf Prozent gestiegen. 22.900 Straftaten wurden demzufolge im vergangenen Jahr an den Schulen des Landes begangen - nach 21.800 im Jahr 2016.

Thüringen hatte bereits 2016 einen starken Anstieg sogenannte Rohheitsdelikte und Straftaten gegen die persönliche Freiheit verzeichnet. Im Vergleich zu 2015 stieg die Zahl der Fälle um 16,2 Prozent.

Der Anstieg der Schulstraftaten geht nach Angaben des Landeskriminalamtes Niedersachsen auch einher mit einem Anstieg der gesamten Jugendkriminalität im Jahr 2017. Nach zehnjährigem Rückgang nahm die Zahl minderjähriger Tatverdächtiger in dem Flächenland um vier Prozent zu, die Zahl tatverdächtiger Kinder stieg um 21 Prozent.

Bundesweite Zahlen will das Bundeskriminalamt in einigen Wochen vorlegen.

Gründe noch unklar

Erklärungen für die Zunahme von Gewalt an Schulen gibt es noch nicht. Schulleiter Bauhus berichtete in einem "Spiegel"-Interview: Auch früher habe es Prügeleien auf dem Pausenhof gegeben, "aber wenn damals einer am Boden lag, war Schluss". "Heute fehlt die Beißhemmung, es müssen auch mal drei, vier Lehrer dazwischengehen und zwei Schüler auseinanderreißen, damit es nicht böse endet", so der 61-Jährige.

Der Kriminologe Christian Pfeiffer mutmaßt, dass der Anstieg auch mit einem veränderten Anzeigeverhalten zu tun haben könnte. In Zeiten großer medialer Aufmerksamkeit über Gewalttaten würden Straftaten häufiger angezeigt. Auch wenn es sich bei den mutmaßlichen Tätern um Ausländer handele, sei die Anzeigebereitschaft statistisch erwiesenermaßen höher. Mit einer nach dem Flüchtlingszuzug gestiegenen Zahl ausländischer Schüler könne dies möglicherweise den Anstieg erklären.

Der Deutsche Lehrerband fordert eine länderübergreifende Meldepflicht für Gewaltvorfälle an Schulen. Es sei untragbar, dass die Bundesländer dazu bislang keine Auskunft geben können", sagte Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger. Die Politik habe bisher bei bestimmten Vorgängen leider "systematisch weggeschaut".

Mögliche Trendumkehr

In den vergangenen Jahren waren die Zahlen von Gewalttaten an Schulen zurückgegangen. Laut der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, die die Fälle bis 2016 dokumentierte, hatten sich die gemeldeten sogenannten Raufunfälle an Schulen mit leichten und schwereren Verletzungen seit 1993 in etwa halbiert.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 21. April 2018 um 08:03 Uhr.

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